Mit dem Falschen angelegt …

20.04.2017

Tag vier nach meiner großen Pause. Und was ist? Eine Speiche ist gebrochen. Ich habe das Gewicht doch schon umgepackt. Was für ein Dreck. Also die Alte ausgebaut und eine Neue eingezogen. Um sieben in der Früh aufgestanden, aber doch erst in der Mittagszeit losgekommen. Gersfeld ist das ultimative Ziel am heutigen Tag. Warum ultimativ? Dort entspringt die Fulda. Ab da, bis nach Hause, kein nennenswerter Berg mehr, den ich bezwingen muss.

Aber um dorthin zu kommen liegen noch zwei Erhebungen vor mir. Aber, ich so bei mir, bist ja clever. Gib mal »flach« als Routenkriterium an. Mal schauen, was das bringt. Erstmal geht es abwärts. Klasse. Knapp einen Kilometer schon mal gewonnen. Und jetzt? Vor mir tut sich ein geschotterter Waldweg auf. Okay, ist jetzt nicht so das Ding. Es geht ab hier bergauf. Auch das habe ich nicht das erste Mal vor mir.

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So versuche ich doch einige Höhenmeter durch Strampeln zu bezwingen. Wo mir meine Beine sinnbildlich sofort den Vogel zeigen. Okay, schieben. So beiße ich mich langsam den Berg hinauf. Keine fünfhundert Meter im Wald kommt mir ein recht großer Trecker entgegen. Da der Weg nicht übermäßig breit ist, versuche ich im Vorwege mittels Handzeichen eine »Absprache« zu erreichen. Der Typ in der Kabine reagiert noch nicht einmal. Er bremst überhaupt nicht. Erst auf den letzten Metern, wenn man es denn Bremsen nennen kann

Hektisch zerre ich meinen Tross aus dem Weg und werfe dem Fahrer einen nicht wirklich freundlichen Blick zu. Der guckt wie ein Backstein zurück und rauscht an mir vorbei. Hinter sich her zieht er einen Metallbalken, womit er offensichtlich die Strecke präpariert. Warum und für wen ist mir nicht schlüssig. Ich steh plötzlich in einer riesigen Staubwolke. Penner, schießt es mir durch den Kopf. Naja, immerhin ist er jetzt vorbei. Ich schaue ihm noch nach, bis er unten angekommen ist.

Was macht der da? Der wird doch nicht? – Er dreht um. Und rauscht jetzt den Berg hinauf. Staub! Yeah! Mir fliegen die Steine um die Ohren. Geil! Hatte ich eben ja noch nicht. Das wollte ich immer schon mal erleben. Und dann zwei Mal hintereinander. Ich bin begeistert. Immerhin biegt er weiter oben nach links weg. Jetzt schnell, dass ich daran vorbei komme. Ehe der Ochse zurückkommt.

So schiebe ich weiter den Hang hinauf. Das Wetter heute ist übrigens malerisch. Sonne, leichter Wind, blauer Himmel. Was könnte man nicht alles schaffen? Ich könnte Kilometer reißen! Nein, ich stehe mitten auf der Steigung und komme einfach nicht vorwärts. Zu allem Überfluss höhre ich hinter mir erneut ein Motorengeräusch. Ich kann mich noch nicht einmal umdrehen, da stehe ich ein drittes Mal in einer Dreckwolke.

Kaum einen Kilometer weiter, abermals. Ich hasse den Kerl und seinen Trecker! Ich hasse den Dreck! Ich hasse den Berg! Oh, schau, wer da wieder ankommt! Yeah! Staub und Steine! Wie gerne würde ich diesem Affen einen dieser Klumpen in die Scheibe schmeißen. Wie gerne würde ich das tun! Aber auf eine nähere Bekanntschaft mit ihm bin ich nicht scharf drauf. Der kotzt mich so schon genug an.

Würde ihm doch zumindest der Traktor verrecken. Ein Motorschaden. Getriebeschaden. Ist mir egal. Er soll sich dabei ja nichts tun. Nur diese völlig bekloppten Überholmanöver sollen aufhören.

Ich bin mittlerweile drei Stunden unterwegs. Ganze sechs Kilometer habe ich geschafft. Davon effektiv geradelt, bin ich knapp anderthalb. Dazu habe ich bestimmt zwei Kilo Staub und Dreck gefressen. Endlich komme ich an einer Hauptstraße an. Ich schaue nach links, nach rechts. Die fahren hier, wie der Treckerfahrer. Wie die Besengten. Muss an der Region liegen. Keine Ahnung. Einen Fahrradweg gibt es die Straße entlang nicht.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein Rastplatz mit Bank und Tisch. Eine Wanderkarte. Rüber da! Guck, wo du bist! Bei der Gelegenheit: Mach eine Pause!

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So, so … ich »besteige« also den Käulingsberg. Interessant. Vor mir tut sich eine Wanderroute auf. Oben auf dem Gipfel gibt einen Berggasthof. Da weiter rauf oder das Glück über die Straße hinter mir versuchen? Weiter quälen oder potenziell den Hintern wegfahren lassen. Hast Du heute ja schon dezent Erfahrungen mit gesammelt. Wenn dich ein Auto erwischt, geht es außerdem schneller.

So schlimm ist der Weg jetzt gar nicht mehr. Ich kann fahren! Fast fünfhundert Meter! Man reiße die Sektflasche auf! Nein! Warte! Man lasse sie zu! Das ist versteckte Kamera hier heute, oder? Wo seid ihr? Ich will euch anbrüllen! Schütteln! Der ganze Weg ist abgesoffen! Matsch! Soweit das Auge reicht. Doch zur Straße zurück? Den Pfad kannst du mal völlig vergessen. Kommst du zwischen den Bäumen hindurch? Es wird Kraft kosten. Richtig Kraft kosten.

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Ich schnaufe wie ein Ochse. Die Suppe rennt mir in Sturzbächen von der Stirn. Neben mir läuft der Hund und pikiert sich am Matsch. Das ist doch alles nicht wahr! Warum ist jetzt auch noch überall Geröll? Eine Steigung ist das Letzte, was fehlt. Ach, schau. Herrlich! Ich habe den besten Tag seit Ostern und ich hänge hier in der dicksten Scheiße, die man sich nur vorstellen kann. Der Satz, dass ich die schlimmsten Wege bisher als Abfahrt hatte, ist somit revidiert.

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Das Wasser und den Modder lasse ich hinter mir. Dafür wird die Steigung so steil, dass ich den Tross nicht als Ganzes den Berg hinauf bekomme. Er ist zu schwer. Also den Anhänger abgekuppelt, einige Taschen vom Fahrrad genommen und diesen Abschnitt drei Mal erklimmen. Den Hund habe ich schon lange nicht mehr am Handgelenk. Der zieht seine Leine schon seit Stunden hinter sich her. Warum ich sie nicht davon befreie? Taktische Kriegsführung. Solange sie etwas hinter sich herzieht, und ist es nur die Leine, kommt sie nicht auf die Idee etwas zu jagen. Vergleichbar mit der Gefängniskugel von früher. Nur das diese Kugel überhaupt nichts wiegt. Die Wirkung ist die Gleiche.

Oben angekommen, baue ich es schnell alles wieder zusammen und folge einer weiteren Schotterstraße. Nur wenige hundert Meter. Denn zu meiner Rechten taucht auf einer Lichtung das Berggasthaus auf. Dazu eine weitere Steigung. Die letzten Meter zum Gipfel? Ein Gipfelkreuz kann ich nicht entdecken. Das letzte Stück, es sind nur geschätzte dreihundert Meter, doch ist es der bevorstehende Aufstieg, der mich mit den Augen rollen lässt. Zum Glück ist hier kein Schild, worauf steht, welche prozentuale Steigung vor mir ist.

Ein zweites Mal alles auseinander bauen und dreimal hochwuchten. Auf der Veranda tauchen Leute auf, die interessiert mein Treiben verfolgen. Als ich in Rufreichweite komme frage ich, ob der Laden geöffnet habe. Man reckt mir ein Bierglas entgegen. Gott sei Dank!!!

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Es ist bereits später Nachmittag. Über fünf Stunden unterwegs und gerade einmal acht Kilometer geschafft. Ich bin heute über meine körperlichen Grenzen hinaus gegangen. Den Gedanken, dass ich ja noch ins Tal wieder runter könne, verwerfe ich, als ich höre, dass man hier nächtigen kann. Also die letzten Kröten zusammen gekratzt und aufs Zimmer. Ich habe mich heute definitiv mit dem Falschen angelegt! Ich bin durch! Echt jetzt …

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2 Gedanken zu “Mit dem Falschen angelegt …

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