Platz da! Jetzt komme ich! – Irgendwo im Nirgendwo …

29.03.2017

Ein trüber, diesiger Tag ist es heute. Immer wieder fällt leichter Regen. Ein kräftiger Wind ist aufgekommen. Um kurz vor zehn Uhr verlasse ich das »Elbnest« in Regenkleidung verpackt. Ich verabschiede mich von Katrin, der Betreiberin und ihrer Hündin Ayla.
Lotte und Ayla haben sich in den Stunden unseres Aufenthalts super verstanden, was bis zum zwischenzeitlichen Spielzeugtausch führte. So fand Ayla das Quietschestofftier von Lotte hoch interessant. Andersherum hat sich meine mit »Mäh« einem Plüschschaf »angefreundet«.

Bevor ich losfahre, bekomme ich den Tipp, dass ich die Uferseite wechseln soll. Richtung Hitzacker gäbe es zwei Anstiege, die ich mir nicht antun möchte. Auf das Argument, dass mich mein Weg ins Erzgebirge führt und ich irgendwann eh einen Anstieg wagen muss, bekomme ich die Antwort, dass ich eben diese Berge Richtung Hitzacker umfahren möchte. Die Steigungen für mich zu früh kommen. Gleiches sagt mir ein Herr vor dem Edeka-Geschäft. Also rüber auf die andere Elbseite.

Blog 1

Ein Storchenpaar, dem ich auf meinem Weg begegnet bin…

Bis Dömitz vergeht die Zeit wie im Flug. Den starken Wind habe ich glücklicherweise im Rücken, was den Kilometerzähler schnell ansteigen lässt. Kurz vor der Stadt führt mich mein Weg auf die Bundesstraße 195. Kein Radweg. Also Helm auf. Ein Utensil, das ich über Jahre hinweg verschmäht habe. Völlig unvernünftig eigentlich, aber für diese Tour habe ich mir einen zugelegt. Eben für solche Situationen. Dämlich komme ich mir dennoch vor. Aber es geht um Sicherheit. Nicht um gut aussehen. Wobei Letzteres auch ohne Helm schon schwer genug ist.

Seit ich am Morgen losgefahren bin, ist mir bis Dömitz nicht ein Radfahrer begegnet. Am gestrigen Tag waren sie zuhauf unterwegs und heute haben sie sich alle verkrochen. Nur wegen son bisschen Nieselregen. Mir nicht verständlich. In Dömitz selbst wird es schließlich richtig konfus. Richtung stadtauswärts führt mich das Navi auf einen unbefestigten Grünweg, der nicht mal wirklich wie ein Weg aussieht. Tausend Meter soll ich ihn fahren. Okay. Beißen wir uns durch. Wieder am Deich führt es mich wieder auf die B 195 und von dort wieder auf den Deich. Was ich erst später feststelle: Es ist nicht der Elbdeich. Nicht der Eigentliche. Erneut wandelt sich der Deichweg zu einem unbefestigten Grünweg.

Irgendwo auf Mitte dieses Abschnittes mache ich Halt und gönne mir eine kurze Pause. In der Ferne kann ich Dömitz sehen. In den anderen Richtungen gar nichts. Auf Umdrehen habe ich auch keine Lust. Der Niesel ist zwar noch immer da, aber sonderlich störend finde ich ihn nicht. Nur jetzt, während meiner Pause merke ich, dass ich innerlich nicht mehr ganz so trocken bin. Fünfunddreißig Kilometer habe ich derzeit auf dem Tacho stehen. Für heute Schluss? Nein! Nach Dömitz zurück und ne Unterkunft suchen? Im Leben nicht. Ich habe mich jetzt bis hier her über diesen Deichweg gebissen, dann muss es weiter gehen.

Nach weiteren drei Kilometern erblicke ich die Gabelung, wo ich erneut abbiegen soll. Asphalt! Mein neuer Best Friend Forever! Die Straße führt schnurgerade aus. Es ist vergleichbar mit den Moorstraßen im Alten Land. Nur weiß ich dort, dass in der einen Richtung nach zehn Kilometern Stade kommt und in der anderen Richtung Horneburg. Dazwischen kommt man noch nach Agathenburg. Die Autobahn 26 begleitet einen auf diesen Wegen. Doch hier kommt man gefühlt nirgends hin. Ich bin irgendwo im Nirgendwo. Kein weiterer Fahrradfahrer. Kein Auto. Nichts. Ganz weit in der Ferne sehe ich vereinzelt Dächer. Aber dorthin deutet das Navi nicht hin.

Blog 2

Mit dem Wind im Rücken fliege ich über das flache Land, das man kilometerweit überblicken kann. Ich sehe massenweise Graugänse, Schwäne, Rehe sowie hin und wieder einen Storch. Schön ist es, aber auch verdammt einsam. Hier wünscht man niemandem eine Panne. Weder mit dem Auto noch mit einem anderen Fortbewegungsmittel.

Endlich entdecke ich ein Hinweisschild. »Hotel Alte Fischkate« in Mödlich. Da willst Du hin. Etwas raus aus der Nässe. Etwas essen und trinken. Als ich dort ankomme staune ich nicht schlecht. Ein schöner Bau neben einem größeren Gewässer gelegen. Mit einem Außensitzbereich in Stegform, dass man schön über das Wasser blicken kann. Im Inneren sieht es alles noch etwas feiner aus. Ob ich hier mit dem nassen Hund sitzen darf? Ja. Ich habe Glück.

Blog 3

Der Gastraum selbst ist pumawarm. Im Kamin brennt ein prasselndes Feuer, was einer wahren Wohltat gleichkommt. Da schmeckt Essen und Bier gleich nochmal so gut. Doch je länger ich dort sitze, desto mehr kommt die Müdigkeit durch. Immer stärker wird der Wunsch nach einem Bett und mit fünfzig Kilometern habe ich auch schon mein Tagesziel erreicht. Jedoch finde ich es mit fünf Uhr noch recht früh. Also zusammengerissen. Weiter! Um halb sechs sitze ich wieder im Sattel und gelange zurück an den Elberadfahrweg.

Hier begegne ich doch tatsächlich noch einem Radler. Ein junges Mädchen, das von Wittenberge nach Hamburg fahren möchte und genauso wie ich nach einer Unterkunft sucht. Nur will ich noch einige Kilometer machen, ehe die Suche konkret wird. In den Abendstunden wirkt das Außendeich-Areal gleich nochmal so schön. Mittlerweile hat es aufgehört zu nieseln. Ich wage den Leichtsinn und gebe dem Hund etwas Auslauf ohne Leine. Was sich einige Minuten später rächen soll.

Eine Gruppe Rehe, die Lotte zuerst entdeckt lassen ihren Jagdtrieb erwecken. Alles brüllen hilft nichts. Der Hund ist im Tunnel und rennt, als sei der Teufel persönlich hinter ihm her. Unfassbar. Dabei hat die doch schon fast vierzig Kilometer in den Beinen. Wo holt die die Kraft jetzt her? Das Tier ist nicht normal. Zwischenzeitlich beginne ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ich im Außendeich mein Zelt aufschlagen muss, wenn die blöde Kuh nicht wieder kommt. Damit sie mich zumindest findet.

Fünfzehn Minuten später hat sich der Gedanke zum Glück zerschlagen. Der Hund kommt zurück und springt zum ersten Mal dieser Reise selbst in den Anhänger. Was dazu führt, dass mein Fahrrad ein weiteres Mal auf die Seite fällt. Es hat bis hier her noch keinen Tag gegeben, an dem ich den Drahtesel nicht auf die Seite geschmissen habe. Gepäck sei dank. Trotz Bockständer.

Kurz vor Lütkenwisch dringt plötzlich ein Knacken an mein Ohr. Sofort kommt mir eine Speiche in den Kopf. Kann sie im Halbdunkel und durch die Taschen nicht ausfindig machen, welche nun kaputt ist. Einschränkungen beim Treten bemerke ich nicht, also weiter. In dem Dorf selbst gibt es zwar Schlafmöglichkeiten, aber niemand macht die Tür auf. Ist ja noch nicht Saison, geistert mir durch die Gedankenwelt. Licht ist zwar an, aber an die Tür kommt keiner. Wenn die kein Geld machen wollen? Weiter!

Ein Dorf weiter, in Cumlosen werde ich fündig. Das Wirtshaus selbst ist zwar ausgebucht, aber ein, zwei schnelle Telefonate, und ich habe meine Unterkunft. Als ich alles abgeladen habe, entdecke ich schließlich die gebrochene Speiche.

Mittlerweile ist es neun Uhr abends. Zum Absacken und Runterkommen fahre ich nochmal ohne Gepäck und Hund in die Kneipe und quassel ne Weile mit dem Wirt und seinem letzten Gast. Als ich ihm von, meinen mehr komischen Weg erzähle, holt er die Karte vom Elberadweg heraus und möchte von mir gedeutet haben, wo ich meine langgefahren zu sein. Es stellt sich heraus, dass ich durch das Navi unbewusst eine Abkürzung querfeldein genommen, ich somit bis zu fünfzehn Kilometer gespart habe.
Am Ende sind es achtundsiebzig Kilometer, die zusammengekommen sind.

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3 Gedanken zu “Platz da! Jetzt komme ich! – Irgendwo im Nirgendwo …

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