Der Hessenreuther-Berg

11.04.2017

Freue ich mich eigentlich, dass ich heute wieder deutschen Boden befahren werde? Doch, eigentlich schon. Versteht das jetzt nicht falsch. Tschechien war herrlich. Absolut! Und ich wäre gerne auch noch länger hier umher geradelt. Aber ich muss weiter. Immerhin ist das Osterwochenende nicht mehr allzu weit weg. Und wenn ich ehrlich bin, rechne ich schon seit längerem, wann ich mein »Endziel« denn erreichen könnte.

Mit Endziel meine ich den tiefsten Punkt auf der Karte, wo mich meine Tour hinführen soll. Die Rede ist von Neumarkt in der Oberpfalz. Genau genommen das kleine Örtchen Pilsach, sieben Kilometer davon weg. Dort möchte ich über die Ostertage die Beine hochlegen. Besonders Lotte möchte ich dort mehrere Tage Ruhe gönnen.

Und so rechne ich schon eine ganze Weile, dass ich es bis Mittwoch, den Tag vor Gründonnerstag schaffen könnte, wenn alles glattgeht. Aber es muss wirklich alles glattgehen. Beginnen tut der heutige Tag zumindest schon mal grandios. Denn Frühstück bekomme ich nicht. Ich hätte es am Vorabend mitbuchen müssen. Habe ich nicht. Ich wurde aber auch nicht gefragt.

Egal. Das spart Zeit. Zeit, die ich im Sattel verbringen kann. Zeit, die mich Pilsach schneller näher bringt. Also drauf los. Auf dem Weg zur Grenze begegnen mir noch die ein, oder andere Bordsteinschwalbe. Wäre ja kein Job für mich. Gut, für die ist es sicher auch nicht etwas, was ihnen Freudensprünge abverlangt. Aber meine Welt ist es definitiv nicht.

Blog 1

Endlich an der deutschen Grenze. Etwas mehr als fünf Kilometer von meinem Hotel entfernt. Hätte ich das gewusst, vielleicht wäre ich am Vorabend gleich durchgefahren. Schnell den Drahtesel vor die Grenzschilder gepackt und ein Erinnerungsbild gemacht. Ein krasses Gefühl. Bis hier her hast du es geschafft. Die Eindrücke und Begegnungen bis hier her überwältigend und noch liegen zweieinhalb Wochen vor mir.

Als ich wieder deutsches Telefonnetz habe, geht schnell der Anruf in die Heimat raus, dass ich es bis Bayern geschafft habe.

In Waldsassen wird erst einmal die Apotheke geentert. Nicht wegen mir. Der Hund. Nachdem ich vor der Reise eigentlich an alles gedacht habe, habe ich eines vergessen. Ein Zeckenmittel für Lotte. Dass sie von diesen Plagegeistern befallen ist, habe ich am Vortag bereits gesehen. So groß, wie die Dinger sind, kann man sie nicht ignorieren. Ich fühle mich glatt ein wenig mies. Aber es wird jetzt geändert.

Noch vor der Apotheke richte ich ein Blutbad an. Lotte lässt sich das alles mit einer Engelsgeduld gefallen. So hole ich weit über zwanzig Zecken von ihr runter. Widerlich! Vor allem die Größe dieser Viecher jagt mir nicht nur einen Schauer über den Rücken. Und mit jeder Zecke fühle ich mich sogar ein wenig mehr schuldig, dass ich eben diese Vorsorge beim Hund vergeigt habe.

Während ich also die Schmarotzer von Lotte absammel und auf dem Gehweg breit schiebe, komme ich mit den Gemeindearbeitern, zwei Damen ins Gespräch. Die mulchen gerade die bepflanzten Flächen in direkter Nähe. Die Reaktion ist eigentlich immer gleich, wenn ich erzähle, von wo ich herkomme. Aber es macht auch Spaß, von der bisherigen Reise zu erzählen, kommt doch jeden Tag etwas Neues hinzu.

Endlich kann ich meinen Weg fortsetzen. Auf dem Abschnitt Richtung Mitterteich werde ich von einem anderen Fahrradfahrer begleitet. Zusammen schieben wir unsere Drahtesel den Berg hinauf und plaudern. Über meine Reise. Man erntet doch schiefe Blicke, wenn man die Leute mit einem »Moin« begrüßt und dabei ein derart bepacktes Gespann hat.

Warum mein Begleiter sein Rad schiebt? Er hat Probleme mit der Kette. Ich selber habe Probleme mit dem Gewicht. Ich schaffe es halt noch immer nicht, eine länger andauernde Steigung strampelnd zu überwinden. Wobei es eigentlich nicht sehr steil ist. Die Beine wollen einfach nicht. Oben auf der Kuppe trennen sich unsere Wege. Ich bleibe weiter auf dem Fahrradweg, der an der Bundesstraße entlangführt. Mein Begleiter knickt nach rechts weg.

In Mitterteich knurrt der Magen jetzt derart laut, dass ich mich zu einer Pause durchringe. Etwas essen. Deftig sollte es sein. Und viel! Viel ist ganz wichtig! Immerhin benötige ich die Energie. Die Beine brauchen sie. Da kommt mir doch so ein Scheuferl gerade recht. Scheuferl mit Kraut und Reibeknödel. Der Wahnsinn. Alleine das ist schon Grund genug immer wieder Richtung Bayern zu fahren.

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Neben mir sitzt ein Pärchen aus Sachsen. Und auch die Zwei bekommen etwas von meiner Reise erzählt. Dass ich durch Sachsen geradelt, über den Erzgebirgekamm bin und seit einiger Zeit wieder in Deutschland bin. Sie selber wollen in den Bayerischen Wald runter und haben keine Lust mehr auf Autobahn. Also fahren sie die letzten Kilometer über Land. Und diese Kneipe hier, da halten sie jedes Mal an. So hat jeder seine Rituale. Denn auch ich verfolge einen ähnlichen Ablauf, wenn ich denn mal im Süden umherfahre.

Nach der Mittagspause fange ich dann an richtig Kilometer zu »fressen«. Der Hund dabei im Anhänger murrt mich gelegentlich an, dass sie das so alles doof findet. Aber Laufen ist jetzt nicht so der Renner. In der Stadt Erbenreuth halte ich ein weiteres Mal an. Ich brauche Zucker. Als Energieschub. Laut Navi steht eine nicht gerade leichte Steigung bevor.

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(Ein Waldweg hinter Mitterteich)

Vom Getränkeladenbesitzer erfahre ich, dass der »Hessenreuther« Berg nicht zu unterschätzen sei. Dass im Winter dort die Lastzüge regelmäßig Probleme hätten. Während er mir so davon erzählt, stielt sich mir doch die Farbe aus dem Gesicht. Und die gedankliche Rechnerei für den heutigen Tag setzt wieder ein. Vier Kilometer soll der Anstieg lang sein. Steigungen von bis zu vierzehn Prozent. Also würde der Anstieg für mich in etwa eine Stunde dauern. Grob geschätzt. Geil! Nicht!

Aber dass so etwas noch auf mich zukommen würde, war eigentlich nur logisch. Will ich nach Pilsach, muss ich da rüber. Egal, was ich aufbringen muss. Zur Not wird geschoben. So verabschiede ich mich, werde aber noch aufgefordert, eine Tafel Schokolade zu nehmen. Schon cool, wie selbst solche kleinen Gesten einen weiter motivieren. Also drauf los.

Ich möchte mich jetzt nicht profilieren. Aber wo ist die Steigung, von der der Herr gesprochen hat? Ich kann sogar fahren. Völlig verrückt. Immer wieder schaue ich aufs Navi, auf das Streckenprofil. Wo befinde ich mich jetzt auf dem Anstieg? Wie »weit« ist es noch bis zur Kuppe? Wo ist der Abschnitt, wo die Laster im Winter diese Probleme haben sollen?

Man reiche mir eine Sektflasche! Das ist ja der Wahnsinn. Als ich zur anderen Seite rüber komme, grinst mich ein rotweißes Verkehrsschild an. NEUNZEHN Prozent Gefälle! Über drei Kilometer! Was krass ist das denn? Was genial, dass ich nicht von der anderen Seite gekommen bin. Da währe ich wohl nie hochgekommen. Nur, wie jetzt da runter? Helm auf. Der Hund in die Box. Ja keine hastigen Lenkbewegungen.

Warp neun. Energie!

Habe ich in Waldheim, in Sachsen bergab gedacht, ich sei schnell, habe ich es an dieser Stelle locker übertroffen. An das, was passieren kann, wenn ich hier den Adler mache, darf man überhaupt nicht denken. Es ist so krass. Die Augen kleben auf dem Asphalt vor mir. Bitte keinen Stein auf der Straße. Selbst das Auto hinter mir wagt es nicht, zu überholen.

In Pressath ist dann Schluss für heute. Die Bergabfahrt hat mich die letzten Nerven gekostet. Außerdem sind sämtliche Akkus verreckt. Navi tot. Mobiltelefon tot. Ich brauche ein Zimmer. Viel wichtiger eine Steckdose. Bei einem Italiener bekomme ich zumindest schon einmal Letzteres. Auch gibt man mir Tipps, wo ich möglicherweise etwas finde.

Es ist der erste Abend, an dem ich wirklich Schwierigkeiten habe, etwas zu finden. Nahezu alle dulden keine Hunde. Quasi der letzte Strohhalm ist die Rettung. Ein Wirtshaus in Pressath lässt mich übernachten. Die haben zwar Ruhetag, aber man macht mir schnell auf. Also vom Personal beim Italiener verabschiedet und bedankt und dann auf zum Wirtshaus. Ab ins Bett.

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