Alter! Ras nicht so!

06.04.2018

Was ein beruhigendes Gefühl am Morgen, dass man sich nicht die Beine ausreißen muss, um zum nächsten Ziel zu gelangen. Das Gemüt strahlt noch mehr, als ich sehe, was für ein Wetter vor dem Fenster ist. Die Sonne scheint! Der Wind ist gänzlich weg! Ein perfekter Tag! Na, los! Sachen packen und rein in den Sattel!

Bevor ich das Haus verlasse, komme ich mit einem der weiteren Gäste ins Gespräch. Geschätzt etwas älter als ich, aber nicht viel. Er und sein Kumpel sind mit dem Flugzeug unterwegs. Einer einmotorigen Propellermaschine. Damit sind sie von England aufgebrochen und fliegen jetzt die europäische Küstenlinie entlang. Was muss das genial sein, schießt es mir durch den Kopf. Man fliegt immer einige hundert Kilometer und landet dann auf den kleinen Sportfliegerplätzen. Zum Beispiel in Agathenburg. Man sucht sich ein Zimmer und fliegt den nächsten Tag weiter. Völlig krass!

Gut, ich mache Ähnliches mit dem Fahrrad, aber mit einem Flugzeug? Ein wenig neidisch bin ich schon. Aber bei weitem nicht unzufrieden mit dem Weg, den ich gewählt habe. Darüber hinaus: Bezahl mal einen Pilotenschein. Jedoch ein Mitflug würde mich schon reizen. Einmal an Norwegens Küste entlang. Island umrunden. Schottland einmal von oben sehen. Einige wenige hundert Meter unter einem. Ich stelle mir diese Aussicht einem Drogentrip gleich vor. Es gäbe so viel zu sehen. Das Kribbeln im Bauch. Diese Flut an Reizen, was man alles sieht, fühlt. Alleine der Gedanke ist schon packend.

Als ich mich verabschiede, meint der Pensionsbetreiber noch, ich solle auf die Autos achten. Hier oben kann es manchmal sein, dass die Leute nicht alle Latten am Zaun haben. Als ob das im Rest von Deutschland der Fall wäre. Aber wie im letzten Jahr bereits erfahren, je größer der eigene Tross ist, desto mehr nehmen die Autofahrer Rücksicht auf dich. Rennräder werden gerne geschnitten. Aber ein schwer beladenes Fahrrad? Da wird brav ein Bogen drum gefahren. Ich bedanke mich dennoch für den Tipp. Er meint es schließlich gut.

Blog 1

Kurz hinter Jever entdecke ich dann, warum ich diesen Hinweis bekam. Die Hauptstraße hat keinen Radweg mehr. Das ist ja Grütze, denke ich. Was machst du jetzt? Darauf hast du ja jetzt mal so gar keine Lust. Fünfzehn Kilometer die Fahrbahn mit Auto und Laster teilen? Ungerne. Äußerst ungerne. Fahr links! Da deutet ein Wegweiser Richtung Wittmund. Vielleicht findest du einen besseren, entspannteren Weg. Und du hast massig Zeit. Nutze sie. Trödel ruhig. Dass wieder ein starker Wind, oder gar Regen aufzieht. Danach siht es nun wirklich nicht aus. Also gut. Fahren wir den Umweg.

Und was soll ich sagen? Er ist herrlich entspannend. Es sind nur knappe zwei, drei Kilometer. Dann darf ich abbiegen. Landwirtschaftliche Straße. Keine Autos. Die gesamte Fahrbahn gehört mir! Freu, freu, freu! Während ich so durch die Pläne düse … halt, warte. Ich »düse«? Warum »rast« du eigentlich so? Du hast Zeit! Dreieinhalb Stunden, bis die Fähre fährt! Schalte mal die Stufe runter. Erfreue dich am Weg. Saug die klare Luft auf. Lausche dem Singsang der Vögel. Genieße die Sonne auf deiner Haut. Stell dir mal vor, du hättest dich gestern noch bis Harlesiel gequält. Dieser Moment wäre komplett an dir vorbei gezogen. Also: TRÖDEL gefälligst! Also schalte ich den Kopf quasi aus. Wie in Trance radel ich durchs Grüne und versuche so viel, wie möglich die äußeren Einflüsse auf mich wirken zu lassen.

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Ein Pärchen mit zwei Hunden taucht irgendwann auf. Man versucht die Tiere noch zu bändigen, aber als ich die Zwei mit »Wer seid ihr denn?« locke, ist jede Erziehung über Bord geworfen. Während also »Schnuffel« und »Wuffel« (Nein, so heißen die nicht wirklich), ihre Streicheleinheiten erhalten, mustern Herrchen und Frauchen mein Gespann. Wo ich herkomme. Wo ich hin möchte. Wie ich fahren will, sind die Fragen. Stade – Harlesiel – keine Ahnung, sind die Antworten. Wenn ich später links fahre, gelange ich zur Bundesstraße. Zwar ist ein Radweg vorhanden, aber es ist halt Bundesstraße. Die weitere Option? Rechts herum Richtung Berdum. Es bleiben nahezu landwirtschaftliche Wege. Entscheidung gefallen! Ich bedanke mich und radel weiter.

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In dem kleinen Ort selber weckt eine alte Windmühle mein Interesse. Die Sonne steht gut. Da kann man bestimmt das Eine, oder Andere gute Foto schießen. Ein Vater mit seinen Töchtern übt gerade Inlinerlaufen. Also, nicht er. Die Töchter üben. Ob er ein Bild von mir machen solle, fragt er. Da sage ich doch nicht »Nein«. Also schnell alles hin drapiert und »Käse« gebrüllt. Zack, Foto fertig. Die letzten Kilometer bis Harlesiel fühlen sich an, als ob sie gar nicht da sind. Fast schon etwas ätzend. Der Trip heute war zweifelsfrei der bislang beste Abschnitt. Okay, bis zum Teufelsmoor war es auch nicht schlecht. Aber das hier heute hat es problemlos getoppt.

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Auf dem Parkplatz vor dem Fähranleger treffe ich dann auf Sebastian und Arnd, die mit dem Auto nachgekommen sind. Alles Unwichtige wird vom Fahrrad genommen. Taschen, die nicht mit auf die Insel müssen, bleiben im PKW. Der Anhänger auch. Das Zelt, der Schlafsack. Alles bleibt auf dem Festland. Aber das Fahrrad muss mit. Ich möchte einmal um Wangerooge herum radeln. Und das mit dem eigenen Fahrrad. Also ein Ticket dafür gekauft und dann endlich Frühstücken.

Im letzten Moment entscheide ich mich dann noch eine dickere Jacke mit zunehmen. Der Küstenwind ist doch etwas kräftiger und kälter, als es heute auf der Anreise der Fall war. Ansonsten fällt auf der Fähre auch die letzte gebliebene Anspannung. Du hast es geschafft. Bist trotz aller Unannehmlichkeiten rechtzeitig angekommen. Darauf erst einmal ein Fläschchen »Maikäferflugbenzin«. Dazu ein Bier. Jetzt ist alles egal. Das Wochenende, das Schützenfest auf Wangerooge kann kommen.

Blog 5

Auf der Insel selbst schnappe ich mir meinen Drahtesel. Herrlich so ohne Gepäck. So leicht. Der Mitarbeiter der Inselbahn schaut mich an: »Wir nehmen das Fahrrad auch mit dem Zug mit. Du brauchst nicht fahren.« – »Will ich aber. Der Weg zum Ort selber ist drei Kilometer lang. Warum soll ich mit der Bahn fahren? Deswegen habe ich den Esel doch mitgenommen.« Der Mann zuckt mit den Schultern und widmet sich wieder seiner Arbeit. Ich fliege über die schmalen Wege, die mich in den Ort bringen. Hin und wieder halte ich an und suche die Inselbahn, wo sie gerade ist. Entdecken kann ich sie nicht. Am Westturm ein Bild gemacht und jedem, der mir entgegen kommt, ein »Moin« an die Stirn genagelt. Vier Tage Beine hochlegen. Auf geht’s!

Fahrstrecke: 32,38 km
Höhenmeter: 46 m
Zeit: 2:31 h
D.-geschw.: 12,80 km/h

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