Etwas Wetter vielleicht? – Och, ja … einmal alles, bitte!

05.04.2018

Hast du alles eingepackt? Im Zimmer ist nichts mehr zu finden. Im Abstellraum, wo das Fahrrad »genächtigt« hat, auch nicht. Ja, dann los. Auf geht es zum Fahrradladen Stückemann und mein defektes Hinterrad ersetzt. Wie war das jetzt gleich noch? Erst rechts, dann links? Links, dann rechts? Pirouette, Rückwärtssalto? Oder doch erstmal mit dem ganzen Gespann die Gesichtsbremse hinlegen und dann nach dem Weg fragen? Ach, fahr rechts und dann links. Wird schon passen. – Nein. War falsch. Und wo ist überhaupt die Baumelfahne vom Anhänger? Gnarf!!! Doch etwas vergessen! Also zurück.

Mit einer halben Stunde Verspätung stehe ich dann wieder im Geschäft. Und ja, ich werde dazwischengeschoben. Ich möchte mich doch mit dem Heißgetränkeautomaten anfreunden. Klasse Idee. Tiefenentspannt schütte ich mir zwei heiße Schokoladen ins Gemüt. Und mit diesem seelischen Zustand befinde ich mich dann irgendwann wieder auf der Straße und radel Richtung Varel. Rainer hat mir am Vorabend ans Herz gelegt, den Weg so einzuschlagen. Es sei zwar unspektakulär, weil es nur Hauptstraße ist, aber der Weg sei vom Zustand her tadellos. Wenn das so ist?

Weit komme ich nicht. Hinter Rastede springt mir ein anderes Fahrrad-Anhänger-Gespann ins Auge. In einem Bushäuschen sitzt ein älterer Herr und träumt in die Weltgeschichte. Sein komplettes Hab und Gut um sich herum verteilt. Ein wuschelliger Hund blickt neugierig drein. »Wenn man schon mal einem weiteren Radreisenden begegnet, muss man auch mal anhalten.« Freundlich werde begrüßt und so sitzt ich kurz darauf neben Volkmar in der Bushaltestelle. Gizmo, so heißt der Hund beschnüffelt mich interessiert, ehe er »vor die Tür« geschickt wird.

So sitze ich da am späten Vormittag und schlürfe mit meinem Gastgeber einen Eierlikör und plauder über mein Vorhaben. Höre mir seine Geschichte an. Wobei ich ja auch schon wieder doof war. Der Herr zu meiner Rechten ist kein Radreisender, wie ich anfänglich gedacht habe. Das Schicksal hat ihn obdachlos werden lassen. Und so zieht er mit seinem Gespann und Gizmo von Bushäuschen zu Bushäuschen und bleibt dort unregelmäßig lange, ehe er wieder weiter zieht.

Im Verlauf unserer Unterhaltung kommen wir dann auf das Thema Kochen zu sprechen. Wie ich das auf meiner Reise mache. Dass ich mit Holz arbeite, da ich kein großes Interesse an Gaskartuschen habe. Seien sie nun voll oder leer. Ich habe einfach keine Lust, die Dinger mitzuschleppen. Ich könne mit meinem Holzkocher auch Strom erzeugen, worauf er mich mit aufgerissenen Augen ansieht. »Zeig mal«, fordert Volkmar mich auf. Also packe ich mein Campingutensil aus. »Das ist ja ein geiles Ding! Brauchst du das noch?« Ich nicke. »Einzig bei Regen ist es etwas schwieriger, an brennbares Material zu kommen. Aber sonst? Einfach einen Baum suchen, das Bruchholz vom Boden sammeln und alles ist gut. Zum Schluss ein Loch gegraben, die Asche hinein, ablöschen und Erde drauf. Niemand sieht mehr, dass du da warst. Kein Müll in der Tasche. Perfekt«, erkläre ich. – »Und du brauchst das Ding wirklich noch?«. Ich nicke.

Gut eine Stunde sitze ich bei Volkmar in seinem Bushäuschen, bis ich mich dann doch aufraffe. Harlesiel ist noch immer fast siebzig Kilometer entfernt. Und durch Rumsitzen komme ich nicht weiter. Ein letztes Mal fragt Volkmar mich, ob ich den Kocher nicht doch da lassen könnte. Was ich mit einem gewissen Bedauern verneine. Und so trennen sich unsere Wege wieder. Aber im Mai muss ich ein weiteres Mal nach Rastede. Dann werde ich den Mann in seinem Bushäuschen wieder besuchen. Ganz egal, wo er dann ist. Dann fahre ich halt zum nächsten Häuschen.

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Bis Varel vergeht die Zeit wie im Flug. Sicherheitshalber halte ich vorher schon an und hülle mich in Regenkleidung, aber das Vorwärtskommen an sich ist grandios. Wenn das so weiterläuft, dann bist du späten Nachmittag am Ziel! Da springt mir eine Fischbude ins Auge. Oah, jetzt ’n Backfisch! Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Es ist Mittag gerade durch. Gönn dir eine Pause! Hinter Varel geht das Theater dann los. Wind. Starker Wind. Von vorne. Schräg von der Seite. Ein Graus! Dazu Regen, der mir waagerecht ins Gesicht gepeitscht wird. Es fühlt sich an wie Hagel. Ist es aber nicht. Es ist einfach nur Wasser.

Irgendwann ist alles so taub, dass ich nicht mehr deuten kann, ob es Wasser oder Rotz ist, der mich von der Nase hängt. Erst als die Straße eine Kurve macht und ich den Wind mal wieder von der Seite erfasst, fliegen sämige Fäden zu Seite weg. Es ist Rotz, der an der Nase hängt. Wieder heult eine Böe um mich herum, peitscht mir die Luft das Wasser ins Gesicht. Es sticht und beißt. Aber der Körper ist warm. Das ist das Wichtigste. Immer wieder muss ich absteigen, weil ich keinen Nerv mehr habe, dagegen an zu strampel. Ein paar hundert Meter laufen, dann wieder fahren. Mal geht es besser, was Baumgruppen geschuldet ist. Mal ist es die Hölle, wenn ich in der freien Pläne bin. Die Füße sind halt kalt und die Schuhe vom Regen durchtränkt. Aber sonst geht es.

Vor der Stadt Sande entdecke ich eine Tankstelle. Was ich von Rastede bis Varel rausgefahren habe, habe ich in den letzten zwanzig Kilometern wieder verloren. Das Gesicht fühlt sich wie tot an. Erst als ich im warmen Raum stehe, bemerke ich, wie nass ich am Körper überhaupt bin. Trotz des inneren Wärmepolsters. Einen heißen Kakao oben drauf und weiter. Es ist bald fünf Uhr. Dreißig Kilometer von hier bis Harlesiel. Vierzig hast du bis hier her. Jever ist noch gute Zehn entfernt.

Der Wind wirft den Regen mit einem lauten Prasseln an die Glasscheibe. Nein! Ich hab keinen Bock mehr. Bis Jever hast du dann fünfzig Kilometer geradelt. Das reicht für heute. Morgen kannst du dann den Rest machen. Es ist dann »nur« noch ein Steinwurf entfernt. Mach heute entspannt, leg dich trocken und Morgen machst du die letzten Kilometer. Also eben eine Pension raus gesucht und drauf los. Als ich vor die Tür trete, ist plötzlich die Sonne da. Der Himmel ist aufgerissen und vom Regen nichts mehr zu sehen. Auf dem Abschnitt nach Jever kommt mir doch tatsächlich der Gedanke in den Kopf, dass ich es jetzt doch bis Harlesiel schaffen könnte. Dem Körper noch einmal alles abverlangen. – Nein! Sei nicht dumm. Du hast bereits ein Zimmer. Mach entspannt.
Große Augen erwarten mich in der Pension, als ich mit meinem Zossen vorfahre. Ja, damit habe ich Wind und Wetter getrotzt. Aber jetzt habe ich keinen Bock mehr! Ich brauche nur etwas zum Fahrradunterstellen und dann eine heiße Dusche. Morgen Nachmittag fährt die Fähre. Zwanzig Kilometer sind es von hier her noch. Der morgige Tag kann nur gut werden. Wind hin oder her. Das packst du jetzt allemal …

Fahrstrecke: 50,58 km
Höhenmeter: 140 m
Zeit: 5:07 h
D.-geschw.: 9,91 km/h

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3 Gedanken zu “Etwas Wetter vielleicht? – Och, ja … einmal alles, bitte!

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