Noch nie begegnet und doch erkannt!

16.08.2017

Trüb ist es heute Morgen. Leichter Niesel fällt, als ich Lotte vor die Tür lasse. So drehen wir eine kleine Runde, ehe ich meine Sachen packe und mich wieder auf die Socken mache. Aber nicht gleich wieder auf meine »alte« Strecke, nein. Ich mache mich auf den Weg Richtung Hitzacker. Zwischen den Orten Neu Darchau und Hitzacker gibt es ein Fleckchen Erde, wo man quasi in eine ganz andere Welt eintaucht. Dieser Ort ist es, wo die beiden Herren vom Vorabend ihr derzeitiges Zuhause gefunden haben.

Die Neugier in mir, diesen Ort zu sehen, ist riesig. So brause ich über die einsame Straße und verfahre mich erst einmal. Herrlich! Es dauert jedoch nicht lange, da habe ich dann schließlich das kleine Örtchen Sammatz erreicht. Verlassen sieht es hier aus. Kühe kann ich hören. Kälber kann ich sehen. Lotte flippt auf dem Rücksitz bereits wieder aus. Das Auto verlassen klebt ihre Nase sinnbildlich auf dem Boden. Die Schnupperlaute sind so laut, dass mir ein Schmunzeln über das Gesicht huscht. Also los, das Gelände betreten. Man wird sich sicher irgendwo anmelden können und fragen, wo denn die zwei Jungs sind, die ich gestern kennenlernen durfte.

Im Hofladen treffe ich einige Mädels an, die recht verschnupft reagieren, als ich sage, dass ich auf der Suche nach einem Schweden namens Jonas und seinem Kunpel bin. Die sollen Arbeiten und keinen Besuch empfangen, bekomme ich zu hören. Okay, denke ich, ein holperiger Start. Also mein Bestreben anders formuliert. Man dürfe hier den Hof besuchen, habe man mir gesagt. Der Besuch des Hofes schließt auch den Besuch von Einzelpersonen mit ein.

Klassisches Schach-Matt …

Sie fuchtelt mit dem Arm in Richtung Innenhof und dahinter. Die sollen die Wege vom Unkraut befreien. Wenn ich die Zwei finden möchte, dann in dem Bereich der Anlage. Wirklich glücklich wirkt sie nicht, als ich den Laden verlasse. Egal. Ich schlender an den Tieren vorbei und tauche in die angedeutete »andere« Welt ein. Jeglicher Stress ist wie weggeblasen. Eine große Zahl junger Leute wuselt hier umher. In einer Ruhe, an der sich die übrige Gesellschaft ein Beispiel nehmen könnte. Ein Wirrwarr an Sprachen schwappt mir entgegen. Englisch, Spanisch … Wahnsinn. Ich bin in eine Lebensgemeinschaft geraten. Hier lebt und arbeitet jeder für sich und seinen Nebenmann. Es geht alles im Team. Egal, welche Herkunft, welche Hautfarbe, welchen Glauben. Es herrscht eine unglaubliche Atmosphäre. Man spürt geradezu, wie sich der eigene Herzschlag verlangsamt. Selbst die Zeit scheint hier einen anderen, ihren ganz eigenen Rhythmus zu haben.

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Neugierige Blicke verfolgen mich. Naja, sie sind wohl eher Lotte gewidmet. Nachdem der Hund seine Streicheleinheiten bekommen hat, suche ich weiter. Ich kann die Gasbrenner zumindest schon hören. Hinter einer Hecke finde ich die Zwei dann schließlich. Jonas ist mit Feuereifer dabei dem Unkraut »heiße Gedanken« zu machen. (Was ein bescheuertes Wortspiel … aber … pff … künstlerische Freiheit! Muahahahaaaa!!!) Sein Kumpel hingegen wirkt weniger begeistert. Ist auch ein blöder Job, wenn man ehrlich ist. Jedoch lebt der Hof auch von seinen Besuchern. Da muss es schon chic aussehen. Schließlich sind es die Hofgäste, die durch ihre Käufe im Hofladen dieses ganze Konstrukt mittragen. Hinzu kommt ein Café und hin und wieder kann ich Spendenboxen erblicken. Autark ist es demnach nicht zu einhundert Prozent.

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Das wird mir später bestätigt. Ich bin mittlerweile weiter geschlendert und erkunde das Gelände. Etwas abseits bin ich einem Mädel ins Gespräch gekommen, die wohl zum festen Personal gehört. Von ihr erfahre ich auch, dass es unter den Helfern ein stetiges Kommen und Gehen ist. Meist bleiben sie nur wenige Tage oder Wochen. Es kommt zwar vor, dass wer länger als einen Monat bleibt, jedoch ist es die Seltenheit und muss wenn von den »Oberen« abgestimmt werden. Bringst du dich gut ein, steigen die Chanchen natürlich. Also so ganz »larifari« geht das Ganze dann doch nicht über die Bühne. Wie könnte es auch? Es würde bestimmt Chaos herrschen. Was mich jedoch besonders beeindruckt ist, dass auf diesem Hof eine recht große Zahl an Menschen mit Einschränkungen gibt. Ob Downsyndrom oder andere Handicaps, sie sind hier voll mit eingespannt und bringen sich auf ihre Weise mit in die Gemeinschaft mit ein.

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Insgesamt fast zwei Stunden bin ich auf dem Hof unterwegs. Ich besuche noch einmal die Tiere und zeige Lotte die Schweine, Esel, Pferde und, und, und. Es ist schon lustig, den Hund zu beobachten. Jagdtrieb, Neugier und auch einwenig Respekt und Angst mischen sich in ihre Handlungen. So will der Hintern weglaufen, als wir am Schweinegehege sind, die Nase aber derart neugierig ist, dass sie sich ganz lang macht. Schaut schon etwas blöd aus. Als dann eines der Schweinchen auch noch die Rüsselnase durch den Spalt zweier Zaunbretter steckt und seinerseits schnuppert, ist es aus. Lottes Interesse ist schlagartig verschwunden. Also langsam wieder zum Auto und weiter.

In Hitzacker muss ich dann feststellen, dass die Fähre hier nur eine Personenfähre ist. Nix mit Auto. Die Autofähre ist in Neu Darchau. Super! Also zurück dorthin, wo du heute Morgen aufgebrochen bist.

Auf der anderen Elbseite muss ich mich dann doch erstmal orientieren. Sicher, ich muss rechts herum. Aber direkt am Fähranleger? Ich würde auf dem Deichweg fahren. Dem Fahrradweg. Also geht es erst einmal geradeaus, ehe ich eine Möglichkeit finde. Es dauert nicht lange und ich gelange auf die Gerade, die mich nach Dömitz führt. Wieder kommt ein Erinnerungsflash in mir auf. Die Brücke, die Kirche, der schmale Deichweg, den natürlich nicht fahre. Am Dömitzer Hafen entdecke ich meinen Wiesenweg. Und wenig später den Plattenweg, der mich damals von der Hauptstraße ins Nirgendwo geführt hat. Hier glaube ich doch wirklich zu spinnen. Denn nicht nur auf dem früheren Weg war ich völlig alleine mit Lotte. Hier bin ich es auch. Um mich herum fährt kein Auto. Keines kommt mir entgegen. Keines fährt hinter mir. Alter! Ich bin auf einer Bundesstraße unterwegs! Was ist hier los? Ich fahre durch eine malerische Allee. Hinter den mächtigen Bäumen erstrecken sich hektargroße Maisfelder. Ein atemberaubendes Spalier. Mittlerweise ist auch die Wolkendecke aufgerissen und die Sonne scheint zwischen den Lücken hindurch. Ich komme in Mödlich an der Fischkate vorbei, wo ich seinerzeit pausiert habe. Hier ist heute die Hölle los. Busse stehen dort. Autos drängen sich auf dem Parkplatz. Ich brause durch Lenzen, wo mir am Elbdeich der Luisa begegnet ist.

Die Mittagszeit ist längst eingeläutet, als ich in Cumlosen eintreffe. Hier wird der Landgasthof Schmidt besucht. Auch beim Wirt muss ich etwas Erinnerungsarbeit leisten. Ist absolut nachvollziehbar, dass man sich bei hunderten Besuchern im Jahr nicht an jedes Gesicht erinnern kann, doch als der Groschen fällt … So plaudern wir einen Moment über damals, ehe ich etwas zum Mittag bekomme.

In Wittenberge verpasse ich dann den Abzweig, der mich weiter Richtung Havelberg bringt. Die Straße vor mir ist durch Absperrbarken blockiert. Brückenarbeiten. Aber, Moment mal! Das Gewerbegebiet. Die Gleise. Die Straße dort … Muahahahahaaaaa!!! Ortskenntnisse sind klasse! Ich fahre rotzfrech über den landwirtschaftlichen Weg. Der rote Sand. Die vielen Schlaglöcher. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen. Die Bahnarbeiter schauen etwas verdutzt, als ich langsam an ihnen vorbei rolle, aber das stört mich herzlich wenig. Verbotsschilder habe ich zumindest nicht gesehen. Kann aber auch sein, dass ich blind war. Egal! Weiter! Der erste Moment, dass ich auch mit dem Auto auf dem Weg fahre, wo ich mit dem Fahrrad entlanggeradelt bin. Vom Sandweg geht es auf dem asphaltierten Abschnitt weiter. Links die endlose Weite. Rechts der Wasserlauf, wo Lotte seiner Zeit eine Abkühlung genommen hat.

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Bis Kuhlhausen fahre ich sehr viel an der alten Route entlang. Die Augen leuchten. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Das Radio dudelt. Und die Sonne knallt mittlerweile vom Himmel. Im eben genannten Dorf geht es zielstrebig in die Ringstraße zum Haus der Familie Janecko. Hier habe ich damals pausiert und gewartet, dass mir mein Vater das verstärkte Hinterrad bringt. So klopfe ich.

Blog 5

Als die Tür sich öffnet, ist der Hund augenblicklich im Gebäude. Es ist mir fast etwas unangenehm. Lotte kennt sich eben auch aus. Vor mir steht ein älterer Herr, der mich mit fragenden Augen anschaut. Sie sind Bernd? Sie sind im April mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis nach Vietnam gereist? Wer ich denn bin? Ich war im März/April mit dem Fahrrad hier zu Gast. Was dann passiert, kann man schlecht beschreiben. Eine derart herzliche Begrüßung von einem Menschen, dem ich noch nie zuvor begegnet bin. Noch nie gesehen und doch erkannt. Der Redeschwall an den vorangegangene Orten meiner bisherigen Reise ist ein Witz gegen das, was derzeit hier los ist. Wir quatschen und sinnbildlich die Münder fransig. Die Zeit vergeht wie im Flug, dass an eine Weiterfahrt nicht mehr zu denken ist. So schlage ich hier die Nacht mein Lager auf. Gleiches Zimmer versteht sich.

Blog 6

In den Abendstunden wird der Grill herausgeholt und auch Siggi ist von der Arbeit zurück. Bis zum Einbruch der Dunkelheit sitzen wir hinter dem Haus. Die Mücken hier sind eine wahre Plage. Man muss aufpassen, dass sie einen nicht bei lebendigem Leib fressen. Selbst Lotte kommt nicht zur Ruhe. Es schwirren unzählige Plagegeister um sie herum. So endet schließlich der zweite Tag …

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