Sonne! Unfassbar! Sonne!

02.10.2019

Schon verrückt, wie schnell die Zeit wieder vergangen ist. Acht Tage nach meinem Aufbruch stehe ich mit dem Fahrrad wieder kurz vor der Heimat. Naja, was heißt kurz. Einhundertzwanzig Kilometer sind es in etwa noch. Dennoch empfinde ich diesen Morgen etwas Wehmut. Ich hätte noch einige Tage länger radeln können. Also, gegenwärtig. Wer weiß, wie ich heute Abend dazu stehe. Vielleicht verfluche ich die letzte Etappe auch, weil etwas schief gelaufen ist. Aber erst einmal muss ich auf die Straße. So verlasse ich mein Hotelzimmer und schwinge mich wieder in den Sattel.

Mein Weg führt mich durch Bookholzberg Richtung Lemwerder. In Sannau bekomme ich mich dann mit meinem Navi in die Haare. Ich suche die Weserfähre. Die Beschilderung an der Straße ist hier etwas spärlich. Das Navi sagt, ich soll mich rechts halten. Mein Gefühl mir, dass ich nach links muss. So eier ich an der Hauptstraße wie ein kopfloses Huhn hin und her. Für einen Moment kann ich mich nicht entscheiden, was ich möchte, wo ich lang will. Schließlich schlage ich den Weg geradeaus ein. Gute dreihundert Meter. Das hat es jetzt gebracht. Denn da ist eine weitere T-Kreuzung. Somit habe ich das gleiche Problem wieder. Links oder rechts?

Endlich erreiche ich den Fähranleger. Neben mir stehen andere Radfahrer. Da fragt mich doch einer, warum die zweite Fähre nicht fährt. Mich. Das Fahrrad mit Gepäcktaschen schwer beladen. Mich fragt man, warum die Fähren nicht im Pendelverkehr fahren. Man müsse ja so viel länger warten, bis man übersetzen kann. Die Situation entwickelt eine sonderbare Eigendynamik. Denn der Ton wird gereizter. Von beiden Parteien. Nachdem ich zuerst zwei Mal im ruhigen Ton erkläre, dass ich nicht von hier bin. Ich keine Ahnung habe. Und es mir eigentlich auch egal ist. Dann merke ich aber, dass sich mein Gegenüber da fürchterlich drüber aufregt. Sei es meine Unwissenheit. Sei es, dass die Fähren nicht zu zweit fahren. So erlaube ich mir ein dezentes Sticheln. Die Wogen schwappen höher. Innerlich grinse ich bis zu den Ohren. Menschen!

Auf der anderen Flussseite folge ich dann bekannten Wegen. Ich sollte sie zumindest kennen. Hier bin ich schon einmal mit dem Fahrrad gewesen.. Leider spielt mir mein Gehirn immer wieder Streiche, dass ich mir dabei nicht so ganz sicher bin. Dann kommen wieder Punkte, wo ich sicher bin, dass ich hier schon einmal war. Wenige Kilometer später kratze ich mich wieder am Kopf. Hier soll ich rechts fahren? Bin ich hier damals nicht links? Nein. Da vorne das Haus. Das kenne ich. Oder doch nicht?

Ich gelange an einen schmalen Deichweg. Links grüne Felder. Rechts das Flutwehr. Zaunpfeiler aus geviertelten Baumstämmen halten den rostigen Stacheldraht. Der Wind pustet durchs hohe Gras und lässt es hin und her wogen. Die Sonne steht am Himmel und lässt mich etwas Wärme im Rücken spüren. Nach all den grauen Tagen mit Wind und Regen. Ein fast perfekter Tag. Sicher habe ich heute auch schon Wasser von oben abbekommen. Das war aber nicht der Rede wert.

Am gestrigen Abend habe ich noch einmal einige Reiseoptionen durchgespielt. Die Wümme ist nicht so weit weg. Ich könnte einen kleinen Umweg nehmen und in dem Wirtshaus noch einmal Pause machen, wo ich vor einem Jahr schon einmal einen Stopp eingelegt habe. Ja, los. Bei diesem Wetter. Gönn dir noch einmal etwas. In die Pedale getreten! Mein Problem: Ich bin zu früh. Man hat noch nicht geöffnet. Ich wäre gezwungen, über eine Stunde zu warten. Was mache ich nun? Warten oder weiter? Ich werfe einen Blick auf die aushängende Speisekarte. So zum Finden von Motivation. Man hat Wildwochen dieser Tage. Alles klar! Überredet! Ich warte!

Was eine wilde Schlemmerei! Neben einem intensiven Gespräch mit der Wirtin und der Kellnerin kommt ein Pärchen zum Essen herein. Ein Schauspiel vor dem Herren. Die Zwei sind im Alter schon einige Jahre weiter als ich. Er ist schwerhörig und hat vergessen sein Hörgerät einzubauen. Vielleicht hat er auch einfach keine Lust dazu gehabt. Sein Herzblatt mault ihn in einer kecken Weise unentwegt an. Dazu schwärmt sie vom Kaminfeuer, das in der Raummitte flackert. Auch die Kellnerin haut einen Spruch nach dem anderen raus. Es ist ein herzliches Anpampen unter den Dreien. Ich mag so etwas. Diese Dorfatmosphäre, wenn man untereinander wenig Rücksicht nehmen muss, weil man jemanden kränken könnte. Unterdessen bläht sich mein Bauch immer weiter auf. So sehr, dass ich leichte Probleme bekomme, zu meinem Fahrrad zurück zukehren. Ich hätte einfach sitzen bleiben können. Leider muss ich irgendwann weiter. Noch habe ich achtzig Kilometer vor mir und die Kaffeezeit bricht bald an.

Wenige Kilometer weiter sehe ich auf einem Parkplatz einen Lastkraftwagen, der die besten Tage längst hinter sich hat. Ein Blick auf das Kennzeichen lässt mich fast vom Sattel fallen. Ich halte an und öffne die Beifahrertür. Johann! Ist ja verrückt. Pause? Ich möchte nach Hause. Nein, mit dem Fahrrad. Wo ich herkomme? Aus Dortmund. Johann verschluckt sich fast. Nein, nicht an einem Tag. Ich bin jetzt den dritten Tag unterwegs. Da brauche ich kein Taxi für die letzten Kilometer. Das packe ich jetzt selber. In etwa fünf Stunden würde ich noch brauchen. So verabschiedet man sich voneinander.

Kilometer um Kilometer schrumpft die Entfernung zu meinem Zuhause. Kommt die Umgebung mir bekannter vor. Hier links, dort rechts, dahinten einmal ein Rückwärtssalto, dann eine Chicago-Wende und schon bin ich in dem Örtchen Brest. Gerade rechtzeitig. Schon seit längerer Zeit beobachte ich den Himmel. Eine dunkle Wolkenwalze nähert sich mir unerbittlich. Just als ich meinen Hintern im Bushäuschen unterstellen kann, bricht die Hölle los. Solch einen Regen habe ich die Tage noch nicht gehabt. Ist mir egal. Ich habe ein Dach über dem Kopf. Aber was mache ich nun, um die Zeit zu verbringen? Ach schau, ich habe noch Reiseproviant. Eine Banane, Müsliriegel. Was noch? Ach schau, Erdnüsse. Es regnet noch immer. Stört mich nicht! Was ist noch in der Tasche? Hmm … Ey! Regen! Hör auf! Ich habe nichts mehr zum Essen! Ich muss weiter! Danke!

In Deinste öffnet der Himmel erneut seine Schleusen. Dieses Mal ist es aber kein kleiner Schauer. Die Wolkendecke ist zu groß. Es regnet sich jetzt richtig schön ein. Blöd. Lässt sich aber nicht ändern. Knappe fünfzehn Kilometer vor der Heimat ist mir das aber auch egal. Ich radel wie der Teufel. Der Wind schiebt, das Wasser prasselt auf mich hernieder. Langsam wird es nass am Körper. Los, fünf Kilometer noch. Denk an die heiße Dusche. Dann ist es geschafft. Ich rolle über die Kopfsteinpflasterung unserer Auffahrt. Fast siebenhundert Kilometer. Drei Tage Gegenwind. Drei Tage pustet es mir in den Rücken. Ein grandioser Abschluss meiner Radreise. Ich bin schon gespannt, was ich mir als Nächstes ausdenke!

Fahrstrecke: 118,61 km
Höhenmeter: 228 m
Zeit: 6:58 h
D.-geschw.: 17,01 km/h

3 Gedanken zu “Sonne! Unfassbar! Sonne!

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