Jetzt aber schnell!

25.09.2019

Immer wieder geht der Blick zur Uhr. Rattert mein Kopf die anstehende Etappe durch. Zu meiner Überraschung ist das Gepäck längst fertig. Einzig das Loskommen. Das bereitet mir leichtes Kopfzerbrechen. Ich habe es zwar selber so geplant, dass ich erst am späteren Nachmittag aufbreche, dennoch bin ich irgendwie nervös. Es sind zwischen siebzig und achtzig Kilometer, die ich bewältigen muss. Ich möchte es bis Bassen im Landkreis Verden nahe Bremen schaffen. Sicher, verglichen mit den Etappen im Mai ist es eher die Entfernung von einem Steinwurf, aber dennoch.

Während der Kaffeezeit geht es dann endlich los. Im Vorwege habe ich mit meinem Vater noch abgesprochen, dass ich Lotte auf den ersten Kilometern mitnehme. Ihm, meinem Vater, geht es körperlich heute nicht sonderlich. Also, warum soll er dann abends noch mit Lotte eine Runde drehen, wenn ich das jetzt schon machen kann? Ich möchte mich an der Stelle nicht über die Wirtschaftlichkeit dieser Idee streiten. Die ist eine glatte Sechs, das gebe ich zu. Aber den Hund einfach mit dem Auto abholen, ist an der Stelle schonender für meinen Vater. Also ziehen Lotte und ich vorerst zusammen los.

In Horneburg schnell beim Supermarkt vorgefahren und die Vorräte angelegt, ehe ich weiter nach Bliedersdorf fahre. Dort setze ich mich in die Wirtschaft und warte auf Lottes Taxi. Und ich warte. Und warte. Warte. Innerlich bin ich in heller Panik. Mein ganzes Planungskonstrukt scheint gerade in sich zusammen zufallen. Gefühlt schaue ich alle halbe Minute auf die Uhr, bin aber in Wahrheit schon fünf Minuten weiter. Wenn jetzt noch stärkerer Gegenwind kommt, bin ich geliefert. Ich habe noch über sechzig Kilometer vor mir. In knapp anderthalb Stunden wird es dunkel. Endlich taucht der rote Wagen meines Vaters auf. Zehn Minuten vor sechs ist es, als ich meinen Weg endlich fortsetzen kann. Zwischendrin wollte ich Lotte schon weiter mit nach Ahlerstedt nehmen. Dann wäre das Abholen aber bald zur halben Weltreise mutiert. Irgendwie schien es eine blöde Idee von mir zu sein. Nicht falsch verstehen. Auf das Etappenziel bezogen. Meinem Vater damit zu helfen, war gut. Nur habe ich mir damit selber ins Bein geschossen.

Ich rufe Torbo an, dass sich meine Ankunft in Bassen weit nach hinten verschiebt. Der wirkt wenig begeistert. Er müsste dann über eine Stunde im Lokal auf mich warten. Als der erste ›Schock‹ überwunden ist, meint er, dass ich ganz in Ruhe machen soll. Er hätte Zeit und er würde die Zeit schon irgendwie rumbekommen. Als Nächstes setze ich mich mit meiner Herberge in Verbindung und schildere gleiches Problem. Ich hätte ja den Code für den Schlüsselschrank am Gebäude und müsse mir keine Sorgen machen. Das Geld für die Übernachtung soll ich dann am Morgen einfach auf dem Tisch im Zimmer hinterlassen. Damit ist das dann auch geklärt.

Hinter Bliedersdorf geht es dann ab in den Wald und der Geruch von Herbst aufgesogen. Harz, Pilze, nasse Blätter. Der Sand und Kies unter meinen Reifen knistert leise. Vögel verabschieden den Tag. Wenige Menschen sind noch mit ihren Hunden unterwegs. Man merkt, dass es nicht mehr lange dauert und ich in völliger Dunkelheit unterwegs bin. Wie sich das Himmelblau erst langsam in Richtung Azurblau verfärbt. Später Saphirblau wird uns schließlich noch dunkler. Die aufkommenden Bodennebel liegen zwischen den Pflanzen und Bäumen wie Gespenster. Rehe wagen sich im Halbdunkel aus dem Schutz der Bäume hinaus auf die Felder. An einem Bahnübergang erhasche ich in einiger Entfernung Vegetation, die sich wie ein Tunnel über die Gleise legen. Im Nebel wirkt es ein wenig geisterhaft. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht sehe: Mitten auf den Gleisen steht ein Reh. Da sehe ich erst im Zoom der Kamera. Noch dazu bewegt sich wenige Meter davor ein Hase im Gleisbett. Bambi und Klopfer sind unterwegs und machen die Gegend unsicher.

Hinter Zeven ist es dann der Moment gekommen. Die Sonne hat mich verlassen. Die einzige Lichtquelle ist der kleine Scheinwerfer, der mir den Weg leuchtet. Okay, ab und an das Display des Navis, das ich einschalte, um zu schauen, wann ich wie wo abbiegen muss. Derzeit muss ich aber nicht viel gucken. Ich soll der Hauptstraße achtzehn Kilometer folgen. Nachteil: Es gibt keinen Fahrradweg. Vorteil: Auf achtzehn Kilometern kann es keine Überraschungen geben, was den Weg angeht. Schiere Asphaltdecke bis wenige Kilometer vor mein Ziel. Dabei herrscht auf diesem Abschnitt kaum Verkehr. Es ist nichts los. Einen weiteren Vorteil bringt die Dunkelheit mit sich. Ich kann nicht sehen, was ich bereits hinter mir habe. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Auch habe ich keine Ahnung, wie schnell ich fahre. Eines weiß ich, langsam kann es nicht sein. Irgendwann mache ich das Navi wieder an und denke, dass ich so drei Kilometer abgeknapst habe. Als das Satellitensignal greift, springt die Anzeige von fünfzehn auf neun Kilometer. Ist ja verrückt. Was so ein bisschen Dunkelheit ausmacht.

Letztendlich verfehle ich die Zeit mich mit dem Torbo zu treffen um gute zwei Stunden. Als ich im Lokal neben ihm sitze, überkommt mich plötzlich eine starke Übelkeit und rasanter Speichelfluss. Ich habe auf den letzten sechzig Kilometern alles aus mir heraus geholt. Ich zeige Symptome einer Überanstrengung. Wie ein Häufchen Elend hocke ich auf meiner Bank. Zum Klo gehen will ich partout nicht. Dann würde es in mir völlig eskalieren. Das möchte ich unbedingt vermeiden. So kämpfe ich gegen meine Übelkeit an. Ein Getränk später bessert sich mein Zustand ebenso schnell, wie er sich zuvor verschlechtert hat. Es endet der Abend im Lokal schlussendlich überaus fröhlich. Man kommt noch mit Pannenhelfern ins Gespräch, die gerade einen Notdienst beendet haben und einen kleinen Imbiss zu später Stunde zu sich nehmen möchten. Nach Mitternacht falle ich tot müde in mein Bett. Was für eine Krawalletappe. Auf den Anfängen mit Lotte hatte ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp zwölf Kilometern pro Stunde. Ich habe diesen Wert auf über sechzehn drücken können. Dabei kommt die wirklich echte Krawalletappe erst noch auf mich zu. Nämlich Morgen! Über einhundertdreißig Kilometer.

Fahrstrecke: 76,24 km
Höhenmeter: 201 m
Zeit: 4:45 h
D.-geschw.: 16,05 km/h

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