Hey Ho, Silver! Auf, auf in den Wilden Westen!

14.07.2018

Gott, wie lange ist das bitte her? Zwanzig Jahre? Nein, länger. Damals hat Pierre Brice noch Winnetou verkörpert. Die Rede ist von der Freilichtbühne am Kalkberg in Bad Segeberg. Jetzt, wo ich darüber schreibe, kommen doch die ein oder andere Erinnerung zurück. Wie ich als kleiner Bub bei einem der letzten Auftritte dieser Ikone auf der Tribüne gesessen bin. Wie ich Rotz und Wasser geheult habe, dass dieser große Schauspieler sich nun von der großen Bühne verabschieden würde. Ich erinnere mich, wie mich meine Mutter noch Jahre später damit aufzog. Manchmal können Mütter echt fies sein. Und doch sitze ich nun hier und wünsche mir irgendwie, dass ich ihr von dieser Fahrradreise über zwanzig Jahre später, zurück zu eben diesem Ort, erzählen könnte.

Sicher würde sie mich wieder nachmimen, wie ich seiner Zeit da gesessen habe. Wir würden herumblödeln und auf unserer ganz eigenen Schiene des Humors Witze machen. Manchmal fehlen mir die Momente. Wenn Mutter und Sohn am Mittagstisch vor Lachen geheult haben und mein Vater beleidigt in die Stube zum Essen gegangen ist, weil die Neckereien alle auf seine Kappe gingen. Das ist jetzt auch schon fast zehn Jahre her. Nächstes Jahr werden es zehn. Wahnsinn, wie die Zeit rennt.

Die Idee zu meiner heutigen Reise kam mir irgendwo Mitte Juni. Das Wetter ist seit Wochen phänomenal. Ich habe richtig Freude daran gefunden, jetzt auch mehr Tagestouren zu machen. Also, Tagestouren, über die man berichten kann. Es war gerade die Zeit, als die Plakate wieder aufgehängt wurden. »Winnetour und das Geheimnis der Felsenburg« prangte in großen Lettern ganz oben. So begannen die Überlegungen. Das Suchen nach einer Route. Wie Weit ist es überhaupt? Schaffe ich das in zwei Tagen? Also kurz geschaut, dann stand das Urteil. Machbar! Definitiv machbar! Aber zwei Mal die gleiche Strecke? Laaangweilig!!! Über den Westen Hamburg hin und über den Osten zurück? Wie sähe der Streckenverlauf dort aus? Auch machbar. Ich hätte nicht den Zeitdruck, dass ich rechtzeitig an einem Kassenhäuschen stehen müsste. Ich könnte alles ganz entspannt angehen. Aber Moment! Welche Vorstellung möchte ich besuchen? Tagsüber ginge irgendwie schlecht. Bleibt nur die Abendvorstellung. Es räumt mir so genügend Zeit ein. Ja, los! Karte bestellt!

Blog 1

Um sieben Uhr in der Früh klingelt der Wecker. Eigentlich bin ich schon früher wach. Sträube mich aber aufzustehen. Der Hund bewegt. Die letzten Sachen gepackt und am Fahrrad verstaut und dann rein in den Sattel. Ich nehme nicht die erste Fähre an diesem Samstagmorgen. Ich nehme die Zweite. Etwas Verzögerung habe ich wieder gehabt. Egal. Ich habe Zeit. Um halb sieben muss ich die reservierte Karte abgeholt haben. Kein Stress! Knappe siebzig Kilometer liegen vor dir. Du hast sieben Stunden Zeit! Lässig!

Der Himmel ist wolkenverhangen und es bläst ein leichter Wind. Es ist kühler als am Vortag, aber nicht kalt. Bestes Radelwetter. Der Streckenverlauf auf der anderen Seite gefällt mir mal so gar nicht. Das Navi schickt mich durch sämtliche menschlichen Ballungszentren. Pinneberg. Norderstedt. Und ab dem Örtchen Nahe fahre ich bis Bad Segeberg an der Bundesstraße entlang. Bis auf ganz wenige Ausnahmen nur Hauptverkehrswege. Wie ätzend! – Ätzend!!!

Einen kleinen Lichtblick gibt es vor Norderstedt. Ich entdecke wanderndes Volk. Junge Leute mit schweren Rucksäcken beladen. Pfadfinder! Es scheint, als hätte jemand eine Dose von ihnen aufgemacht. Hinter jeder Kurve tauchen mehr von ihnen auf. Ich verlangsame mein Tempo und komme mit einem Betreuer ins Gespräch. Mit wachsender Begeisterung lauschen wir einander unseren Geschichten. Die Gruppe ist auf dem Weg nach Norderstedt und möchte dort ein Zeltlager besuchen. Das machen die Jungs und Mädels mal eben zu Fuß. Cool!

Blog 2

Gute zwölf Kilometer vor Bad Segeberg komme ich dann an einem Ort vorbei, den ich lieber nicht kennen gelernt hätte. Aus einem Gebäude kommen signifikante Skandierungen. Schon im Vorwege kann ich eine bestimmte Symbolik an den Straßenrändern ausmachen. Symbole des braunen Mobs. Ich trete kraftvoller in die Pedale. Nicht, dass ich Muffe hätte. Ich will hier einfach nur nicht sein.

Gegen vier Uhr am Nachmittag erreiche ich dann den Campingplatz. Während ich mein Zelt aufbaue, kommen meine »Nachbarn« nach Hause. Radreisende. Ein älteres Ehepaar, das mit dem Fahrrad in Dänemark unterwegs war und sich nun langsam auf dem Heimweg befindet.

Blog 3

Was mich beeindruckt, ist, dass es hier vom Campingplatz alles so schnell zu erreichen ist. Keine fünf Minuten Fußmarsch und ich bin an der Freilichtbühne. Keine zehn Minuten zu gehen und ich bin in der Fußgängerzone. Das hat man als Kind damals ja gar nicht wahrgenommen. Ich bin echt überrascht. Also erst die Karte abgeholt. Dann der Bauch in der Innenstadt vollgeschlagen und dann auf, auf, Winnetou geschaut!

Ich bekomme ein solides Stück zu sehen. Wobei ich zugeben muss, dass die Magie als Erwachsener doch merklich verflogen ist. Die Dialoge kommen mir etwas hölzern vor. Teilweise geschwollen. Die Antagonistin geht mir bereits nach fünf Minuten auf den Keks. Was sicherlich einen Großteil an ihrer durchdringenden Stimme liegt. Zu allem Übel legt sie noch sehr viel Kraft in ihre Worte. Nein. Die gewinnt bei mir heute nicht einmal eine goldene Himbeere. Fürchterlich. Ich will jedoch nicht zu hart sein. Man muss eines bedenken: Dieses alles ist für Kinder zugeschnitten. Somit ist es solide. Amüsiert habe ich mich allemal. Zumal ich vielleicht auch am Anfang die Atmosphäre um mich herum etwas kaputt gemacht habe. Beabsichtigt ist das nicht gewesen. Es ist einfach aus mir heraus geplatzt.

Blog 4

Man kündigt den Erzähler als Stimme von Karl May an. Als eben diese Stimme ertönt, rufe ich, dass das nicht Karl May sei, sondern Optimus Prime aus der Transformers Reihe von Michael Bay. Zack! Unbeliebt. In Gedanken male ich mir aus, dass Reiner Schöne, so die Stimme von Karl May/Optimus Prime einen geheimen Blooper eingebaut hätte. Mitten im Stück würde er rufen: Apachen! Transformiert euch! – Ich muss mir eine ganze Weile auf die Zunge beißen. Gedanklich habe ich so manche Szene kaputt gesülzt.

In der Pause habe ich dann auch noch meinen Block vor Lachen zusammen gebrüllt. Eine Reihe vor mir, etwas nach links versetzt sitzt ein junges Mädchen und isst Pommes. Mein Blick schweift so durch die Reihen und genau, als ich bei ihr ankomme, bricht der Plastikpieker ab. Das Bruchstück fliegt hoch und ihr direkt an die Stirn. Vor Schreck wirft sie den Kopf zurück, als hätte man ihr gerade in den Kopf geschossen. Ja, das klingt gerade echt düster und gemein. Ich habe es dennoch witzig gefunden. Sie nicht. War mir egal.

Nach dem finalen Feuerwerk geht es dann ohne Umwege ins Zelt und in den Schlafsack. Morgen liegen einige Kilometer mehr vor mir, wenn ich wirklich über den Osten Hamburgs fahre, und ich werde es bestimmt so tun, brauche ich etwas mehr Kraft. Nochmal diese langweilige Strecke von der Hintour zurück, werde ich mir nicht antun. Auf gar keinen Fall!

Fahrstrecke: 71,33 km
Höhenmeter: 262 m
Zeit: 4:34 h
D.-geschw.: 15,58 km/h

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