Ey! … Du musst umdrehen!

05.09.2018

Geplant war es eigentlich ganz anders. Eigentlich wollte ich mit dem Fahrrad fahren. Der Ort zum Nächtigen war abgeklärt. Ich hätte den Tag nur noch losradeln müssen. Hätte. Es kam ganz anders. Zum Glück muss ich jetzt sagen. Ich bin mit dem Fahrrad nicht losgekommen, weil sich der Feierabend hinausgezögert hat. Der Hund möchte noch bewegt werden. So werfe ich den Plan das Fahrrad zu nutzen über Bord. Es wäre spät und längst dunkel, wenn ich ankomme. Das möchte ich Vanessa mit ihrer Familie nicht zumuten. Also fahre an den beiden Tagen des Lehrganges mit dem Auto Richtung Hamburg.

Am ersten Tag, das möchte ich noch schnell erzählen, sorge ich für ein leichtes Chaos dort, wo ich dachte, dass der Lehrgang dort ist. Er war alle Jahre dort. Nur dieses Mal nicht. Ich hätte ja auch im Vorwege auf die Einladung schauen können. Im Kopf hatte ich da aber längst auf ›Schema F‹ geschaltet. Das ist immer da, also dieses Mal auch. – Nein! – Ich laufe also in Bergedorf über das Firmengelände. Nachdem ich erfahren habe, dass dort ein neues Gebäude errichtet wurde, wo jetzt die Seminare und Lehrgänge stattfinden. Die Tür dort ist verschlossen. Komisch. Ein Mitarbeiter kommt angelaufen. Ob ich mit rein könne, da ich zum Lehrgang muss. Keine Gegenfrage, kein Problem. Ich suche nun den Seminarraum. Der Dozent schaut sichtlich verwirrt, als ich nach meinem Lehrgang frage. Der sei nicht hier. Ob es einen weiteren Raum gäbe, frage ich. Nicht dass er wüsste, seine Antwort. – Hä? – Ich also wieder zum Firmentor. Zur Anmeldung.

Als ich denen sage, dass dort ein anderer Lehrgang sei, und die nicht mal in der Anmeldung wissen, wer da im Raum ist, ist das Chaos perfekt. Die Telefondrähte glühen. Ich weiß nicht, durch wie viele Abteilungen, sich die Mädels telefonieren. Dann hat man endlich jemanden erwischt, der Plan von der ganzen Sache hat. Ich muss nach Glinde. Man hat meinen Lehrgang zu einem anderen Standort der Firma verlegt. Okay. Zum Glück bin ich nicht mit dem Fahrrad gefahren, denke ich. Also, auf nach Glinde. Ich bin schon verdammt spät dran.

Tag zwei vom Lehrgang andet schneller als anfänglich vom Dozenten angesagt. Noch vor der Mittagspause sind wir mit der Abschlussprüfung durch. So ist das gemeinsame Mittagessen der gesellige Abschluss dieser zwei Tage. Und was mache ich nun mit dem halben Tag? Das Wetter ist gigantisch. Die Sonne scheint an einem nahezu wolkenlosen Himmel. Es ist längst nicht mehr so heiß wie im Juli oder August. Ich steige in mein Auto und rolle los. Erst durch Neuengamme. Aber dann? Nehme ich in Geesthacht die Elbebrücke und fahre auf der anderen Seite zurück? Ich bin völlig unentschlossen. Ich bin längst auf der Straße, die mich zur Brücke bringt, doch nutze ich sie nicht. Ich fahre weiter. Ich fahre. Und fahre.

Hinter Geesthacht gelange ich auf eine Bundesstraße. Der Bundesstraße fünf. Links herum würde mich wieder nach Hamburg bringen. Näh! Ich fahre rechts herum. Entlang der Elbe. Mal dichter am Wasserlauf entlang. Mal weiter weg. Das Radio dudelt. Der Wind pustet durch das geöffnete Seitenfenster. Die Gedanken schweifen mit dem Luftzug durchs Auto. Und so gondel ich durch die Weltgeschichte. Auf Höhe Neu Darchau stellt sich mir eine frühere Frage erneut. Über die Elbe rüber, oder weiter fahren? – Ich muss weiter fahren. Die Elbefähre fährt hier nicht. Der Wasserstand ist durch den trockenen Sommer zu niedrig. In Dömitz könnte ich die Brücke nehmen. Aber auch da fahre ich dran vorbei. An der nächsten Elbfähre, der in Lütkenwisch, ebenfalls.

In Cumlosen entschließe ich mich zu einer Pause. Wie schon in der Vergangenheit lande ich beim Landgasthof Schmidt. Dort ist gerade eine Gruppe älterer Herren mit dem Fahrrad angekommen, die dort nächtigen möchten. Ich habe gerade im Wirtshaus Platz genommen, als das Theater losgeht. Ein Teil der Herren, unter ihnen der Organisator, betritt den Raum. Die Zimmersache wird geklärt und dann geht man mit dem Wirt zu den Zimmern. Aber, wie am Anfang gesagt, nur ein Teil der Gruppe. Die Übrigen betreten nach und nach die Gaststube. Die ersten Fragen kommen auf. Ich antworte, dass der Wirt gerade die Zimmer zeigt. Die nölt der Erste, dass er ein Einzelzimmer wolle. Warum er jetzt nicht mit dabei sei, bei dem Zeigen.

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Die Ersten bringen ihr Gepäck nach oben, andere bestellen bereits Bier und dann ist da der Nörgler, der sich von allen übergangen fühlt. Geil! Solch eine Gruppe? Da wird einem als Organisator bestimmt nicht langweilig. Wo denn der Biergerten sei, fragen wieder andere aus der Reisetruppe. Ich sitze in meiner Ecke und verfolge kopfschüttelnd das Geschehen. In Mitten steht der Wirt, der etwas überfordert wirkt. Da fünf Leute geühlt zwanzig Dinge gleichzeitig haben möchten. Auskunft, Bier, wo der Biergarten ist, wer welches Zimmer hat und so weiter. Ein Irrenhaus.

Endlich ist die Meute besänftigt und nuckelt zufrieden im Biergarten an ihrem Hopfengetränk. So kann ich mit dem Herrn Schmidt etwas plaudern. Es dauert, wie beim ersten Mal meiner Wiederkehr etwas, ehe er mich erkennt. Wer will es ihm verübeln? Bei den vielen Gesichtern, die er in einer Radreisesaison zu sehen bekommt. Gut eine halbe Stunde sitze ich im Wirtshaus. Schließlich verabschiede ich mich und wünsche ihm, dem Wirt, nur das Beste.

Wieder im Auto stellt sich mir wieder eine altbekannte Frage. Wo jetzt lang? Weiter? Oder nach Hause? Ich schlage den Weg nach Wittenberge ein. Dort kreuzt eine Bundesstraße die Elbe. Als ich kurz davor bin, werfe ich einen Blick auf die Uhr. Oha! Ey, ich muss langsam den Heimweg antreten. Wozu ich an diesem Moment jedoch nicht die geringste Lust zu habe. Es nützt aber nichts. Ich muss. So quere ich die Elbe und fahre auf ›unserer‹ Seite langsam wieder nach Hause. Ich verwerfe den Gedanken, nach Stendal zu fahren. Ich biege einfach rechts irgendwo ab und hangel mich an der Elbe entlang. Besonders schön wird es nochmal zwischen Hitzacker und Neu Darchau, als ich dort die Elbuferstraße befahre.

Letztendlich erreiche ich mein zu Hause weit nach Einbruch der Dunkelheit. Jetzt bin ich doch froh, dass ich wieder hier bin. Es kann aber auch sein, dass ich einfach nur froh bin, dass ich nicht mehr auf dem Autositz sitzen muss. Auf den letzten Kilometern ging es mir dann doch dezent auf den Keks. Unterm Strich habe ich allerdings einen grandiosen Nachmittag verbracht. Ohne festes Ziel einfach drauf los.

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