Ein erster kleiner Hilferuf

12.07.2020

Um sechs reißt es mich aus dem Schlaf. Himmel, meine Nackenmuskulatur. Der Wagen ist zu schwer. Ich muss mehr essen. Mein Blick geht zu Lotte, die auf ihrer Matte liegt und den Blick erwidert. Die Ohren gespitzt auf die Frage, ob wir weiter wollen, geht es los. Raus aus der Pofe. Viel zum Packen habe ich nicht. Lasse mir einfach etwas Zeit. Trete vor die Hütte und ziehe die frische, kühle Morgenluft in meine Lungen. Lotte schlüpft an mir vorbei und klebt mit ihrer Nase im Gras. Links entlang. Rechts entlang. Der Kopf hoch, sämtliche Antennen auf Empfang. Dann wird weiter geschnüffelt. Schließlich liegt sie auf der taubenetzten Wiese und beobachtet mein Treiben. Noch vor acht rumpelt mein Wagen zur Straße zurück und dann weiter gen Süden. Ein Grüppchen Kinder ist schon mit den Fahrrädern unterwegs. Die Frage, ob ich wirklich durch Deutschland laufe, bejahe ich. Dann trotten Lotte und ich weiter.

Meinen Füßen geht es hervorragend. So haben sie sich auf meinen beiden Wanderungen nach Wacken nicht angefühlt. Ich habe mich noch wenige Tage zuvor mit einem unserer ortsansässigen Jäger unterhalten. Was er unternimmt, wenn er größere Fußmärsche macht. Neben Socken, die er mir im Vorjahr schon besorgt hat, bekomme ich dieses Mal den Tipp für eine Honig-Kamillen-Salbe, die ich beim nächsten Imker erwerben kann. Mit diesen Erkenntnissen der vergangenen Stunden setze ich dennoch einen ersten kleineren Hilferuf ab. Ich habe kein Fahrradschloss dabei. Das habe ich vergessen. Auch sollen die dicken Wanderstiefel rausfliegen aus meinem Gepäck. Das läuft sich so gigantisch mit den Tretern, die ich am Fuß habe. Da brauche ich die schweren Botten nicht. Den Tipp hat mir jemand gegeben, dessen Kumpel so einen Vierundzwanzig-Stunden-Marsch mitgemacht hat. Der hätte mit Wanderschuhen begonnen und wenige Kilometer weiter diese gegen Laufschuhe getauscht. Ich habe anders herum begonnen und möchte nun das Gewicht der Wanderschuhe loswerden.

Auf dem Weg nach Wiegersen treffe ich das Ehepaar Behr. Zwei Senioren, die beide schon über achtzig Jahre sind und an diesem Sonntagmorgen eine Fahrradtour machen. Wir quatschen bestimmt eine halbe Stunde. Über mein Projekt. Dies und jenes. Es ist ein schöner Moment. Am Ende wünscht man sich gegenseitig eine gute Weiterreise und trennt sich.

In Wiegersen habe ich dann neun Kilometer in den Beinen. Es ist aber auch bereits Mittag. Ich habe es in vier Stunden nur neun Kilometer weit geschafft. Dieses verfluchte Gewicht. Wenn ich je in Bayern ankommen sollte, habe ich einen Stiernacken. Der Trapezmuskel brüllt vor Schmerz. Die Hüfte schließt sich allmählich an. Was habe ich mich durch den ganzen Stauraum verleiten lassen? Das ist doch völlig irre. An einer Bushaltestelle sitze ich nun und warte auf meinen Vater. Da kommt der rote Passat mit mit ihm um die Kurve gebraust. Wie es mir geht? So lala. Der Nacken. Lotte geht es gut. Die wuselt zwischen und beiden herum, als wir die Dinge umdisponieren.

Dann geht es endlich weiter. Zwei Stunden Pause sind eigentlich zu viel gewesen. Ich möchte noch bis Sittensen kommen. Wenn ich so weiterlaufe, wie bisher, komme ich wieder erst zum Einbruch der Dunkelheit an. Das ist doch alles Grütze. Da drückt die Blase. Das nun auch noch. Auf dem Weg durch ein Waldstück schicke ich mich an, mich von meinem Zuggeschirr zu befreien, um im Gebüsch zu verschwinden. Da schießen mir Krämpfe in die hintere Oberschenkelmuskulatur. Aufrichten geht nicht so einfach. Ich weiß nicht, wann ich jemals so schnell flach wie eine Flunder auf dem Bauch gelegen habe. Die Beine weit von mir gestreckt. Das muss so ein bescheuertes Bild sein. Da hält ein Auto an. Kurz darauf Fahrradfahrer. Ob ich Hilfe brauche? Ich hätte nur Krämpfe, konnte das Schlimmste aber verhindern. Mit Hilfestellung befreie ich mich aus meinem Geschirr. Sitze geknickt auf dem Asphalt. Ob ich einen Arzt brauche? Nein, nein. Soweit ist alles gut. Ich bedanke mich bei meinen Helfern und warte noch einen Moment, ehe ich wieder aufstehe und einige Schritte umhergehe. Ich habe Glück gehabt.

Bei Ramshausen habe ich dann die Laufstrecke vom Vortag erreicht und möchte heulen. Es ist fünf Uhr. Nochmal vier Stunden für acht Kilometer. Ich merke richtig, wie der Körper langsam abschalten möchte. So erreiche ich das Etappenziel Sittensen nie. Ich überlege, was ich aus dem Wagen rausschmeißen kann. Als Erstes fliegt das Wasser raus. Ich brauche keine sechs Liter dahinten drin. Was für ein Trugschluss. Das bringt jedoch nicht die erhoffte Erleichterung. Ich muss noch etwas anderes machen. Als letzte Option packe ich das Zelt und die Reisetasche unter die Hundebox. Lotte thront nun nochmal ein gutes Stück höher. Mir macht dieser Zug die Physik jedoch wieder zum Freund. Ich habe so gut wie kein Gewicht mehr auf der Zugdeichsel. So sollte es eigentlich von Anfang an sein. All die Trüben Gedanken sind weggeblasen. Ich kann richtig Geschwindigkeit aufbauen und muss nicht alle anderthalb Kilometer absetzen und verschnaufen.

Schließlich erreiche ich mit Lotte Sittensen. Gefühlt vier Stunden zu spät. Zum Glück gehen Rolf und Heike mit der Situation sportlich um. Binnen weniger Wochen darf ich zweimal bei ihnen mein Lager aufschlagen. Angeregt werden auf der Terrasse die ersten Eindrücke berichtet und diskutiert. Ich darf mir einen Spanngurt von Rolf leihen. Denn die, die ich dabei habe, nicht wirklich für die derzeitige Konstruktion funktionieren. Ich habe welche mit Klemmverschluss, brauche aber einen mit Ratsche. So endet der zweite Tag. Völlig erledigt falle ich in mein Bett. Und egal, wie ich mich drehe und wende. Mein ganzer Körper schreit vor Schmerz.

Laufstrecke: 25,67 km
Höhenmeter: 38 m
Zeit: 5:26 h
D.-geschw.: 4,72 km/h
Schritte: 34526

2 Gedanken zu “Ein erster kleiner Hilferuf

  1. Hallo Mütze,
    weiter, immer weiter…niemals aufgeben,
    Du machst das echt Klasse, riesen Respekt !!!
    Der menschliche Körper kann viel mehr als man(n ) oder Frau sich das denken kann…
    es ist ein Naturwunder und ein unersetzbares Werkzeug, das durch nichts und keine Maschine zu ersetzen ist.

    Ich wünsche dir weiterhin guten Schritt und schönes Wetter.

    Bis Bald

    Arek

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo, Arek! Das ist ja toll von Dir hier lesen zu dürfen! Danke vielmals! Ich bin derzeit in Föhrste. Gute 70 km vor Göttingen. Es läuft sich sehr gut. Wenn es alles gut geht, dann bin ich kommenden Freitag dort.

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