Eigentlich bekannt und doch wieder neu!

07.07.2018

Wenn man in einem Lexikon nach der Definition von Müdigkeit nachschlagen würde, könnte man wahrscheinlich ein Bild von mir darin finden. Als hingen Ziegelsteine an meinen Liedern. Es nützt nichts. Ich muss raus aus den Federn. Der Hund muss sich erleichtern. Es ist ewig her, dass ich eine Autofahrt so kräftezehrend empfunden habe. Ich liebe es zwar, mit meiner roten Cola-Kiste über die Straßen zu düsen. Denn wer fährt nicht gerne Auto? Aber das war einen Ticken zu viel.

Ich bin am Vortag mit leichter Verzögerung aufgebrochen. Erst einmal Richtung Bremen. In Tarmstedt hatte ich noch eine Verabredung. Soweit verlief alles nach Plan. Dann aber ging einiges in die Hose. Was ich nicht beachtete war, dass einige Bundesländer in die Sommerferien gestartet waren. Dementsprechend ging es auf den Autobahnen zu. Vor Hannover war Stillstand. Dahinter ebenfalls. Zwischendrin bin ich abgefahren und habe mich durch unsere Landeshauptstadt gearbeitet. Zumindest rollte der Wagen. Ich denke immer, lieber rollen, als im Stau stehen. Hinter Hannover, kurz vor Hildesheim das Gleiche. Dort konnte ich in der aufziehenden Dunkelheit die Blaulichter am Horizont sehen.

Ein zweites Mal habe ich gerade eben die Abfahrt erwischt. Ich war so bedient, dass ich einfach quergeschossen bin. Irgendwie Richtung Harz und auf die Bundesstraße vier kommen. Weg von den Hauptverkehrsadern, die sowieso nur verstopft scheinen. So gondel ich über die Landstraßen. So richtig bin ich hier aber auch noch nicht gefahren. Also wird nach jedem Verkehrsschild gesucht, dass mich auch nur in die Nähe von Bad Harzburg bringen kann. Ich bin so fokussiert auf dieses, dass ich Anderes völlig außer Acht lasse.

Plötzlich habe ich einen Rotstich im Auge. Klasse! Wie schnell darf ich denn hier? Siebzig? Geil! Was bin ich? Naja, geht noch. Ärgerlich ist es dennoch. Auf dem richtigen Kurs bin ich auch. Ich brause an einem Abzweig Richtung Osterode vorbei. Dort entlang wäre auch eine Option. Nein, ich fahre über Bad Harzburg, Braunlage.

Erst bei Erfurt gelange ich wieder auf eine Autobahn. Verkehr ist hier faktisch nicht vorhanden. Alles prügelt sich auf der Neun oder der Sieben. Soll mir recht sein. So düse ich über Coburg und Bamberg. Die Sonne ist längst aufgegangen, als ich endlich ankomme. Mit dem Abstecher nach Bremen habe ich gute zehn Stunden im Auto gesessen. Das reicht nun auch. Also rein in die Koje.

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Machen wir einen Zeitsprung zurück zum Anfang meiner Geschichte. Ich habe mich aus dem Bett gequält. Das Frühstück heitert meine Laune doch merklich auf. Dennoch steht da etwas zwischen mir und meinem Tagesziel im Raum. Ich will schlafen. Nachdem ich also versorgt bin und der Hund seine Runde hatte, bin ich gleich wieder in die Waagerechte gefallen. Eine Stunde. Aber dann fahre ich los!

Ja, von wegen! Gute zweieinhalb Stunden später erblicke ich eine schwarze Nase neben mir auf dem Kopfkissen. Zwei haselnussbraune Augen blicken mich erwartungsvoll an. Im Hintergrund wedelt eine Rute. Ja, ich komm ja schon. Müde blicke ich auf die Uhr. Ach, verdammt! Zack, zack, jetzt! Sonst kann ich meine Tour heute vergessen.

Ich düse Richtung Regensburg. Die Donau ist mein Ziel. Die Stadt Kelheim an deren Ufer, um genau zu sein. Auf dem Parkplatz angekommen, geht es gleich zum Kassenhäuschen der Donau-Schiffe. Eine einfache Fahrt bitte. Vom Kloster Weltenburg zurück nach Kelheim. Die Dame in ihrem Häuschen runzelt die Stirn. Es ist halb vier, gibt sie mir zu verstehen. Um zum Kloster zu kommen, also über den Wanderweg muss ich eine Prahmfähre nehmen. Die fährt jedoch nur bis fünf Uhr. Bei sieben Kilometern Fußmarsch ist es zwar durchaus machbar, aber der Zeitdruck könnte doch viel kaputt machen. Immerhin möchte ich auch mal stehen bleiben und gucken. Vielleicht auch mal ein Foto machen? Sie rät mir dazu, erst mit dem Schiff zu fahren. Nach kurzer Überlegung stimme ich zu. Also erst die Dampferfahrt.

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Es ist immer wieder herrlich, auf dem Schiff durch den Donaudurchbruch zu fahren. Die schroffen Uferfelsen. Das satte Grün der Wälder. Das wellenlose, aber doch unruhige Wasser, das mit kräftiger Strömung Richtung Schwarzes Meer fließt. Ich habe diese Tour schon so häufig gemacht. Die Schönste davon war sicher die mit meiner Oma. Es war ein Wunschtraum von ihr einmal die Häuser in Österreich zu sehen. Wie sie mit ihren Balkonen und den farbenfrohen Blumenkästen an den Berghängen stehen. Aber sie wehrte sich auch dagegen. Also gegen das Losfahren. Sie sei zu alt, meinte sie stets.

Also fasste ich im Jahre 2014 den Plan sie nach Österreich zu »entführen«. Ich heckte mit ihrer Freundin einen Plan aus, der ihr vorgaukelte, dass wir ins Münsterland fahren. In Wahrheit ging es über die Alpen. Über die Groß Glockner Straße. Ich habe mir damals viel Zeit gelassen, was das Fahren betrifft. Hier und dort hatte ich leichtes Programm erdacht, dass die rüstige Dame, die neben mir auf dem Beifahrersitz saß, auch etwas zu erzählen hat, wenn sie wieder zu Hause ankommt. Lotte war damals gerade wenige Monate alt, als auch sie die erste große Reise mitgemacht hat. Es war ein schönes Bild vor dem Kloster, als der kleine schwarze Flummi neben meiner Oma umhersprang und alles erkunden wollte. Es ist eine wirklich schöne Erinnerung, die gerade jetzt wieder etwas präsenter wird.

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Als ich heute am Kloster ankomme, geht mein Weg zu den Holzboten, die neben den Dampfschiffen die Touristen nach Kelheim, oder aber nach Weltenburg bringen. Die Seilfähre habe ich abgehakt. Die schaffe ich nicht mehr. Außerdem habe ich Hunger. Ob man mich im späteren Verlauf auf das andere Flussufer bringen könne, frage ich. Man würde nicht mehr lange fahren, bekomme ich als Antwort. Ich würde nur etwas im Kloster essen wollen, dann sei ich wieder am Flussufer. Abgemacht!

Lotte gönnt sich unterdessen eine Abkühlung. Das Wetter ist gigantomanisch! Das Kloster selbst platzt fast aus allen Nähten. Eine solche Menschenmasse habe ich hier so noch nicht gesehen. Die Kellner und Kellnerinnen bringen mit großen Tablets das Essen aus der Klosterküche. Das aus der eigenen Brauerei gebraute Dunkelbier schwappt in den Krügen. So stärke ich mich erst einmal. Durch die Massenabfertigung, die hier stattfindet, wartet man seltenst lange auf sein Essen. Das spielt mir geradezu in die Karten. Also eilig den Bauch vollgeschlagen und dann auf das andere Donauufer. Lotte hat einen Haxenknochen bekommen und trägt diesen stolz, wie Oskar spazieren.

Aber nur bis zur anderen Seite. Dann sind die Gerüche um sie herum viel interessanter. So bleibt der Knochen zurück. Die Hundenase klebt auf dem Boden. Konnte ich während der Dampferfahrt noch sehr viele Menschen spazieren gehen sehen, hat sich das Bild völlig gewandelt. Es ist tot hier. Niemand ist mehr auf den Waldwegen unterwegs. Zumindest auf den ersten Abschnitten nicht. Es ist etwas völlig Neues. Denn zum Kloster hin, oder, wie in diesem Falle weggelaufen bin ich noch nicht. Auf den Aussichtspunkten der Anhöhe hat man einen fantastischen Panoramablick auf das Kloster und die Donau! Irre!

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Dann wird es kurios. Ich schlendere so über den Waldweg, da entdecke ich einen dicken, runden schwarzen Käfer. Ich bleibe stehen und schaue. Da bleibt das Insekt ebenfalls stehen. Noch verrückter: Es dreht sich mir zu. So stehen wir einige Sekunden mitten im Wald. Als ich mich anschicke, meinen Weg fortzusetzen, zieht auch der Käfer weiter. Es hätte nur noch gefehlt, dass er sagt: »Mensch, Mütze! Was machst du denn hier?« Eine witzige Begegnung.

In der »Einsiedelei Klösterei« gönne ich mir und Lotte auf halber Strecke dann nochmal eine kurze Pause. Es hätte nicht sein müssen, aber ich habe doch Zeit. Also warum zurück zum Auto hetzen? Hier sind dann auch wieder mehr Leute unterwegs. Wanderer. Radler. Auf dem letzten Abschnitt Richtung Kelheim entdecke ich plötzlich etwas Neonrotes in der Donau. Ein Schwimmer! Im Neoprenanzug krault er mit der Strömung den Fluss abwärts. Lotte erblickt ihn und kommt mit dem Bild mal so gar nicht klar. Alle Antennen sind bei ihr auf Empfang. Sie eilt einige Meter voraus und beäugt das Szenario. Sie läuft weiter. Guckt. Läuft. Guckt. Will ins Wasser. Nun bin ich es, der rennt. Die Strömung ist zu stark. Zum Glück hört die blöde Nuss augenblicklich auf mich. Das wäre etwas geworden, wäre sie wirklich in den Fluss gegangen.

Blog 5

Zum späteren Abend gehe ich dann in Pilsach noch auf ein Straßenfest. Eigentlich auch verrückt. Hat das Dorf vor gerade einmal einer Woche seine Kirchweih gefeiert. Schnippisch frage ich einen der Anwesenden, welche Straße denn die nächste Woche das Fest ausrichtet? Immerhin hat das Jahr zweiundfünfzig Wochen. Neben dem Dorffest, der Kirchweih und dem Weihnachtsmarkt gebe es ja so viele Wochenenden, an denen, so denke ich, weniger los ist. Also schiebt man das Straßenfest immer eine Straße weiter. Es wäre wie eine Art Staffellauf immer bis zum nächsten »Großereignis«. Man drückt mir ein Bier in die Hand und prostet mir zu.

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