Dümmer geht es nicht? – Ja, von wegen!

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03.08.2018

Habe ich im letzten Beitrag bedingt ein Frauenklischee bedient, so sind heute die Männer dran. Ausgleichende Gerechtigkeit, wenn man so will. Es ist ja erwiesen, dass unsereins durchaus äußerst blöde Ideen hat. Seien es irgendwelche Stunts, die man im Zeitalter von YouTube ja zuhauf beäugen kann. Da steht da wer und man ahnt, was der Kerl vorhat. Und im gleichen Moment ist aber schon Erkenntnis da, das kann nicht gut gehen. Das geht einfach nicht. Das wird hässlich. Und er macht es dennoch. Natürlich mit dem Ergebnis, was man Sekunden zuvor schon befürchtet hat. Männer eben. Vor allem im Kollektiv. Ich hab da eine ganz blöde Idde. – Ja, klasse! Ich bin dabei. – Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Aber ich schwafel um den Brei. Worum geht es denn nun? Aus zwischenmenschlicher Sicht, um das Ereignis des Wochenendes! Ich stehe am Morgen in der Donnerbalkenwarteschleife. Um eben das Bild zu beschreiben. Da stehen zehn Dixiklos, umringt von Bauzäunen. Diese Toiletten stehen je fünf mit den Rückseiten zueinander, dass ein Umwerfen auf die Tür erschwert wird. Folglich gibt es zwei Warteschlangen. Ich mit perfektem Blick auf die andere Seite. Da kommt unser Protagonist ins Bild. Er kommt rechts aus der Zelt-/Pavillonanlage. Zielstrebig, wie ein Löwe, bewegt er sich auf die gegenüberliegende Warteschleife zu. Zu seiner Gestalt. Er läuft Oberkörper frei, Statur Spargeltarzan. Naja, etwas mehr hat er schon auf den Knochen. Aber nicht soviel, dass er damit jemanden beeindrucken könnte.

Schon während er da angelatscht kommt, denke ich, was macht der da? Lokuspapier hat er nicht dabei. Wenn er brunzen muss, warum geht er nicht zum Pissoirgefäß? Nein, er hat es auf ›Marie‹ abgesehen. Ein Mädel, das wie alle anderen auf der Seite in der Donnerbalkenwarteschleife steht. Und dann wird es einfach nur grandios! Eigentlich hätte man sich Popkorn holen müssen. Er hat Mädel als Ziel auserkoren. So steht er vor ihr und hält ihr eine Flasche, was hält er ihr eigentlich vor die Nase? Da ertönt seine Stimme. Ob sie ihm den Rücken mit Sonnencreme einschmieren würde. Und jetzt kommts: Metaphorisch einer Abrissbirne gleich. In der Stimme keine Emotion. Stumpf, wie ein Löffel. »NEIN!« Bei ihm kann man sinnbildlich, wie in einem schlechten Film, das Geräusch eines abrupt gestoppten Plattenspielers vernehmen. Doch das Theater ist noch nicht vorbei.

Direkt vor dem Mädel steht ein Herr. Mitte, Ende vierzig. Dezenter Schmierbauch. Das »Nein« von ihr war noch gar nicht recht verklungen, da meldet er sich zu Wort. »Ich mach dir das!« Er packt die Flasche Sonnenmilch und ist sogleich dabei unseren Romeo den Rücken einzuglitschen. In dem Moment gibt es kein Halten mehr. All die, die dieses Schauspiel gesehen haben, liegen auf dem Boden vor Lachen. Selbst aus der Pavillonanlage kommt lautstarkes Gejohle. Unser Schürzenjäger schaut aus, wie sieben Tage Regenwetter. Göttlich! Das Highlight des Tages ist schon früh am Morgen vergeben. Genial! Selbst ›Rama‹ und ›Sanella‹ können das nicht mehr toppen. Wobei gerade er sich wirklich Mühe gibt. Allerdings war es aber alles schon einmal zu sehen. Abspannbänder. Halb stranguliert. Fast darüber gestürzt. Es ist eben bekannt.

Gegen Nachmittag geht es dann für mich auf das Festivalgelände. Heute möchte ich mehr mitnehmen, als am Vortag. Den Auftakt bei mir macht heute die Gruppe Korpiklaani. Die Jungs kommen aus Finnland und haben in ihren Stücken durch Geige und Akkordeon folkloristische Klänge eingebaut.

Vorab. Dies soll nicht als Kritik dienen. Ich schreibe hier lediglich über meine persönlichen Eindrücke. Empfindungen können voneinander abweichen und nicht jeder erlebt den Moment gleich. Nur so am Rande. Auch versuche ich etwas zu erklären, da nicht jeder meiner Leser unbedingt Heavy Metal hört. Einiges beruht auf Halbwissen. Was ich aber hoffentlich nicht zu sehr vergeige.

Korpiklaani also. Kurz gesagt: Wahnsinn! Ich bin damals mehr zufällig auf die Jungs aufmerksam geworden. Über eine dieser »Agathe Bauer«-Zusammenschnitte. Diese Textpassagen in fremdsprachigen Liedern, die einem vorgaukeln etwas ganz anderen zu verstehen, als das, was dort gesungen wird. Das Lied damals hieß: Karhunkaatolaulu. Die falsch verstanden Passagen ließen mich folgendes verstehen: ›Müller rennt den Messern her.‹ – und der absolute Brüller: ›Hugo leckt den Jonathan‹. So habe ich die Finnen in mein Herz geschlossen. Nun stehe ich auf dem Wacken Open Air und schaue sie mir live an.

Das Schöne ist: Sie haben Bock! Richtig Bock! Das merkt man vom ersten Moment an. Die Gitarren schrammeln, die Haare fliegen. Also, nicht meine. Auch die beiden Typen an Geige und Akkordeon legen sich mächtig ins Zeug. Der Frontmann, wenn ich ihn beschreiben soll. Er erinnert mich ganz entfernt an Jonny Depp in seiner Rolle als ›Captain Jack Sparrow‹ aus den ›Fluch der Karibik Filmen‹. Die langen Dreadlocks, die tätowierten Arme, die vielen Ringe an den Fingern. Er schafft es spielerisch das Publikum abzuholen. Er geht auf die Leute ein. Ein breites Grinsen huscht immer wieder über sein Gesicht. Darüber hinaus begeistert mich der Bassist, der dem Weihnachtsmann durchaus ähnlich sieht. Dieser schneeweiße Rauschebart. Er steht mit einer stoischen Ruhe da und zupft an seinen Saiten. Langsam schaukelt sich die Stimmung in dieser Stunde immer weiter auf. Eskalieren tut der Kessel, als die Liederkombination aus den drei Stücken ›Tequilia‹, ›Beer, Beer‹ und ›Vodka‹ angespielt wird. Ja, und dann? Dann ist die Stunde auch schon vorbei. Völlig entsetzt stehe ich in der Menge und will nicht wahrhaben, dass das schon alles gewesen sein soll. Leider doch.

Also verlasse ich das Infield und streife etwas zwischen den Buden umher. Die Füße machen mir zu schaffen. Über die Wärme möchte ich mich nicht beschweren. Die Leute geben sich hier die allergrößte Mühe. Überall steht jemand mit Wasserschläuchen. Lange Schlangen befinden sich an den Trinkwasserspendern. Wenn man sich nicht ganz blöd anstellt, dann sollte man keine körperlichen Probleme bekommen. Zwischendrin grübel ich, ob die Bierbuden dieses Jahr Umsatzeinbußen haben. Immerhin steht fast alles an den Wasserspendern.

Dadurch, dass ich die Runningorder, also die Reihenfolge der verschiedenen Bands nicht bei mir habe. Und ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, welche Gruppe als Nächstes kommt, entschließe ich mich zum Zelt zurück zugehen. Dort geselle ich mich zu meinen Nachbarn, die noch auf ihre Gruppen warten. Bereits am Morgen bin ich zwischen zwei Cliquen immer hin und her gependelt. Mal habe ich hier gequatscht. Mal habe ich dort gesessen. So kommt es jetzt, dass ich mich fest sabbel. Dadurch verpasse ich Gruppen, wie ›Children Of Bodom‹ oder die ›2 Celos‹. Ärgerlich!

Gerade die beiden Jungs aus Kroatien hätte ich gerne gesehen. Lediglich vom letzten Stück kann ich einige wenige Klänge erhaschen. Von abwandernden Zuhörern erfahre ich, dass man die Jungs ganz schlecht abgemischt hat. Das die Akustik überhaupt nicht gut war. Darum haben die sich also gleich nach dem letzten Stück ohne großes Verabschieden von der Bühne verzogen. Schade für die Zwei, die, wenn ich das richtig weiß, damals von Elton John entdeckt wurden. Zumindest habe ich mal ein Interview mit ihm gesehen, wo er über die zwei Herren sprach. Er hat sie auf seine Tour? zu einem Konzert? mitgenommen. Ich weiß das nicht ganz genau. Letztlich war das für die Zwei dann quasi der Türöffner zu etwas Großem.

Es folgt ›Doro Pesch‹. Ich möchte aber nicht viel zu ihr sagen. Sie nervt mich. Sie mag ja singen können. Aber nach jedem Lied folgt ein geschwollener Schwall an Gesülze, wie toll sie das hier doch findet. Wie toll die Leute sind und brech, kotz, würg. Besonders bitter. Das Festival befindet sich auf deutschem Boden. Ja, die Zusauer kommen von überall her, aber das Groh der Leute spricht wohl deutsch. Jetzt kommt die Frau und quatscht in einem derart gruseligen deutschen Akzent auf englisch los, dass sie alles geil findet. Nein, danke! Wirklich ganz grausam! Ich suche mir ein ruhigeres Plätzchen und komme erst bei ›Nightwish‹ wieder aus meinem Loch hervor.

›Nightwish‹ ist der Wahnsinn. Besonders die Bühnenshow reißt mich mit. Es sind bewegte Bilder, die das Ganze immer wieder in wechselndes Licht eintauchen lassen. Auch ist es so arrangiert, dass es aussieht, als würden sie Bandmitglieder im Bild stehen. Mehr noch, dass sie darin schweben würden. So ein einfacher Trick und doch so wirkungsvoll. Vom Torbo wusste ich, dass die Gruppe eine neue Sängerin hat. Die hat sie schon länger. Er hat sich aber immer gescheut, sich die Gruppe in der neuen Besetzung anzusehen. Er wollte Endtäuschungen vermeiden. Dafür, so finde ich, gibt es keinen Grund. Die Dame auf der Bühne macht ihren Job solide. Was aber auffällt ist, dass Lieder, die nicht für sie geschrieben wurden, da hat sie Schwierigkeiten mit. Sie macht es anständig, das ja. Aber bei den Stücken, die auf sie selber zugeschnitten sind, bemerkt man dann doch, dass eine ganz andere Kraft in der Stimme ist. Wesentlich mehr Druck.

Da muss ich kurz etwas aufgreifen, wovon der Torbo mir schon häufiger erzählt hat, was ich nun auch live hören darf. Der Keyboarder der Band, Tuomas Holopainen, der als Hauptsongschreiber fungiert, hat ein gigantisches, musikalisches Verständnis. Er hat es bisher bei jeder der drei Damen geschafft, die bei Nightwish gesungen haben, die Lieder so zu arrangieren, dass jede noch so kleine Stärke in der jeweiligen Stimme hervorgehoben wird. Und das merkt man heute durchaus. Lieder, die damals für die erste Sängerin Tarja Turunen geschrieben wurden, die zünden nicht so ganz bei mir. Wie gesagt, sie sind gut. Aber es fehlt das letzte Fitzel, das diese Songs, wie in der Vergangenheit, episch macht.

Nach Nightwish tobt ›Running Wild‹ über die Bühne. Eine solide Show, auch wenn ich nicht vollends bei der Sache bin. Ich warte vielmehr auf ›Otto mit seinen Friesenjungs‹. Ja, Otto spielt dieses Jahr in Wacken. Auch wenn sich einige der eingefleischten Fans über solche Buchungen aufregen. Ich finde es eine nette Alternative zum ganzen Rumgeballer. Einmal am Abend die Gedanken wieder klar bekommen. Und so warte ich vor der Bühne, was da so auf mich zukommt.

Plötzlich riesen Geknalle! Feuer! Wildes Geschrammel! Ich bin regelrecht geschockt. Wie in einem schlechten Film frage ich kleinlaut: »Otto …?« – Nein. Nicht Otto. ›In Flames‹. Ich bin vor der falschen Bühne stehen geblieben. Jetzt ballert und knallt mir alles um die Ohren. Die Show ist gut. Wirklich. Aber eben nicht das, was ich erwartet habe. So wander ich zur nächsten Bühne. Dorthin, wo Otto schon voller Tatendrang dabei ist, die Leute in seine Show einzubauen. Und das gelingt ihm spielerisch. Es ist eben Otto. Von ›Friesenjung‹ bis zu ›Wir haben Grund zu feiern‹ ist alles dabei. Leider ereilt Otto ein ähnliches Schicksal, welches am Nachmittag die 2 Cellos ereilt hat. Die Absprache ist scheinbar schlecht zwischen den Bühnen verlaufen. Inflames knallt Otto gnadenlos an die Wand. Ich mache der Band dabei keinen Vorwurf. Die ballert nur ihren Stiefel runter.

Dazu muss ich sagen, dass mein verzögertes Eintreffen bei Otto einen Nachteil hat. Es sind Horden, die diesen Auftritt sehen möchten. So komme ich gar nicht mehr näher an die Bühne heran. Auch das trägt sicher zum Klangwirrwarr bei. Letztendlich streiche ich vorzeitig die Segel und begebe mich zum Zelt zurück. Auf dem Weg dorthin kommt mir eine sonderbare Gestalt entgegen. Ein Herr, gehüllt in einem halben Kilt, wobei sein ›Bim Bam‹ fröhlich in der Gegend rumhängt. Ich glaube nicht, dass er weiß, wo er ist. Aber er scheint von der Körperspannung stabil zu sein. Auch sein Gang wirkt recht ordentlich. Keine Fragen fragen, denke ich. Das ist Wacken. Das gehört so. Und so endet der Zweite, ein wirklich schöner Festivaltag …

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