Fragen kostet nichts.

16.08.2018

Durch Googlemaps habe ich in etwa eine Ahnung gehabt, was auf mich zukommt. Es würde die längste Tagestour werden, die ich bisher jemals gemacht habe. Ich habe Wochen, gar Monate schon mehr Mals über eine derart lange Strecke nachgedacht. Letztendlich konnte ich mich nicht auf ein Ziel festlegen. Bis zu diesem Tag. Genau genommen bis zum Vortag.

Ich habe diese Woche noch Urlaub. Eigentlich wollte ich über mehrere Tage wegfahren. Andere Umstände haben mir da aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Also wird es eine Tagesreise. Hauptsache noch einmal los. Wind um die Nase spüren. Dem Vogelgesang lauschen. Dem Rauschen der Baumkronen. Das Abrollgeräusch der Reifen. Das leise Knistern und Knirschen von Sand und Steinchen. So reißt mich der Wecker heute besonders früh aus dem Bett. Ich habe zugesichert, dass ich den Hund unterhalte, bevor ich mich auf die Straße werfe.

Im letzten Moment erwische ich die Fähre, die mich dieses Jahr bereits zum dritten Mal in diesem Jahr zum anderen Elbufer bringt. Zuvor bin ich gefühlt Jahrzehnte nicht damit gefahren. Dieses Jahr scheint vieles anders. Auf der Nordseite des Flusses nehme ich dann das Navi zur Hilfe. Ähnlich, wie die Reise damals nach Bad Segeberg, passiert auch heute nicht viel. Es ist schon komisch. Die Westseite um Hamburg ist irgendwie nicht ganz so der Knaller. Kann aber auch sein, dass ich schlicht die falschen Wege einschlage. Auf einmal knallt mir die Plattschaufel der Erinnerung eine vor den Latz. Ich komme an dem schwimmenden Lokal vorbei, wo mich, ich weiß gar nicht, wie alt ich damals gewesen bin. Zumindest wurde ich dort damals von einem Hund ins Gesicht gebissen. Es war ein tragischer Unfall. Es lag ein Säugling im Kinderwagen. Die Mutter warnte noch, dass ich nicht zu dicht an das Kind herangehen solle, da der Hund einen ausgeprägten Beschützerinstinkt für den jungen Menschen entwickelt hatte.

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Ich beugte mich dann zum Hund herunter und wollte in meiner kindlichen Naivität zeigen, dass von mir keine Gefahr ausgehen würde. Da ist es dann passiert. Ich am Schreien. Das Blut fließt über das Gesicht. Vor allem habe ich das Tier viele Minuten zuvor gestreichelt. Also, bevor ich an den Kinderwagen herangetreten bin. Von den Narben unter den Augen sieht man Jahrzehnte später nicht mehr viel. Doch die Erinnerung kommt schon wieder hoch, als ich diesen Ort passiere.

Einige Kilometer bringe ich zwischen mir und Wedel, da spielt mir mein Gehirn einen Streich. Ich fahre an einem Gärtnereibetrieb vorbei. Große Plakate bewerben Sommerblumen zu günstigen Preisen. Soweit nichts Besonderes. Aber dann das Sonderbare. Unter der Sommerblumenwerbung hängt ein weiteres Plakat. – Ich weiß gerade nicht, wie ich das beschreiben soll. Ich versuche es einfach mal und hoffe, dass meine Leser das irgendwie verstehen. – Ein weiteres Plakat, also. Direkt unter den Sommerblumen. Es werden dort ›Propangas‹ angepriesen. Ich bin so auf die Sommerblumen fixiert, dass ich Propangas anders betone und minutenlang kopfschüttelnd und grübelnd im Sattel sitze. Immer wieder frage ich mich laut, was denn nun Propangas seien? Ich habe diese Pflanze so noch nie gesehen. Ist es eine neue Züchtung? Wie zuvor angedeutet, hat es Minuten gedauert, ehe ich über meinen Denkfehler, meinen Betonungsfehler stolper. Unter den Sommerblumen wurden Gasflaschen angeboten. Das muss man aber auch dabei schreiben. Lauthals lache ich über meine eigene Blödheit und bringe immer mehr Kilometer zwischen mir und dem Fähranleger. Gleichzeitig wird die Entfernung zu meinem Ziel immer kürzer.

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Es ist knappe zwei Wochen her, dass ich an diesem Ort war, der heute mein Ziel mit dem Fahrrad sein soll. Wacken. Ich möchte das Dorf einmal in seinem Urzustand sehen. Auch würde ich mir gerne nochmal ein Shirt von diesem Festival holen. Gut, das hat man während der Tage auch tun können. Heute habe ich aber diese Menschenmassen nicht im Nacken. Jetzt hat man Zeit und kann in Ruhe gucken.

Bis Elmshorn folge der der Bundesstraße. Nach Itzehoe weiter ändert sich nicht viel. Nur dass die Fahrbahn neben mir jetzt nicht mehr Bundesstraße heißt. Erst als mir auf den letzten Kilometern der Kragen platzt und ich einfach nur weg von der Hauptstraße will, ändert sich die Wegbeschaffenheit gewaltig. Zwischenzeitlich habe ich sogar feinen Sand unter den Rädern, was zur Folge hat, dass ich schiebe. Vom Grundgedanken war es eigentlich dumm den Weg zu verlassen. Sicher, ich wollte von der Fahrbahn weg. Noch dazu wollte ich keine Strecke zwei Mal am heutigen Tag sehen. Das wäre der Fall gewesen, wenn ich bei Kleve die Richtung beibehalten hätte. So bin ich über Huje gefahren und dann querfeldein abgebogen. So umgehe ich Vaale und durchfahre den Ort erst bei meiner Heimreise.

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Irgendwann verlasse ich die landwirtschaftlichen Wege und komme kurz vor dem Ortsschild wieder an die Hauptstraße. Es ist genau die Straße, über die ich vor zwei Wochen schon den Ort betreten habe. Schnell ein Foto am gleichen Schild und dann weiter in den Kern. Ich sehe auf der linken Seite die Bank vor dem Haus wieder. Darauf sitzt, wie vor zwei Wochen der ältere Herr. Davor steht sein Sohn. Ob sie sich seit dem Festival schon mal bewegt hätten, frage ich schnippisch. Gelächter bricht aus. Der Rest hier wirkt wie tot. Alles ist weg. Die Buden. Die Menschenmassen. Ein krasser Kontrast.
Ich setze ich ins Wirtshaus. Vielmehr in den Biergarten. Ey, hier fahren Autos! Is ja ’n Ding! Ein völlig neues Bild für mich. Während ich nun da sitze und an meine Limo nuckel, schweifen die Gedanken ins nächste Jahr. Die Karte habe ich schon. Eigentlich könnte ich wieder pilgern. Ja, warum eigentlich nicht? Ich bezahle und suche den Souvenirladen auf. Ein T-Shirt eingepackt und weiter. Mir brennt eine Frage unter den Fingernägeln. In Sachsenbande kenne ich jemanden, der sie mir beantworten kann.

Das Fahrrad abgestellt. Einmal quer durch den Garten und da schau her. Im Kuhstall werde ich fündig. Es folgt ein anfänglicher Plausch mit Lothar. Wie er das Festival fand. Wie es mir derweil ergangen ist. Schließlich frage ich, ob es möglich wäre, sollte ich nächstes Jahr wieder pilgern, ob ich bei ihm wieder Zwischenhalt machen dürfe? Sofort bekomme ich zur Antwort. Ich wisse ja, wo ich mein Zelt hinstellen dürfe. Also abgemacht. Nächstes Jahr laufe ich erneut.

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Bis zur Fähre bei Glückstadt fahre ich original den Weg, den ich damals auch gelaufen bin. Auf unserer Seite sitzt mir dann doch etwas die Zeit im Nacken. Ich muss schleunigst nach Hause. Ich habe noch einen Termin und ich habe mich auf dem ganzen Weg etwas mit der Zeit vertan. Hinzu kam es, dass die Störbrücke für einen Segler geöffnet wurde. Wertvolle Zeit, die ich verloren habe. Gleiches erlebe ich an der Schwingebrücke bei Stade. Zuvor melde ich schon nach zu Hause, dass ich es nicht ganz pünktlich schaffen werde. Es aber nur an den Brücken auszulassen wäre falsch. Ich habe die Zeit heute wieder wirklich genossen. Kann auch sein, dass ich an der einen oder anderen Stelle etwas getrödelt habe.

In Bützfleth ganz sicher. Da fahre ich gerade durch den Ort. Vorbei an einer größeren Menschengruppe, da brüllt mir doch jemand hinter her. Es ist der Thomas, der gerade mit Mitgliedern des Schützenvereins die letzten Vorbereitungen für deren Fest am Wochenende trifft. Ob ich einen Schnaps verhaften möchte, nachdem ich schon so weit geradelt bin. Ein kleiner Schnaps geht. Ja, ein Zweiter auch noch. Aber dann ist auch Schluss. Ich habe einen Termin. Der ist wichtig …

Fahrstrecke: 138,12 km
Höhenmeter: 293 m
Zeit: 8:11 h
D.-geschw.: 16,94 km/h

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Quelle: Runtastic.com

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