Ein Hoch auf den Buschfunk!

30.07.2018

Ein weiterer Tag meiner Pilgerreise. Ein weiterer Tag Kampf mit der Motivation am Morgen. Nicht, dass ich keine Lust habe zu laufen. Aber es ist anders als beim Fahrradfahren. Wie soll ich das erklären? Vielleicht so, dass man mit dem Fahrrad schneller vorankommt. Man hat den Fahrtwind. Jetzt die Tage durch die Hitze und die Trockenheit. Es wäre vielleicht etwas angenehmer. Und zu Fuß? Man hat ewig die Suppe in den Augen. Wenn der Salzgehalt dann auch noch recht hoch ist, dann schwankt man halt wie so ein blinder Maulwurf auf dem Weg herum. Wenn das Wasser zur Neige geht, klingel ich einfach irgendwo. Wasser hat jeder. Besonders für so einen Sonderling. Ob mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs. Aktuell Letzteres. Für einen Typen, der so bescheuert ist, dass er bei der Affenhitze nach Wacken läuft.

Mittag ist längst wieder durch, als ich mich auf die Straße werfe. Am Vorabend hat Thomas mir noch ein zwei Anregungen gegeben, wie ich laufen könne. Da wäre der Weg durch das Kehdinger-Moor. Ich hätte meine Ruhe. Wäre aber auch wieder länger von der Strecke. Oder aber am Elbdeich bis Assel und dann bis Wischhafen an der Hauptstraße.

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Letztendlich bleibe ich diese Etappe nur an der Haupstraße. Die Neugier überwiegt, wie viele Wackenreisende ich schon sehe. Und vielleicht hat auch wer ›Mitleid‹, dass ich einen Knitterfisch abgreifen kann. Also drauf los. Da ich keine große Luft auf den Straßenlärm habe, stopfe ich mir die Knöpfe in die Ohren. Schon mal etwas auf die kommenden Tage einstimmen. Von Alestorm bis Månegarm ballert mir so manche Band durch den Gehörgang. Selbst H-Blockx, so als etwas entspannende Alternative. Ich tauche in eine art Automatismus ein. Die Kilometer schmelzen geradezu dahin.

Gefühlt kaum auf der Straße, passiere ich das Ortsschild von Drochtersen. Rauf auf den Parkplatz. Rein in den Supermarkt. Noch einmal die Vorräte aufgefrischt. Anschließend hole ich mitten im Getümmel meinen Campingstuhl heraus und lasse es mir vor dem Gebäude gut gehen. Noch dazu: Ich habe W-Lan. Ich mag REWE. Hat schon etwas. Für den Moment überlege ich, ob das auch mit dem Notebook klappen würde. Ich bin an der Stelle etwas doof, das gebe ich offen zu. Kann man sich damit bei denen einwählen? Ich könnte vielleicht einen Beitrag online stellen. Da fällt mir ein, dass ich keinen Beitrag fertig habe. Also lassen wir das Experiment sein.

Mich erreicht die Nachricht vom Thomas, dass er den Buschfunk in seinem Bekanntenkreis angeworfen hat. Dass da so ein Verrückter Richtung Wischhafen am Laufen ist. Dass man, wenn man einen Moment für mich hätte, man mir bei der Wärme doch etwas Kaltes kredenzen möge. Es spiegelt sich auch auf meiner Facebookseite wieder. Alte Klassenkameraden, die man so gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, tauchen wieder auf. Und wieder kommt mir der Gedanke, dass die Welt ein Dorf ist. Ein Aufruf und schon geht der Puck ab.

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Bis Wischhafen bleibt es ruhig. Ein Auto hat mich auf dem Weg hier her angehupt. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Eine Dame mit Kinderwagen ruft mir nach. Im Staufach vier Liter Wasser und Schorle. Das ist selbst für mich zu viel. Ich habe doch noch selber noch vier Liter. Ich solle zumindest die Schorle trinken. Dazu lasse ich mich gerne breitschlagen. Etwas mit Geschmack. Dazu ist es kalt. Der Wahnsinn! So verbringe ich eine halbe Stunde auf der Bank, die zufallsbedingt am Straßenrand steht, quatsche über meine Beweggründe und anderes.

Kaum wieder auf den Beinen hält ein Auto neben mir. Eine weitere Dame. Bewaffnet mit einer Tüte Obst. Ich bedanke mich artig und wieder folgt eine länger andauernde Unterhaltung. Wo ich denn her sei. Auf dem ›verhassten‹ Alten Land. Zur Erklärung: In früheren Jahren haben sich die Kehdinger und die Altländer nicht sonderlich gut riechen können. Da gab es dann auch schon mal einen auf die Augen. Als ich, wie eben geschildert, neckisch ›verhasst‹ sage, verfliegt die Freude bei meiner Gesprächspartnerin. Na, toll, bekomme ich zu hören. Ich necke weiter, ob sie ihr Obst wieder haben möchte. Nein, jetzt nicht mehr. Frei nach dem Motto, jetzt hast es ja schon angefasst. Behalt mal. – Wir lachen. Es ist heute alles nicht mehr so, wie es vor dreißig vierzig Jahren war. Aber necken gehört auch heute noch dazu. Jedenfalls bei mir. Sonst wäre es doch langweilig.

Als ich auf der Geraden zur Elbefähre abbiege, entdecke ich zwei Metal-Minions. Minions, die kleinen gelben Dinger aus den ›Ich, einfach unverbesserlich‹ – Filmen. Schön auf Heavy Metal geschmückt. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie kreativ der Mensch sein kann. Stapel einfach zwei drei Strohrollen übereinander und bemale sie. Ein alter Autoreifen als Auge, ein paar Arme gebastelt. Fertig ist der ›Minion‹. Einfach, aber genial. Aus der Warteschlange der dortigen Autos fragt man mich, ob ich eine Mitfahrgelegenheit brauchen würde. Ich lehne ab. Lass mich man laufen. So trotte ich bis zur Schranke vor und betrete mit Fahrradfahrern zusammen als Erster das Fährschiff. Der Kassenwart schaut etwas verdutzt. Ob ich nach Wacken laufen würde. Ich nicke und bezahle das Ticket für die Überfahrt. Dann geht es runter in den Schiffsbauch. Bockwurst mit Brot ist das Stichwort. Obendrauf ein kaltes Getränk und ein Eis, dann ist auch die halbe Stunde der Übersetzung verflogen. Zwischendrin unterhalte ich mich noch mit einigen Mitfahrenden. Dann stehe ich aber auch schon auf der anderen Elbseite.

Auf dem angrenzenden Parkplatz kommt mir die Idee, dass ich hier heute Nacht mein Zelt aufschlagen könne. Hier steht ein Dixi. Zumindest müsste ich nicht in die Wildnis um mein Geschäft zu verrichten. Nachteil ist, dass der ganze Verkehr hier vorbei donnert. Während ich also da stehe und grüble, unterhalte ich mich mit einen Herren, der auch nach Wacken möchte. Er hat sich von seiner Frau zur Fähre bringen lassen und wartet nun auf seine Mitfahrgelegenheit auf dieser Elbseite.

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Ich entscheide mich dazu weiter zugehen. Das Navi zeigt an, dass ich der Deichstraße folgen soll. Über einen Weg, der nur so von Schafdung gesprenkelt ist. Es ist alles voll. Hier das Zelt hinsetzen: Nein! Ich verlasse den Deich und komme in eine angrenzende Siedlung. Protzbauten links. Protzbauten rechts. Sei nicht so voreingenommen, denke ich. Frag einfach. Nur weil das Äußere pompös ist, muss das Wesen der Leute hier nicht verkümmert sein. Zu meinem Glück erwische ich aber genau solch eine Person. Ich solle meinen Kram nehmen und gefälligst am Außendeich pennen. Nette Menschen hier, denke ich. Gut, ich gebe zu, es ist ein Mensch dort. Weiter frage ich auch nicht in dieser Nobelsiedlung. Ich gehe durch einen schmalen Querweg und lande an der Hauptstraße. Auf der anderen Seite scheint ein Gärtnereibetrieb zu sein. Eine große Halle, Gewächshäuser, Grünflächen. Hier sollte ich Glück haben. – Und wirklich.

Das Zelt ist hinter der Scheune halb aufgebaut, da kommt der Herr des Hofes. Ob ich duschen möchte, fragt er. Er hätte eine entmöblierte Sozialwohnung. Wasser und Strom seien aber vorhanden. Zumindest einen Blick riskieren. Also folge ich und bin sofort Feuer und Flamme. Nicht wegen der Dusche. Die Räumlichkeiten als solches. Ob ich meine Luftmatratze auch hier reinlegen dürfe. Logisch, kommt als Antwort zurück. Also schnell das halbaufgebaute Zelt wieder eingepackt und den ganzen Plunder in die Wohnung geschafft. Die Matratze darf ich dann auch noch am Kompressor aufpusten. Besser geht es wirklich nicht. Jackpot, denke ich.

Der Bruder ist unterdessen rübergekommen und hat sich über das anfänglich halb aufgebaute Zelt gewundert. Oma und Opa sind auch rausgekommen. Es wird sich angeregt unterhalten. Es wird gelacht. Und es gibt Bier. Zum Schluss kann ich sogar den Kopf so frei bekommen, dass ich endlich die Erlebnisse von einem der vergangenen Tage aufschreibe …

Laufstrecke: 23,55 km
Zeit: 4:51 h
D.-geschw.: 5,22 km/h

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