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Die ersten Schritte

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11.07.2020

Zu Zeiten, wo andere sich zu Kaffee und Kuchen zusammensetzen, soll ich endlich aufbrechen. Einen Tag Verspätung sind eigentlich schon normal. Jeden großen Start habe ich im Vorwege irgendwie immer vergeigt. Wie dem auch sei. Ich kann los. Die letzten Dinge aus dem Keller geholt und auf meinen Zossen gespannt. Mein Vater steht neben mir und lacht sich eins. Der sei zu schwer. Abwarten. Ich stelle mich zwischen mein Zuggestänge und hebe die Deichsel an. Beginne anschließend hektisch alles umzupacken. Ich habe mich von den vielen Freiräumen blenden lassen. Hier noch eine Dose, dort noch eine Wasserflasche. Es muss alles ausgefüllt sein. Dafür brauche ich wahrscheinlich in den ersten sechs Wochen nicht einmal einkaufen gehen. Moment! Ich habe nur fünf Wochen Zeit. Wie dem auch sei. So fühlt sich der Wagen jedenfalls an.

Unter ersten schweren Schritten rolle ich den Wagen die Auffahrt hinunter. Werde angehalten und bekomme von dem Schausteller, der in der Carola-Geschichte bei uns sein Lager aufgeschlagen hat noch ein Kerrpaket mit. Noch mehr Gewicht. Aber nicht böse gemeint. Wer wünscht sich nicht eine solche Fürsorge? So zottel ich mit Lotte von dannen. Vor mir liegen sechshundert Kilometer Straße. Dicke Füße. Schmerzende Beine und Schultern. Schweiß. Fluchen. Wut. Euphorie. Und nicht zu vergessen die vielen, vielen Menschen, denen ich in dieser Zeit begegnen darf.

Kaum einen Kilometer unterwegs hält auf der anderen Straßenseite ein Auto. Kristian bemerkt, dass ich zu spät dran sei. Ich nicke. Eigenes Vergeigen, aber auch äußere Umstände. Er nickt, lächelt und wünscht mir Glück bei meinem Vorhaben. Da begegne ich Torben und Familie. Ja, es geht endlich los. Schnell ein Foto gemacht und etwas gequatscht, dann geht es weiter. Im Nachbardorf passiere ich das Haus von Hanna und Wilke. Lotte spielt wilde Hummel, weil Luna im Garten ist. Hanna kommt vor die Tür. Ein weiter kurzer Plausch entsteht. Auch hier ein Foto. Kaum einen Kilometer weiter das Gleiche bei Paul und seinem Sohn Arne.

Auf diesem Wege fliegt die Zeit vorbei. In Guderhandviertel werde ich ein weiteres Mal ausgebremst. Bereitwillig beantworte ich jede Frage. In Neuenkirchen gönne ich mir dann eine erste Pause. Der Wagen ist echt schwer. Die Schulterriemen machen das alles irgendwie nicht einfacher. Bleibt nur eines übrig. Essen. Essen, was das Zeug hält. Der Zossen muss leichter werden. Trinken nicht vergessen.

Hinter Horneburg, in Postmoor, um genau zu sein, guckt Ole plötzlich über den Gartenzaun. Was ich denn hier jetzt mache. Nach Bayern? Zu Fuß? Ich sei verrückt. Danke für das Kompliment. Kurz vor Bliedersdorf werde ich von vier Radfahrern eingeholt. Wo ich gestartet sei? Wo ich hin möchte? Ob ich schon eine Unterkunft für diese Nacht hätte? Ich gebe zu verstehen, dass ich es noch irgendwie nach Ruschwedel schaffen müsste. Das Angebot mit dem Schlafplatz ist echt nett. Jedoch ist jeder Kilometer, den ich heute schaffe ein Kilometer, den ich morgen nicht mehr laufen müsste. So ziehe ich weiter. Bis zum Feuerwehrgerätehaus von Bliedersdorf. Essen und noch mehr essen.

Als ich in Ruschwedel endlich ankomme, sind fast sieben Stunden vergangen, seit ich die ersten Schritte getätigt habe. Dunkel wird es auch. Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Zumindest habe ich das Minimalziel erreicht. Mir begegnen zwei Herren, die wohl von einer kleineren Gartenfete kommen. Im Laufe der Unterhaltung frage ich nach einer Schlafmöglichkeit. Eine Grünfläche, wo ich mein Zelt aufstellen könne. Ich soll zum Sportplatz gehen. Dort sei genug Platz und niemand würde sich daran stören. Es gäbe da auch eine kleine Holzhütte, die als Abstellraum genutzt wird. Wenn ich ganz viel Glück hätte, dann hat jemand vergessen, die Tür abzuschließen. Dann kann ich in der Hütte schlafen. So müsste ich kein Zelt im Halbdunkel aufbauen. Was ist, wenn es Einwände von Anwohnern gibt? Dann soll ich sagen, dass »Luschi« so gesagt hätte. Alles klar! Also fix für den Tipp bedankt und hin zum Sportplatz. Tatsache, die Tür ist offen. Leichte b´Bedenken habe ich, weil ich von einer größeren Gruppe Jugendlicher gesehen werde, wie ich das Häuschen untersuche. »Luschi« hat ja aber gesagt. Also ich in die Waagerechte und die Augen zu. Gestört werde ich in dieser Nacht nicht …

Laufstrecke: 17,00 km
Höhenmeter: 40 m
Zeit: 3:31 h
D.-geschw.: 5,13 km/h
Schritte: 31710

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