Auf geht’s! Ab geht’s! Über den Osten!

15.07.2018

Das Schöne am Campen ist, wie ich finde. Man benötigt keinen Wecker. Das macht die Natur ganz von alleine. Oder die Nachbarn. In meinem Falle ist es beim ersten Mal die Natur. Das Zwitschern der Vögel, die den jungen Tag begrüßen. Ich schaue auf das Telefon und drehe mich murrend auf die andere Seite. Eine weitere Stunde möchte ich mir schon gönnen. Eben diese Stunde weiter sind es dann die Nachbarn, die mich aus dem Schlaf reißen. Wobei reißen? So wirklich tief im Land der Träume war ich nicht mehr seit dem ersten Erwachen. Von daher ist den Leuten kein Vorwurf zu machen. Auch waren sie bemüht leise. So ganz ohne Geräuschkulisse geht es dann aber nicht.

Aber was mir mit jeder Nacht im Zelt mehr bewusst wird, ist, dass Gefühl für längst vergangene Zeiten. Jahrzehnte. Jahrhunderte? Es spreche speziell von den Schlafgewohnheiten. Ich habe, ach, das ist schon ewig her, mal eine Doku im Fernsehen geguckt. Da ging es um das Leben von Früher. Der Moderator fragte seinen Interviewgast, wann und wie die Menschen damals ihren Tagesablauf gemeistert haben. Und dann sagte er, was ich halt jetzt auch erlebe. Die Menschen damals sind mit den Tieren aufgestanden. Wenn sich die Sonne langsam aus der Schwärze der Nacht vorwagte, hat auch das Tag bei Mensch und Tier begonnen. Sobald die Sonne unterging, ist man schlafen gegangen. Man entwickelt wieder eine Art natürliche Uhr. Der Abend dämmert, man wird müde. Die Sonne geht auf, man erwacht.

Und dann denke ich immer an die Äußerungen, dass der Mensch ja eigentlich kein Tier sei, sondern ein Mensch. Wegen seiner Intelligenz. Dass aber auch wir noch diese tierischen Instinkte in uns haben, wird schnell vergessen. Wie im Absatz zuvor beschrieben. Oder aber, ein viel besseres Beispiel ist für mich Panik. Auch wenn der Mensch keine natürlichen Fressfeinde hat, ist tief in seinem Inneren doch der Instinkt, dass wenn plötzlich Gefahr in Verzug ist, er seine Intelligenz vergisst und in Panik gerät. Es ist beeindruckend, wie ich finde. Und dann sitze ich wieder im Sattel und grübel über solche Dinge nach. Oder die Äußerungen, die aus der Schule hängen geblieben sind. Warum haben die klugen Köpfe damals all das herausgefunden? Weil sie Zeit hatten. Muse. Sie haben jetzt sicher nicht auf dem Fahrrad gesessen. Aber vielleicht am Fluss. Haben Steine über das Wasser fletschen lassen und waren mit ihren Gedanken alleine. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich irgendeine große Sache entdecke. Ich finde es nur interessant, wie hektisch unser derzeitiges Leben ist. Dass oftmals, gefühlt, den Leuten die Muse fehlt. Die Ruhe. Der Sinn für das um einen selber herum.

Ich will nun aber nicht über das Leben philosophieren. Ich habe eine Etappe vor mir. Eine Reise nach Hause. Über den Osten von Hamburg. Nachdem ich alles wieder am Fahrrad verstaut habe, verabschiede ich mich von meinen Nachbarn. Ich wünsche dem Pärchen für ihren weiteren Tourverlauf alles Gute. So schwinge ich mich schließlich wieder in den Sattel. Um sicher zugehen, dass ich nicht wieder auf die Bundesstraße vom Vortag stoße, gebe ich anfänglich den Ort Travenbrück in das Navi ein. Nun komme ich an Wegen entlang, die ich mir gestern auch gewünscht hätte. Sicher sind es noch Verkehrsstraßen, aber es geht über Tingeldörfer. Die Fahrbahnen gehen auf und ab. Winden sich hier um eine Erhebung. Schlängeln sich dort zwischen zwei Hügeln hindurch. Ich muss ziemlich viele Steigungen bewältigen. Sie sind alle überaus moderat, das ja. Höhenmeter mache ich auf die Menge an Steigungen dennoch. Wer hier wohnt, muss kein Geld für die Muckibude ausgeben. Zumindest nicht, um abzunehmen. Es genügt ein Fahrrad. Oder Inliner. Oder einfach Laufen.

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Die einzige Stadt, die ich durchquere, ist Bad Oldisloe. Das Wetter heute ist herrlich. Die Sonne gibt sich die größte Mühe. Es ist wärmer als gestern. Kaum Wind. Die Wolken hängen wie riesige Wattebäusche am Firmament. Hin und wieder schaue ich auf meinen Tacho und beobachte, wie die Kilometeranzeige langsam klettert.

In dem Örtchen Mollhagen komme ich mit zwei älteren Damen ins Gespräch. Ob ich über Trittau fahre, werde ich gefragt. Ich zucke mit den Achseln. Ich folge meinem Navi, ich wolle nach Allermöhe. Man legt mir einen Radwanderweg ans Herz, den ich unbedingt fahren müsse. Da er mich von sämtlichen Straßen wegführt. Die Kirsche auf der Sahnetorte, denke ich. Hat es mir bis hier her schon unheimlich viel Spaß gemacht, wird jetzt landschaftlich mal so richtig eskaliert. Ich bedanke mich und radel in den nächsten Ort, wo dieser besagte Radwanderweg beginnen soll. Um ganz sicher zu gehen, frage ich noch einen Landwirt, der gerade auf seinem Hof etwas herumwerkelt. Er bestätigt mir, dass ich auf der richtigen Straße sei. Lediglich einige wenige hundert Meter müsse ich noch fahren. Ich solle auf einen Rohbau achten. Dahinter würde der Radweg beginnen.

Wie geil ist das denn, bitte???

Der Weg ist gigantisch! Er ist kaum breiter als ein gewöhnlicher Fußweg. Gesäumt wird die Strecke von Büschen und Bäumen. Es ist so dicht, dass man sinnbildlich durch einen grünen Tunnel fährt. Wahnsinn! Zu meiner Endtäuschung fahre ich nur wenige hundert Meter diesen Weg. Mein Navi hat andere Pläne. Nicht direkt über Trittau. Nein. Nochmal einige größere Windungen und Steigungen an einer Dorfstraße entlang. Dann verfinstert sich mein Blick. Eine Bundesstraße. Ach, nur einige hundert Meter. Und dann? Rechts. Wald! Ein dichter, satter, grüner Wald! Eine festgefahrene Sandstraße. Heute wird die Strecke mit jedem Kilometer besser und besser. Ich sauge die Luft ein. Dieser dezente Geruch der Nadeln. Der Pilze. Dieser typische Waldgeruch eben. Dann gelange ich wieder an diese schmale Asphaltstraße. Und ich soll ihr folgen. Nun gut. Vielleicht habe ich so nur etwas abgekürzt.

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Je länger ich diesem Weg folge, desto mehr Menschen begegnen mir. Es ist unglaublich, wie viele hier unterwegs sind. Langzeitradler begegnen mir aber nicht. Alles Tagesausflügler und Rennradfahrer. Erst in Willinghusen verlasse ich den Radwanderweg. Es geht über Billstedt nach Allermöhe. Dort, wie schon so oft beschrieben in den Gasthof »Zum Eichbaum«. Und bei diesem Wetter platzt der Laden aus allen Nähten. Nur zwei Leute hinterm und vor dem Tresen. Das kann nicht gut gehen. Das merkt man an der Stimmung, die hier heute herrscht. Falsch finde ich hier die Äußerungen des Kellners, der sagt, man sei überlastet. Im Gebäudeinneren sind dabei noch Plätze frei. Sicher ist es schwer, für eine Person gute fünfzehn Tische zu bedienen. Aber von Überlastung zu sprechen hat für mich die falsche Signalwirkung. Währe ich das erste Mal hier, wer weiß, ob ich jemals wieder gekommen wäre. Hätte man es den Nörglern hier und heute vernünftig begründet, dass eben mangels Personal mit einer längeren Wartezeit zu rechnen ist, wäre doch alles gesagt. Aber das ist meine Sichtweise auf diese Situation.

Der Streckenverlauf

Der restliche Rückweg beschert mir dann Altbekanntes. Ich radel zu den Landungsbrücken und setze mit der Fähre nach Finkenwerder über. Von dort aus geht es dann an der Elbe entlang nach Hause. Der Tag war gigantisch. Nein. Das Wochenende war gigantisch. Die Beine brennen. Die Socken qualmen. Jetzt schnell waschen und dann mal schauen, was ich mit dem angebrochen Abend noch anstelle …

Fahrstrecke: 105,88 km
Höhenmeter: 403 m
Zeit: 6:54 h
D.-geschw.: 15,32 km/h

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