Zeig an! Ich folge einfach!

10.02.2018

Ich habe lange überlegt, ob es sich lohnen würde, von einer Tagestour zu berichten. Ich meine: Was willst du schreiben? Du fährst zu Hause los, bewegst dich im Kreis und landest irgendwann wieder da, wo du gestartet bist. Dazwischen liegen einige wenige Stunden. Was käme in der Zeit für Material zusammen, dass es sich auch nur ansatzweise einem Tagesbericht als würdig erweisen könnte? Nichtsdestotrotz bin ich auf eine mehr skurrile Idee gekommen. Vom Resultat möchte ich euch erzählen.

Um genau zu sein, begann es schon an den zurückliegenden Werktagen. Die erste wirklich stabile Woche, was das Wetter betrifft. Also, schönes Wetter. Die ganze Weihnachtszeit, bis jetzt Anfang Februar war die Lage durchaus stabil. Stabil nass. Was mich zwar nicht davon abgehalten hat, meine Runden zu drehen. Aber es waren nur die eben mal um die Ecke Runden. Selten sind Strecken jenseits der zwanzig Kilometer zustande gekommen. Es gab natürlich mal Einzeltage. Aber eine ganze Woche? Klare Luft? Frost? Blauer Himmel? Nein, das war wirklich eine Seltenheit dieser Tage.

So begann es eigentlich schon am Sonntag der vergangenen Woche, dass meine Streckenleistung »rapide«? Ja, rapide. Sie ist rapide angestiegen. Mehr als hundert Kilometer in nicht einmal sechs Tagen habe ich ewig nicht erreicht. Sicher gibt es Menschen, die fahren mehr als ich, aber ich will ja nicht sein, wie die. So bin ich mehr als zufrieden. Bedeutet es doch eine größere Steigerung, verglichen mit den Vorwochen.

Und um ehrlich zu sein, habe ich die Tour für den Sonntag geplant. Also bin ich heute Morgen erst einmal mit dem Hund aufgebrochen und habe den wöchentlichen Einkauf erledigt. Da die Sonne den Tag derart freundlich erscheinen lässt, ergibt sich schon beim Einkauf eine ausgeweitete Runde. Denn ich fahre nicht zum Supermarkt im eigenen Ort, sondern zu dem in der Nachbargemeinde. Gute zwei Stunden bin ich mit dem Hund unterwegs. Zu Hause habe ich das Wichtigste für heute dann quasi abgearbeitet. Lotte ist müde. Zumindest, etwas überspitzt dargestellt, die Nächsten ein zwei Stunden.

Die Mittagszeit ist gerade angebrochen und ich merke, wie ich doch recht ruhelos bin. Immer wieder schaue ich aus dem Fenster. Das Wetter ist zu gut, als dass du etwas im Haus machst. Es hieß doch, dass es im Laufe des Tages trüber werden soll. Sollte nicht auch Schnee oder Schneeregen eintreten? Wind nicht auch? Außerdem weißt du nicht, wie es morgen aussehen könnte. Wenn du also eine größere Tour machen möchtest, dann ist jetzt der Zeitpunkt. Der Hund ist platt. Das Wetter spielt mit. Worauf wartest du? Ja, los! Komm in die Socken!

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Doch wohin eigentlich? Wie weit willst du fahren? Du hast knappe fünf Stunden Zeit, bis die Dämmerung einsetzt. Es gibt so manche Option. Aber die Entscheidung musst du treffen. Egal! Radel erst einmal los. Alles Weitere ergibt sich unterwegs! Nimmst du Musik mit? Ja, wieso eigentlich nicht? Lass Dich von sanften Klängen berieseln, während du durch die Natur gondelst. So lausche in dem »Sound Of Silence« in Dauerschleife. Nicht die klassische Version von Simon und Garfunkel. Zweifelsohne ein Meilenstein der Musikgeschichte. Jedoch finde ich dieses Stück zu getrieben. Es ergreift mich die Version der Gruppe Disturbed bei weitem mehr. Eine packende gesangliche Darbietung, getragen von einem Klavier, einer Gitarre und Kesselpauken. Abgerundet wird es schließlich von einem Streichorchester. Irre.

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So führt mich mein Weg auf den Höhenweg, der mich nach Jork-Gehrden bringt. Das Lied auf den Ohren höre ich schon gar nicht mehr. Gedankenversunken radel ich über die Schotterstraße. Ziehen die Obstbaumplantagen an mir vorbei. Weiche ich nach und nach den Schlaglöchern aus. Von dort geht es auf Nebenstrecken bis nach Osterjork. Vom Obsthof Lefers sind drei Boßelgruppen unterwegs, die von mir mehr unfreiwillig bei ihrem Treiben gestört werden. Aber ich möchte da eben schnell durch. So fallen einige flapsige Bemerkungen, ehe ich das saufende Vergnügungsvolk hinter mir lasse. Und dann? Ach, fahr nach Estebrügge und von dort über die landwirtschaftlichen Straßen nach Rübke. Der Ortskern von Estebrügge wirkt an diesem Tag wie ausgestorben. Unfassbar eigentlich. Gut, es ziehen so allmählich Wolken auf. Aber ist das ein Grund in der Bude zu hocken? Scheinbar schon.

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Auf den Straßen zwischen den Obsthöfen hindurch ist mehr Leben, als im gesamten Dorf. So begegne ich unter anderem einem Schützenbruder des örtlichen Vereins, der gerade seine Hunderunde dreht. So folgt eine kurze Plauderei, ehe ich meinen Weg gen Rübke fortsetze. Hier schalte ich zum ersten Mal das Navi an. Ja, das habe ich mitgenommen. Obwohl ich mich auskenne. Wobei. Ich kenne mich auf den Hauptstraßen hier aus. Einige wenige Schleichwege vielleicht noch, aber dann ist auch schon Schluss. Ich gebe als Zielort Rosengarten an. Vielleicht bis zum Wildpark »Schwarze Berge«? Schaffst du das noch? Ich versuche es.

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So gondel ich hinter Rübke von meinem landwirtschaftlichen Weg abweichend erstmals über neue Wege. Es dauert nicht lange und ich erreiche die ersten Siedlungen von Neu Wulmstorf. Schlichtweg geradeaus und ich lande an der Bundesstraße. Aber Moment, wolltest du nicht weiter stadteinwärts erst? Egal. Navi, zeig an, ich folge. So geht es über die Hauptstraße durch eine weitere Siedlung auf die Strecke, die mich nach Elstorf führt. Der Himmel ist mittlerweile wieder zu einer grauen Suppe verkommen. Aber trocken ist es. Noch. Hoffe, das bleibt so.

In Dearstorf, noch gar nicht soweit weg von Neu Wulmstorf wage ich einen Blick auf die Uhr. So spät ist es schon? Wahnsinn bin ich langsam unterwegs. Es wird bald dunkel. Willst du wirklich noch bis zu den Harburger Bergen? Denk auch an deine Beine. So weit bist du ewig nicht gefahren. Auch wenn jede Schnecke Dir bei dem Tempo Konkurrenz machen kann. Langsam fahren, bedeutet längere Reisezeit. Später am Wendepunkt der eigentlichen Tour. Bedeutet weit nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause. Also neues Ziel ins Navi gegeben. Apensen ist jetzt das Ziel. Kürzeste Strecke. Und schon geht es wieder in die »Walla-Pampa«.

Unglaublich eigentlich. Da fährt man hier jahrelang mit dem Auto umher und weiß nichts von diesen Nebenstrecken. Gut, mit dem Auto darf man hier nicht. Aber darum geht es nicht. Ich hatte vor einigen Jahren mal nen Rappel und habe in einem rechts kurzen Zeitraum recht viel Gewicht verloren. Durch Radfahren versteht sich. Da bin ich die Strecken nachgefahren, die ich mit dem Auto auch immer gefahren bin. Ein Skandal eigentlich. Das Navi deutet nach links. Alles klar, ich folge. Sandpiste. Supi. Festgefahren, aber doch nicht ganz so prickelnd, wie eine Schotter- oder Asphaltstraße. Weit kann ich den Weg auch nicht fahren. Vor mir taucht ein schweres eisernes Tor auf. Eine Sandkuhle. Firmengelände. Also zurück und woanders lang. Es gibt an dieser Stelle genügend alternativen an Wegstrecke, die ich ausprobieren kann. So geht es in einem kleinen Bogen um das Areal herum. Reiter begegnen mir und grüßen freundlich.

Moment mal! Hier ist ein Golfball-Weit-Prügel-Anlagen-Ding. Ist ja verrückt. Wo bist du überhaupt? Ich habe nicht die Bohne Ahnung. Rechts von mir liegt irgendwo Buxtehude. Hinter mir verläuft die Bundesstraße Richtung Soltau und vor mir irgendwo in zehn Kilometern das Örtchen Apensen. Selbst als ich in den Ort Pippensen gelange, habe ich anfänglich nicht den Durchblick, wo ich gerade bin. Ist es jetzt genanntes Dorf, oder doch Daensen? Dort ist der Starenkasten. Wo stand der jetzt noch? Antwort A oder B? Selten so verwirrt gewesen. Und das an einer Hauptstraße, die mich früher jeden Donnerstag zur Disco gebracht hat, die schon fast mein Zweites zu Hause war. Peinlich? Bedingt. Erst als ich einige Wegweisschilder für Radler entdecke, habe ich Gewissheit. Ich bin in Pippensen.

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Hinter dem Ort bleibe ich stehen und erblicke das Estetal. Man möchte gar nicht glaiben, dass es hier so auf und niedergeht. In einiger Entfernung entdecke ich ein großes Gebäude auf einer dieser Erhebungen. Das Krankenhaus von Buxtehude. Im Vordergrund ist das Flusstal. Da willst du jetzt rein. Auf dann also. Mit wehenden Fahnen geht es abwärts. Knappe, lass mich lügen, dreihundert Meter? Was ein Ritt. Kenne ich doch ganz andere Abfahrten. Ich komme in das Örtchen Heimbruch. Noch nie davon gehört. Es liegt bei dir um die Ecke und du hast keinen Schimmer? Schäm dich! Idyllisch ist es hier allemal. Über eine Holzbrücke quere ich die Este und der Weg aus dem Tal hinaus führt ein sandiger Waldweg.

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Auf den landwirtschaftlichen Straßen Richtung Apensen hüpfen die Kohlmeisen durch das blätterlose Geäst. Die Sonne hinter der dicken Wolkensuppe steht schon recht tief. Es tauchen mehr Hundehalter auf, die mit ihrem Vierbeiner die abendliche Runde drehen. Wie es meiner wohl geht? Ist sie wieder aktiv geworden und bespaßt meinen Vater? Bestimmt. In Horneburg gönne ich mir dann eine kleine Pause. Ein Snack und ein großes Bier versüßen den Einbruch der Dunkelheit. Hier weiß ich wieder blind, wo ich bin. So stört es mich nicht, dass ich die letzten Kilometer durch die Schwärze fahren muss. Fast fünfundsechzig Kilometer springen am Ende der Tour heraus. Ein wirklich gelungener Tag! Wird Zeit, dass es Frühling wird!

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3 Gedanken zu “Zeig an! Ich folge einfach!

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