Wie geht’s jetzt weiter?

30.07.2020

Hier, in Breitau könnte ich glatt einen Tag länger bleiben. Dieses Rustikale hat etwas, wovon ich mich ungerne trennen möchte. So bleibe ich bis zur Mittagszeit und schreibe an meinen Tagesberichten. Lotte nimmt die längere Pause nur zu gerne an. Sie pendelt auf dem Hof zwischen Schatten- und Sonnenplatz hin und her. Schnauft zufrieden und schmatzt leise. Dann schreckt sie wieder hoch und versucht eine der Fliegen zu fangen, die sie ärgern. Es nützt aber nichts. Ich muss weiter. Ich bin noch zu weit vom finalen Ziel entfernt und weiß nicht, was noch alles schief gehen kann oder wird. Zumal ich erfahre, dass die nächsten Tage wirklich heiß werden sollen.

Selbst heute ist es schon ätzend. Warum bin ich erst in der Mittagssonne aufgebrochen? Ach ja, ich mochte das Ambiente in Breitau. Dann muss ich mich halt mit der Hitze anfreunden. Wegtechnisch ist das Laufen aber ganz okay. Obwohl ich die ganze Zeit nahe einer Bundesstraße laufe, bekomme ich fast nichts von ihr mit. Meine Wege schlängeln sich mit größeren Windungen durch das Tal. So bekomme ich zwar wieder einmal mehr Kilometer auf den Tacho, aber bevor ich den Radschlag von meinem Navi befolge und auf der Bundesstraße gehe, dann lieber so. Dazu ist die Fahrradbeschilderung wirklich gut hier. Die Wege, auf denen ich laufe, sind so breit, dass ein großer Traktor problemlos seine Felder ansteuern kann. Beschildert ist es aber als Radweg. Mit dem Zusatz: landwirtschaftliche Fahrzeuge frei. Wieder einmal umlaufe ich einen kleineren Berg und je weiter ich herum komme, desto mehr schieben sich im Bau befindliche Brückenpfeiler ins Bild.

Hier wird es jetzt doof für mich. Denn jeder Weg, davon gibt es drei, führt direkt aufs Baustellengelände. Wer hat bitte die Umleitungsschilder so bescheuert gestellt, dass man immer wieder ins Hindernis rennt? Ich betrachte die umliegende Gegend. Weiter hinten ist ein geschotterter Straßenabschnitt. Der führt einen Berg hoch, dorthin wo, die eine Hälfte der Brücke ihren Anfang haben soll. Also auch mitten in den Baustellenbereich. Dann habe ich keine Wahl. Ich muss auf die Bundesstraße. Und es ist viel Verkehr hier. Laster brausen an mir vorbei, dass der Boden leicht zittert. Da muss ich jetzt durch. Mach dich nicht verrückt. Der Wagen ist mit der gelben Box gut sichtbar. Außerdem ist Baustelle, da dürfen die nicht so durchballern. Ich erwische eine größere Lücke im Verkehr und schiebe durch die Baustelle hindurch. Jetzt muss ich aber auch wieder runter hier? Wo geht das? Jetzt sag nicht, es gibt hier keine Verbindung zurück zum Radweg! Doch, in einigen hundert Metern.

Nun ist es die Blanke, neben der ich laufe. Ein kleiner Plätscherbach, dessen Quelle in der Nähe des Ortes Blankenbach liegt. Und jetzt habe ich ein Problem. Meine Radwegweiser sind weg. Kein Hinweis mehr. Nichts. Nur in die Richtung, aus der ich komme. Bis hier her war es so vorbildlich! Ich werfe einen Blick auf mein Navi, was ich mir aber auch klemmen kann. Das will weiterhin, dass ich auf der Hauptstraße laufe. Ich könnte die Wege nutzen, die sonst angezeigt werden. Ich setze mich in den Schatten eines Baumes, nahe einer Wirtschaft, die nicht geöffnet hat. Skandal! Bei der Hitze. Ich Doktor und tüftel, wie es mir am Besten gelingen könnte, über den Kamm zu kommen. Ich bin eh fast oben und könnte mal darauf entlang laufen. Ich schaue mich noch einmal in der näheren Umgebung um und entdecke Wanderwegbeschilderungen. Wenn der Zustand der Straßen so bleibt, kann ich es mit dem Wagen locker schaffen. Dann also über Wanderwege weiter.

Dreh um! Was eine Scheiße! Das ist kein Weg mehr, das ich unberührter Waldboden. Also zurück nach Blankenbach. Es muss doch eine Alternative geben, dass man auch als Radfahrer auf die andere Seite kommen kann? Ich muss einen Ortskundigen finden, den ich fragen kann. Da kommt jemand auf seinem Quad. Ich winke und er hält tatsächlich. Ist ja auch nicht immer gegeben. Seine Antwort ist aber sehr verschnupft. Er hätte auch einfach weiterfahren können. Eine Alternative gibt es nicht. Es bleibt nur die Hauptstraße. Ich gehe ins Dorf zurück. Jetzt sitzt jemand vor dem Wirtshaus. Der Wirt. Der muss sich hier auskennen und vielleicht hat er eine bessere Antwort, als die eben.
Zumindest ist der Herr um ein Vielfaches freundlicher. Wir sitzen bei ihm vor der Tür, plaudern und versuchen eine Lösung für mein Problem zu finden. Denn es gibt tatsächlich nur die Hauptstraße. Und den Typ, den ich im Vorwege gefragt habe, das sei ein Vollhorst. Gut, dass man das auch geklärt hat.

Ich habe es schon mehrfach in früheren Erzählungen erwähnt. Je größer man ist, desto mehr Rücksicht nehmen die Autofahrer. Ich habe null Probleme, diese eine Passage zu überwinden. Und ich habe mich im Vorwege so verrückt gemacht. Zumal ich von meinem Gesprächspartner zuvor einen Tipp bekommen habe. Ich müsse nur die ersten zwei Kurven durchlaufen, dann käme ein Feldweg, der mich auf einen Wirtschaftsweg führen würde. Das Ganze sei zwei Kilometer entfernt. Von dort sei es dann ein Zuckerschlecken nach Richelsdorf zu kommen.

Bei Berka gelange ich dann wieder an die Werra. Laufe aber nicht den dazugehörigen Radweg. Ich möchte versuchen noch mehr abzukürzen. Nachdem ich meine Vorräte im Supermarkt aufgefüllt und mir ein Eis gegönnt habe, geht es weiter. Am Ortsausgang von Berka werde ich dann von einem Auto überholt. Hupen, Gejohle und lauter Arme, die winken. Was ist denn jetzt los? Ich winke zurück und ziehe weiter.

Bis ins nächste Dorf. In oder um Herda soll heute meine Schlafstätte sein. Ich entdecke eine Rotkreuzstation, dessen Fahrzeugbesatzung vor der Tür sitzt und den Augenblick der Ruhe genießt. Ob man ganztägig besetzt sei, möchte ich wissen. Ja. Aber ein Platz zum Schlafen gibt das Gebäude nicht her. Wobei, würde es schon. Aber im Einsatzfall kann man mich dort nicht alleine lassen. Eigentlich logisch. Dennoch wäre es verrückt gewesen, wenn es geklappt hätte. Dann hätte ich neben einem Feuerwehrgerätehaus auch mal in einer Rettungswache geschlafen. So aber nicht. Ich könne auf dem benachbarten Sportplatz mein Zelt aufbauen. Das sei kein Problem. Ja, mal schauen.

Ich entschließe mich dagegen und möchte noch den einen oder anderen Kilometer schaffen. Kann ich noch anderthalb bis zwei Stunden laufen, ehe es dunkel wird. Plötzlich Stimmen hinter mir. Ich soll mal stehen bleiben. Zwei Mädels und ein Herr kommen hinter mir hergelaufen. So lerne ich Danny und seine Familie kennen. Dass man sich wiedersieht. Hä? Ach, das Auto von vorhin?! Ich erkläre kurz die Umstände, warum ich hier bin und dass ich nun ein Schlafplatz suche. Ein Stück Grünfläche im Garten oder Ähnliches. Das ginge nicht, weil dessen Hundedame sich nicht mit anderen Hunden versteht. Ob mir sonst etwas fehlt? Ein kaltes Bier? Okay, aber der Hund. Ausprobieren. Wenn es nicht geht, dann setze ich Lotte in die Pausenbox. Ist dann zwar etwas doof für sie, aber eine halbe Stunde, wird sie das verschmerzen können.

Aber soweit kommt es nicht. Es funktioniert, dass sich die Hunde nicht ans Fell gehen. Es gibt zwar immer wieder Unmutsbekundungen des Hofhundes. Unterm Strich ist aber alles lässig. Im Laufe des Abends wächst die Runde noch etwas an. Dannys Bruder kommt noch mit seiner Frau vorbei. Der Vater der Zwei gesellt sich auch noch kurz dazu und Dannys Lebensgefährtin, die zuvor das Nesthäkchen in Bett gebracht hat. In dieser geselligen Runde schreitet die Zeit rasch voran. Als es fast ganz dunkel ist, meine ich, dass ich ja nun noch irgendwo mein Zelt hinbasteln muss. Wieso Zelt? Danny sei doch Zeug- und Schlüsselwart des Sportvereins zwölften Grades. Also, irgendwie so. Ich kann natürlich im Sportheim schlafen. Perfekt! So schiebe ich später als Gast in der Gästekabine einfach zwei Umkleidebänke zusammen. Luftmatratze drauf und das Bett steht. Zum absoluten Highlight des Tages wird dann schließlich die Dusche.

Laufstrecke: 23,58 km
Höhenmeter: 208 m
Zeit: 4:46 h
D.-geschw.: 4,93 km/h
Schritte: 32373

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