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Europa und wieder zurück: Warum mache ich das eigentlich?

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War es abzusehen? Vielleicht. Hinweise gab es all die Zeit hier und da ja möglicherweise schon einmal. Dass es aber nun wirklich Wirklichkeit werden soll. Ein sonderbares Gefühl. Von Tag zu Tag steigt die Spannung. Die Nervosität. Die Euphorie. Aber auch die Bedenken, ob man wirklich an alles gedacht hat. Ob es wirklich das Richtige ist? Wie entwickelt sich die jüngste politische Weltlage? Die Gedanken, die eigene Familie hinter sich zu lassen. Freunde. Lasst mich in diesem Beitrag einmal erzählen, warum ich mich für dieses sonderbare Projekt entschieden habe. Ein Aufdröseln meiner Beweggründe. Dafür müssen wir allerdings einige Jahre in die Vergangenheit blicken. Fast dreißig Jahre, um genau zu sein. Ja, ich rolle jetzt einmal alles auseinander. Zur Warnung: Es könnte langatmig werden.

Es war Anfang, Mitte der Neunziger. Ja, soweit hole ich aus. Wir waren im Urlaub in Bayern. Nicht das erste Mal. Es war schon fast Tradition, dass wir die Glashütte nahe Bodenmais besuchten. Ein imposantes Handwerk. Jedes Werk ein Einzelstück. Ich kam so langsam in das Alter, in dem man sich entscheiden sollte, was man einmal werden möchte. Dieser Mann dort auf seinem erhöhten Arbeitsplatz, wie er mit seiner Pfeife einen Tropfen Glas aus der Schmelze holte. Es in bunten Glassplittern drehte und wendete und immer weiter zur Vase ausblies.

Das ist es, geisterte es mir damals durch den Kopf. Du möchtest ein Glasmacher werden. Also habe ich gefragt, wo man, oder ob man hier in die Lehre gehen könne. Die Antwort war »Nein«. Außerdem solle ich mir die Idee aus dem Kopf schlagen, da das Handwerk des traditionellen Glasmachers am Aussterben sei. Diesen Rat fand ich damals ja gar nicht hilfreich. Also bin ich in den nächsten Wochen mit meiner Mutter nach Stade, wo ebenfalls eine Glasmanufaktur war beziehungsweise bis heute ist. Jedoch ein Kunstglasbläser mit offener Gasflamme und nicht mit großem Schmelzofen. Was mir damals aber herzlich egal war. Mich reizte das freie Radikale. Machen zu können, wonach das Herz verlangte. Also quasi. Auftragsarbeiten waren bestimmt auch darunter. So manches Mal stand ich damals vor den kleinen Schaufenstern und beobachtete den Herren an seiner Gasflamme. Betrachtete Tiere aus Glas auf der Fensterbank. Leider wurde auch dort nicht ausgebildet. Da das Ganze mit dem Internet noch nicht war und man als Heranwachsender auch noch nicht so den Druck ausüben konnte, war dieser Traum gestorben.

Weil ich ja aber etwas machen musste, ging ich also in den Beruf meines Vaters. Doch die familiäre Tradition fortführen und den Familienbetrieb übernehmen. Ich wurde Geselle. Machte wenige Jahre später meinen Meister. Und jetzt? Das war es dann also. Die Hände in Motorräumen an Maschinen, die nicht mehr so wollen, wie sie sollen. Tag ein. Tag aus. Es gab auch schöne Tage. Das möchte ich damit nicht sagen. Es waren auch Aufträge dazwischen, wo ich mich wirklich gut gefühlt habe. Aber war es das jetzt wirklich? So ganz im ernst? Hinzu kamen die Probleme, die auftreten, wenn Vater und Sohn Seite an Seite arbeiten. Es war dann meine Mutter, die oft als Schlichter und Schiedsrichter zwischen den Fronten stand. Dieser Schiedsrichter und Schlichter ist nun aber seit zwölf Jahren nicht mehr da.

In meinem Unterbewusstsein begann es schließlich mehr und mehr zu gären. Dieses sich mit der Situation zufriedengeben. Das wollte sich nicht einstellen. Nie! Immer war da das freie Radikale in mir. »Ich müsse mich der Situation, der Gesellschaft anpassen«. Ein Satz, der mir heute noch die Haare zu Berge stehen lässt. Nein, ich musste etwas finden, was mich aus dieser Situation herausholt. Ich habe Trikots gezeichnet. Aber ohne Designstudium schwer irgendwo Gehör zu finden. Egal, wie ausgefallen die Ideen sind. So wurde das recht schnell verworfen. Wobei damals auch mein Computer kaputt ging und mit ihm all meine Zeichnungen.

Ich suchte weiter. Ich begann, mich mit dem Schmieden auseinanderzusetzen. Von meinem Uropa existiert heute noch die alte Esse. Der Lufthammer von Vulkan. So musste der Federstahl aus der Schrottkiste als Erstes dran glauben. Bomm! Bomm! Bomm! Die Funken sprühten. Die Hände zitterten bei den harten Schlägen eben jener Hilfsmaschine. Der Schweiß stand auf der Stirn. Langsam verformte sich mein hellrot glühendes Werkstück, bis es eine Materialstärke von gut fünf Millimetern hatte. Ein Klingenrohling wurde herausgeschnitten. Griffbacken aus Edelstahl und Ebenholz wurden angefertigt. So entstand nach gut vierzig Arbeitsstunden mein erstes Messer. Zwar noch stumpf, wie eine Nagelfeile und mit einigen kleineren Rissen, die beim Härten entstanden sind. Aber ich hatte ein Messer geschmiedet.

Volkshochschulkurse wurden besucht. Damastschmieden, das Feuerschweißen verschiedener Stahllegierungen wurde erlernt. Klingenrohlinge wurden am eigenen Feuer hergestellt. Dabei blieb es dann vorerst. Ich hatte Probleme mit dem Schleifen und Härten der Schneiden. Vielleicht fehlte mir damals auch einfach die Geduld. Zumal ja auch noch der alltägliche Wahnsinn einher hielt. Manchmal stand ich bis spät in den Abend hinein am Schmiedefeuer. Schwarz vor Ruß, ging es nicht selten nahe Mitternacht ins Haus zurück. Der Aufwand und die Aussicht auf einen fast nicht vorhandenen Ertrag brachten das Schmieden schließlich aufs Abstellgleis.

Darauf folgte eine Phase des Schreibens. Irgendwann hat mich die Muse von der Seite her umgerannt. Satz um Satz. Seite um Seite wurde geschrieben. Ein Konzept beziehungsweise Plot wurde für mehrere potenzielle Bücher aufgebaut. So entwickelte sich ein gewisser Schreibstil. Das sogenannte »Show, Don’t Tell« war dabei ganz vorne. »Zeigen, nicht erzählen« musste ich mir aneignen. Was das ist? Beschreibe zum Beispiel einen Gegenstand. Sag nicht einfach, dass die Figur einen Apfel in die Hand nahm und ihn betrachtete. Erzähle, wie er sich anfühlt. Ist die Schale glatt? Oder leicht rau? Gibt es Schalenfehler? Druckstellen? Ist er frisch, oder schon älter? Hat er einen süßlichen oder säuerlichen Duft? Welche Farbe hat er? All das lässt eine Geschichte lebendig werden. Beschreibe, wie der Appetit des Betrachters zunimmt. Oder der Ekel, weil er Äpfel nicht mag.

Immer wieder schrieb ich Szenen neu. Fügte mehr Details ein, oder ließ sie anderorts wieder weg, weil es zu offensichtlich war und man dem Leser auch nicht alles vorbeten soll. Er soll ja selber mitdenken und sich hineinfühlen. Da kann es dann sogar schlecht sein, wenn man zu viel beschreibt.
Aber das war es zu dem Zeitpunkt auch nicht. Mir fehlte die Geduld und einige schlechte Kritiken in Schriftstellerforen nahmen mir den Wind aus den Segeln. Dieses Wissen, die Entwicklung des Schreibstils würde mir später aber ein wenig in die Karten spielen.

Doch zunächst war es das Holz, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Das Drechseln, um genau zu sein. Maschinen und Drechseleisen habe ich angeschafft. Und dann waren die Bauern bei uns vor mir nicht mehr sicher. Alle habe ich sie genervt, ob demnächst nicht etwas gerodet werden müsste? Kirsche? Apfel? Vielleicht das Holz von Pflaume, Zwetschge oder Birne? Jetzt im Nachhinein darüber nachgedacht konnten sie einem schon leidtun. Auch hier wurden Volkshochschulkurse besucht. Aber auch diese Phase hielt nicht lange. Arbeitsaufwand und Ertrag. Wieder das, nach dem regulären nach Feierabend bis spät abends in der Halle stehen und völlig vom Holzstaub und Späne bedeckt zurück ins Haus gehen.

All die Zeit und das Aneignen all dieser Fähigkeiten und des Wissens und dann der fehlende Ertrag. Es ließ mich in ein tiefes Loch fallen. Ich blieb von vielen Dingen fern, die mir sonst sehr vel Spaß bereiteten. Die Feuerwehr zum Beispiel. Das war die Phase, in der ich mich mit meinem finalen Abgang beschäftigte. Aber immer klang im Hintergrund die innere Stimme, dass es das Schlimmstmögliche ist, was ich mir und anderen antun könnte. Dieses Gefühl war nicht permanent da. Es kam in Schüben. Mal mehr, mal weniger stark. Aber ich hatte keine Lust mehr.

Ich weiß nicht, wie ich damals dann auf die Idee kam. Ich hockte wieder einmal in meinem Zimmer und grübelte. Irgendwie kam ich dann auf das alternative Reisen. Wie damals die Muse mit der Schreiberei. Etwas hat mich von der Seite her getroffen und ich suchte im Internet nach Menschen, die in schweren Lebenssituationen den mehr unorthodoxen Weg eingeschlagen haben. So bin ich auf Jean Beliveau gestoßen, der in elf Jahren zu Fuß um die ganze Welt gelaufen ist.

Ich hatte wieder ein Ziel. Nebenher hat man mir bei der Feuerwehr eine Chance des Aufsteigens gegeben. Was mich auch da zurück in die Gemeinschaft führte. Es waren einige Ereignisse in dieser Zeit, die mich wieder aufstehen ließen. Und dann kam das Jahr 2016. Weihnachten, um genau zu sein. Ich äußerte zum ersten Mal den Wunsch, den elterlichen Betrieb verlassen zu wollen. Nachdem ich im Sommer 2015 mitteilte, dass ich nicht der Mensch bin, der diese Firma in eine positive Zukunft führen kann. Europa mit dem Fahrrad sollte es also sein. Von einer Europareise konnte mich mein Vater 2017 noch abhalten. So wurde es »nur« Deutschland mit einem spontanen Abstecher nach Tschechien. Erfahrungen und Grundkenntnisse sammeln.

In der Planungsphase zu diesem Abenteuer ist dann mehr aus Trotz der »Kritik« im Bekanntenkreis das Schreiben dazu gekommen. Ich hätte ja keine Ahnung vom Überwinden von echten Bergen. Womit sie Recht hatten. Für sie und mittlerweile viele andere habe ich das Schreiben in dieses Projekt und Zukünftige einfließen lassen.
Aber nach der ersten Tour war mir klar, dass das mein Ding werden würde. Dennoch habe ich weitere vier Jahre gebraucht, um diese Geschichte, Europa zu bereisen, nun endlich umzusetzen. Nicht mehr mit dem Fahrrad. Zu Fuß.

Ich könnte an dieser Stelle noch tiefer gehen, aber ich denke, ich habe jetzt mehr als verdeutlicht, warum ich so handel, wie ich nun handel. Für die Menschen in meinem direkten Umfeld tut es mir wirklich leid, dass es so kommen musste. Aber viele von ihnen wissen auch, dass ich das jetzt tun muss. Für mich. Für das Zwischenmenschliche zu ihnen. Allen voran meinem Vater. Ich möchte mich mit ihm später noch unter vernünftigen Umständen unterhalten können. Dafür gehe ich in die Welt hinaus. Das ist mir das Wichtigste. Ich habe schließlich nur einen Vater …

14 Comments »

  1. Da hast Du Dir ja im Laufe der Jahre viele Fertigkeiten zugelegt. Leider ist es ja so, dass altes Handwerk nicht unbedingt rentabel ist und deshalb ausstirbt, was ich sehr schade finde. Nun, ich denke, dass dir deine Fertigkeiten auf die eine oder andere Weise dabei helfen können, deinen jetzigen Weg zu unterstützen. Ich hoffe für dich, dass deine Reise dir dabei hilft, deine Leere zu bekämpfen und du jeden Schritt genießen kannst. Alles Gute 🍀 und einen extra Streichler für Lotte. LG Petra

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  2. Hallo,
    alles gute für die Reise!

    Kennst du Viva con Aqua ? Vielleicht wäre es für dich möglich, diese oder eine andere gute Organisation mit den vielen Kilometern die du erlaufen magst, zu unterstützen.

    Gruß Ela

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  3. Vor einigen Jahren hat der beste Freund meines Sohnes die Erde mit einem Liegerad umrundet ( Die Welt im Liegen). Den größten Teil war er allein unterwegs. Unglaublich, was er gesehen und erlebt hat! Ich bewundere deinen Mut, freue mich auf deine Berichte und wer weiß, vielleicht magst du anschließend deine Erlebnisse in spannenden Vorträgen schildern. Der Weg ist das Ziel! Nie enthielt ein Satz mehr Wahrheit!
    Ich wünsche dir eine atemberaubende Zeit, unvergessliche Erlebnisse, wunderbare Begegnungen und viel Kraft für die Momente, an denen es schwer wird. Ich werde dir folgen und bin sehr gespannt! Liebe Grüße aus Berlin! Auf geht’s!

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  4. Wow, das hört sich großartig an!
    Davon träume ich insgeheim auch schon lange, trau mich aber nicht. Wüsste auch gar nicht, wo und wie ich mit der Organisation anfangen soll.
    Angefangen bei Beruf, Wohnung, Ämter (muss man denen Bescheid sagen, Geld etc) oder wie es im Nachhinein weiter gehen soll.
    Kannst du dahingehend vielleicht deine Kenntnisse teilen?
    Vielen Dank und frohen Mutes!

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  5. Kann Dich nur zu gut verstehen…. In vielen Aspekten. Bin 63, und mein Sohn arbeitet u. wohnt mit mir.. habe aber immerhin den Vorteil, saß ich mit 21 schon versucht hatte, mit Fahrrad nach Australien zu reisen.. Jetzt sind es eher Kurzrrips, wie wandern am Neckar oder Zauber entlang.. durch die Berge Korsika s usw.
    Dir gutes Gelingen.. ne Mahlzeit in Heidelberg ist immer drin.., 😊

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  6. Lieber Mütze und Fellnase,
    mach Dir keine Gedanken mehr,fahr einfach los. Jeder Tag ist ein spannendes Kapitel in Deinem neuen,freien Leben. Ich wünsche Dir Kraft, wenig Pannen und schöne menschliche Begegnungen. Ich habe selber die Alpen 2x durchquert, die Balearen, Kanaren, Corsica,Sardinien und Atlantikküste bis nach Paris, sowie Irland alles mit dem Rad besucht. Mal solo, mal mit Sohn, mal mit Freunden-immer waren es tolle Erfahrungen und Landschaften. Ich habe nach Rückkehr immer neue Ideen und Durchhaltevermögen bekommen. Das wünsche ich Dir auch und sei sicher , Du machst genau das Richtige !! Viieel Glück-toi,toi,toi
    Herzliche Grüße Manuel

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    • Hallo Manuel!
      Ich danke Dir vielmals! Vielleicht begegnet man sich irgendwo auf diesem Kontinent ja mal. Das wäre eine Geschichte. Für Deine nächsten Touren wünsche ich Dir ebenfalls alles Gute und das nötige Glück, was man dafür benötigt.

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