Hatten wir eigentlich schon Wind?

11.04.2018

Etwas später, aber nicht viel, als am Vortag krabbel ich aus meinem Zelt. Leicht bewölkter Himmel. Dezente Sonnenstrahlen, die durch das Geäst der Bäume scheinen. Ja, der Tag als Solches dürfte nicht schlecht werden. Also die Sachen gepackt und weiter. Kaum habe ich den Weg gen Osten wieder aufgenommen, pustet mir ein alter Bekannter ins Gesicht. Der Wind. – Yaaaay!

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Groß verändert hat sich die Gegend auch nicht. Nur fahre ich jetzt an einer Hautstraße mit Radweg entlang. Daneben der Deich und zur anderen Seite weite Fläche. Wenn man das vergleichen möchte: Wer kennt den Film Madagaskar von Dreamworks? Wo die Pinguine aus dem Zoo in New York unbedingt zur Antarktis zurück wollen und dafür ein Containerschiff kapern. Und als sie im späteren Verlauf des Filmes dann in der eisigen »Wüste« aus gar nichts stehen, bemerkt einer von ihnen, wie ätzend es dort doch sei. So ähnlich ergeht es mir hier gerade.

Am Vorabend habe ich zumindest so weit vorgesorgt, dass ich die Titelliste meiner »Musikanlage« abgeändert habe. Wenigstens etwas Farbe in die Tristheit der vor mir liegenden Kilometer bringen. Doch plötzlich packen meine Hände die Bremshebel. Ein Milchbetrieb weckt meine Aufmerksamkeit. Milch direkt vom Erzeuger. Das kennst du. Das hattest du mal vor Jahren in Tölz unten in Bayern. Die dortigen Leute konnten die Milch gar nicht so schnell nachkaufen, wie wir Kinder sie damals ausgetrunken haben. Mit der Ware aus dem Supermarkt überhaupt nicht zu vergleichen. Also rauf auf den Hof.

Direkt zum Automaten und sich einen halben Liter dieser kalten Köstlichkeit gegönnt. Ein Schreck jagt mir durch die Glieder, als der Hofhund ohne Vorwarnung hinter mir steht. Ein freundlicher Zeitgenosse, der nur eine schnelle Streicheleinheit haben möchte und dann so schnell, wie er aufgetaucht, auch wieder verschwunden ist. Während ich also an meiner Milchflasche nuckel denke ich mir so, dass ich eigentlich ziemliches Glück hatte. Oder Pech. Das liegt jetzt im Auge des Betrachters. Denn auf dem ganzen Weg hier her, also entlang am Deich. Es waren überall Verbotsschilder für Hunde angebracht. Sicherlich logisch, weil die Wege direkt durch die Freilaufgehege der Schafe verlaufen. Ich hätte die Route ganz schön abändern müssen, hätte ich Lotte dabei gehabt.

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Es wäre möglicherweise nicht so langweilig gewesen. Aber so, wie es jetzt abgelaufen ist, habe ich bestimmt den einen oder anderen Kilometer gespart. Einigen wir uns einfach darauf, dass jede Variante seine Vor- und Nachteile gehabt hätte. Denn Lotte fehlt schon irgendwie. Von zu Hause habe ich über die Tage die Information erhalten, dass sämtliche Beschwerden abgeklungen sind und der Hund wieder läuft, als sei nichts gewesen. Was natürlich schöne Neuigkeiten sind.

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In dem kleinen Örtchen Seefeld niste ich mich dann in einer Bushaltestelle ein. Frühstück ist angesagt. Endlich bin ich weg vom Deich. Ich fahre jetzt die Landstraßen nach Nordenham. Interessanter, ja, aber vom Hocker reißt es mich noch immer nicht. Es ist nicht hässlich hier. Das auf keinen Fall. Aber ereignisarm. Was an den Nerven zerrt, sind die Windräder, die, wie es scheint, einen von oben herab auslachen. Mühsam beiße ich mich Kilometer um Kilometer näher an die Stadt heran, von wo aus mich die Fähre nach Bremerhaven bringen soll.

Bremerhaven selbst wirkt völlig verrückt auf mich. Nicht die Leute. Die Gebäude. Nein. Es ist mein Weg, der mich irritiert. Fähranleger, ein, zwei Straßen geht es durch den Stadtkern, dann Stadtpark, Autobahnbrücke, Wildnis. Ich bin derart schnell aus Bremerhaven raus, dass ich mich kurz am Kopf kratzen muss. Ist dir der Film gerissen? Hä? Bevor du weiter grübelst – fahr. Radel einfach weiter. Keinen Kilometer weiter entdecke ich ein Hotel-Restaurant. Gönn Dir eine Pause und überlege dir, wo du heute dein Zelt aufschlagen möchtest.

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Das freie WLAN hier hilft ungemein. Schnell noch eine Aktualisierung für die Facebookseite, für Insta. Dann fällt die Entscheidung. Der Wind die letzten Tage nervt mich einfach. Ich klemme mir den Umweg über Cuxhaven und gucke Bad Bederkesa als nächstes Ziel aus. Vierundzwanzig Kilometer noch zu gehen. Ja, los. Austrinken, bezahlen, das Klo verpesten und weiter.

Kaum wieder auf der Straße geht mir das Herz auf! Wie geil ist das hier bitte? Ich habe einen Waldweg. Völlig zerrockt. Absteigen, schieben, schwitzen, fluchen. Endlich passiert mal wieder etwas. Was habe ich das die letzten zwei Tage vermisst? Kaum bin ich aus dem Stück raus, radel ich zwischen weiten Feldern umher. Schotterpiste, dann wieder Asphalt, Betonplatten oder gar nichts. Wie bitte? Komisch. Das Navi zeigt geradeaus. Aber da ist kein Weg. Nur grüne Wiese. Ist ja klasse!

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Ich folge der verwachsenen Treckerspur links herum. Wenige hundert Meter, und ich habe meine Schotterpiste wieder. Ist das toll! Mit immer weiter wachsender Begeisterung wühle ich mich durch die Wallerpampa. Der Wind bläst mir entgegen und ich komme nicht vorwärts. Es ist eigentlich total blöd, aber das ist mir gerade völlig egal. Ich habe die Abwechslung des Binnenlandes wieder. Alles auf einmal!

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Später muss ich noch ein längeres Stück durch einen Wald radeln, dessen Wegführung ich durchaus interessant finde. Nämlich teilt die Spur ein Zaun. Das ist für die Reiter hier in der Gegend. Der »befestigte« Weg für Fußgänger und Radler. Das aufgewühlte Geläuf für die Pferde. So kann sich niemand über die Apfelhaufen aufregen, die potenziell im Weg liegen könnten. Klasse Lösung. Als ich Bederkesa ankomme, rolle ich kräftemäßig auf der letzten Felge ein. Ich habe mich heute völlig verausgabt. Ich muss sogar aufpassen, dass ich in der Wirtschaft beim Campingplatz nicht einschlafe …

Fahrstrecke: 53,86 km
Höhenmeter: 123 m
Zeit: 6:14 h
D.-geschw.: 9,67 km/h

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