Diese ätzende Hitze!

26.07.2018

So früh bin ich lange nicht mehr aufgestanden. Wobei das eher falsch ist. Ich habe mich lange nicht so früh vom Wecker wecken lassen, nur um dann doch erst einmal Zeit zu verplempern. Es gipfelt darin, dass ich, eigentlich schon gewohnt, in Schnappatmung verfalle und eiligst anfange das Gepäck wieder zusammen zupacken. Blöd ist dann auch, wenn das organisierte Taxi eine gute Stunde zu früh auf dem Hof steht. Aber bitte versteht es nicht als Vorwurf. Ich hätte ja schneller sein können. Bin ich nicht gewesen. Blöd.

Letztendlich sind Felix und ich dann doch zu der Zeit auf der Straße, wo die Planung anfänglich hinging. Felix hat sich bereit erklärt, mich wieder in die Nähe von Wesel zu bringen. Dem Ort, wo ich zwei Tage zuvor die Reißleine gezogen habe. Schlussendlich lande ich in Behringen. Dort, im Ortskern lasse ich mich aussetzen. An Felix noch einmal ein riesen Dankeschön, dass er sich die Zeit genommen hat. Ich selber beginne gleich meinen Handwagen zusammen zuschrauben. Dann die Plastikkisten und die Taschen drauf und alles verzurrt.

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Schon jetzt ist es unverschämt warm. So entscheide ich mich bereits zu dieser Zeit für eine Pause. Das Lokal, auf dessen Parkplatz mich Felix abgesetzt hat, hat unterdessen die Türen geschlossen. Also, keine Limo hier. Dann eben auf der anderen Straßenseite. Nachdem man mir beim Bezahlen einen Euro geschenkt hat, setze ich mich in Bewegung. Warum man mir einen Euro geschenkt hat? Die Dame konnte nicht rechnen. Oder war gedanklich woanders. Ich habe zwei Mal gesagt, was ich an Wechselgeld wieder haben möchte. Hat sie vergeigt. Ist eben so. Dann kann ich den Europa an anderer Stelle verballern.

Nun hat er also begonnen. Der Anlauf. Der wirklich, echte Anlauf auf das Wacken Open Air 2018. Ein starkes Gefühl der Freude löst es gewissermaßen schon in mir aus. Die Generalprobe, so will ich sie mal nennen, zwei Tage zuvor, war gut. Es hat zwar nicht alles zu hundert Prozent geklappt. Sonst wäre ich nicht nach Hause, aber knappe siebzig Kilometer habe ich in den ersten drei Tagen erlaufen können. Doch nun liegen zwischen mir und diesem kleinen Dörfchen, oben in Schleswig-Holstein mindestens die doppelte Zahl an Kilometern. Und mit jedem Schritt verringert sich der Weg um ein kleines Stück. Es ist schon irgendwie irre.

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Asphaltwege habe ich nahezu keine. Einmal, gute zwei bis vier Kilometer. Ansonsten fast die ganze Zeit nicht. Schotterstraßen mit größeren Steinen dazwischen und viel Sand. Der Wagen, jedoch, lässt sich gut schieben. Kann aber auch sein, dass ich mir die Situation schön denke. Hier in der Heide, jetzt, bei der Mittagshitze. Es fühlt sich grausam an. Die Suppe läuft einem Wasserfall gleich, die Stirn herunter. Der mitgeführte Vorrat an kühlem Nass ist längst nicht mehr kühl. Es ist eine warme Brühe, die ich mir den Rachen heruntergieße. Ziemlich schnell wird eine Flasche nach der Nächsten leer. Mein Wasserverbrauch ist echt abnormal hoch. Im Licht der Sonne kann ich den feinen Sandstaub in Bodennähe wabern sehen. Wirklich Wind ist hier nicht. Das Knirschen der Steine unter meinen Füßen. Das leise Rumpeln des Anhängers. Es ist einfach nur heiß. Scheiße heiß. Der verdorrte Vegetation um mich herum. Der spärliche Baum, Busch bewuchs. Schatten ist hier faktisch nicht vorhanden. Dafür aber eine ballernde Sonne. Viele Leute sehe ich ebenfalls nicht. Die wissen schon, warum sie nicht unterwegs sind. Anders ich.

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In Niederhaverbeck entdecke ich einen Gasthof. Pause! Füße ausruhen lassen. Gute Acht Kilometer habe ich geschafft. Nicht wirklich viel. Aber für die Zeitspanne, die ich unterwegs bin, annehmbar. Ein Eis und ein kaltes Getränk versüßen mir die Rast, ehe ich den Weg zum Wilseder Berg einschlage. Der Erhebung in der Lüneburger Heide, die ich unbedingt passieren möchte. Was mir hier, aber auch schon vorher aufgefallen ist, dass es ein bunter Mix an Routen ist, die ich bewander. Mal bin ich auf dem Heidschnuckenweg, dann wieder auf dem E1-Europawanderweg, dem Jakobsweg. Ja, auch der führt hier durch. Ich bewandere aber auch den Heide-Leine-Radweg. Es ist ein munteres Umhergewechsel.

Kurz vor dem Berg kommen mir zwei etwas ältere Damen entgegen. Einen Typen, der mit Handwagen durch den Dreck zieht, haben sie noch nicht gesehen. Es wird ein Bild gemacht, man kommt ins Gespräch. Der Dialekt lässt erahnen, dass die Herkunft der Zwei südlicher anzusiedeln ist. Als man mir verrät, wie weit südlich, platzt lautes Gelächter aus mir heraus.

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Es gibt eine Partnerschaft der Orte Horneburg und Neumarkt im Mühlkreis in Österreich. Es gibt Austauschfahrten der Schulen. Auch waren gerade, knapp eine Woche zuvor Leute aus Horneburg dort, um dort etwas zu feiern. Und nun will es die Fügung so, dass ich zwei Bewohnerinnen dieses Dorfes hier in der Lüneburger Heide begegne. Es bricht ein wildes Geplapper aus. Es wird gelacht, gealbert. Es lässt mich für einen Moment den steinigen Weg vergessen. Die Schmerzen meiner Füße. Die Hitze.

Auf dem Gipfel, wenn man ihn denn so bezeichnen kann, treffe ich auf Rafael. Einem Mann aus dem Schwabenland. Er bewandert seit gut fünfeinhalb Wochen den E1-Europawanderweg. Dreißig Kilometer mache er im Schnitt täglich. Seine Überlegungen gehen dahin, noch ganz bis nach Schweden zu pilgern. Womit er dann elf Wochen unterwegs wäre. Krasser Typ!

Auf dem Gipfel ist es dann auch soweit. Nachdem Rafael und ich uns getrennt haben, beginne ich den Wagen für meinen weiteren Trip zu dekorieren. »W-O-A 2018« kommt auf die Seiten. Einfach »W-O-A« hinten. Die Wanderer , die mich im Vorbeigehen sehen, müssen denken, dass ich völlig einen an der Klatsche habe. Das Gespräch sucht keiner von ihnen. Ich selbst bin beschäftigt. Der halbe Liter Mezzo, den ich dabei habe, so für den Zuckerhaushalt möchte ich am Liebsten wegschmeißen. Ein paar Grad mehr und es würde wohl kochen. Widerlich! Nützt aber nichts. Der Körper schreit danach. Anschließend spüle ich mit Wasser, das ebenso warm ist, nach.

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So wander ich auf den wechselnden Wegen weiter Richtung Wacken. Neben der Hitze kommt nun auch noch eine reine Sandpiste dazu. Schieben geht nicht mehr. Ziehen? Nicht wirklich. Also zerre ich meinen Wagen durch den leichten Puder. Tiefe Spuren hinterlassen meine Reifen. Ich schnaufe, wie ein Bulle. Die Suppe rinnt vom Kopf. Handschuhe wären jetzt nicht schlecht. Die Hände sind so nass, dass es mir schwerfällt, einen vernünftigen Griff zu bekommen. Und wieder rauscht das Wasser die Kehle hinunter. Ich muss einen Ort finden. Ich benötige Nachschub. Einen halben Liter habe ich noch, dann ist Sense.

Nachdem ich wieder einen festen Weg unter den Füßen habe, entdecke ich eine Bank samt Tisch. Pause! Ganz wichtig! Es erscheint ein Fernradler auf der Bildfläche. Ob ich auch einen Schlafplatz suche, fragt er mich. Ich nicke. Allen voran aber Trinkwasser, gebe ich zu verstehen. Er setzt sich einige Minuten neben mich und so plaudern wir. Er kommt gerade aus der Bretagne und sei knappe fünf Wochen mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Lediglich zwei Etappen hätte er noch vor sich und dann sei er wieder zu Hause. Er erzählt mir, wie einfach es ist, überall in den Ländern einen Schlafplatz zu finden. Dass wohl nur selten jemand etwas sagt. So sei er über den Norden Frankreichs, durch Belgien und den Niederlanden wieder nach Deutschland geradelt. Einen wirklichen Campingplatz habe er nur selten aufgesucht.

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Ich erzähle, dass ich meist bei Privat anfrage, ob ich auf einer vorhandenen Grünfläche zelten dürfe. Erstaunte Blicke mustern mich. Das funktioniert? Ich nicke. Sicher gäbe es auch mal Absagen. Aber vom Grundding her ist das kein Problem, gebe ich zu verstehen. So trennen sich unsere Wege wieder. Man wünscht sicher gegenseitig eine angenehme Weiterreise und verliert sich aus den Augen.

Endlich eine Ortschaft! Inzmühlen. Ich habe einfach keinen Bock mehr auch nur einen Schritt mehr zu machen. Letztendlich lande ich jedoch in Handeloh. Beim Hotel Fuchs schlage ich mir est den Bauch voll, später baue ich hinter dem Gebäude mein Zelt auf. Unterstützt werde ich dabei von der kleinen Svea, die mit ihren Eltern im Biergarten sitzt und mein Treiben hochinteressant findet. Zudem werde ich von ihr mit gefühlt tausend Fragen gelöchert. Später komme ich noch mit den Eltern ins Gespräch, ehe ich völlig erschöpft die Augen schließe.

Laufstrecke: 26,12 km
Zeit: 6:22 h
D.-geschw.: 4,19 km/h

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