Mit dem Fahrrad zum Wilseder-Berg

15.09.2018

Raus aus den Federn! Ich habe heute einen langen Weg vor mir. Ich möchte mal in die Lüneburger Heide radeln. Nachdem ich im August einen Teil meines Fußmarsches nach Wacken geradelt bin, möchte ich nun in die andere Richtung fahren. Also den Hund gegriffen und rauf aufs Rad. Nein, ich nehme Lotte nicht mit. Das werden heute weit über einhundert Kilometer. Die geht mir ja unterwegs ein. Ich habe durch Meike und Klaus zwei Hundesitter für mein Vorhaben gewinnen können. Absprache ist, dass ich sie vorbei bringe. Lotte bekommt so ihre erste Runde von mir und für mich ist es ein erstes ›Aufwärmen‹, wenn man so will.

Wieder zu Hause schnell die letzten Dinge am Fahrrad verstauen und dann geht es los. Der Himmel ist wolkenverhangen und es weht ein recht kühler Wind. Einmal links abgebogen, dann wieder rechts und ehe ich mich versehe, bin ich auf den Wirtschaftswegen, die mich von Guderhandviertel nach Horneburg bringen. Entlang der Bahngleise und in Neukloster ab an die Hauptstraße und am Pfingstmarktplatz geht es dann schnurstracks in den Wald und auf einen falschen Pfad. Einmal gepennt und schon bin ich in einer Ecke unterwegs, die ich noch nicht kenne. Es war doch eine breite geschotterte Straße damals? Wie …? Wo …? Ich radel weiter. Einmal links um einen Baum, dann wieder rechts. Durch eine Senke und über eine leichte Steigung. Das Ganze sind nur wenige hundert Meter, aber kurzzeitig verwirrt war ich dennoch. Schließlich gelange ich auf meine Schotterpiste. Rüber, über die Bahngleise und schon biege ich auf die Straße Richtung Ottensen ein.

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Mit einer altbekannten Sandpiste unter den Rädern geht es ins Estetal hinab. Vorbei an der Grünfläche, wo ich mit Lotte damals meine erste Nacht verbracht habe. Durch Pippensen hindurch geht es dann weiter über landwirtschaftliche Straßen nach Ardestorf. Von dort nach Elstorf. Hier lege ich meine erste Pause ein. Gefrühstückt habe ich heute früh nämlich nicht. Das Hungergefühl ist am späten Vormittag doch merklich in den Vordergrund gerückt. Auf meiner Wanderreise habe ich damals auf der gegenüberliegenden Straßenseite bei der Tankstelle gesessen. Heute mache ich es mir auf dem Parkplatz des Edeka gemütlich. Schnell ein paar Brötchen, Aufschnitt und etwas zum Trinken besorgt und dann beginnt das große Schlemmen. Ganz einfach. Ganz rustikal. Die Fleecejacke ausgezogen und als Sitzkissen unter den Hintern geschoben. So genieße ich mein Mahl.

Eine ältere Dame kommt auf ihrem Fahrrad angefahren. So schmecke es doch immer noch am Besten, bemerkt sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht, als sie ihren Drahtesel unweit von mir abstellt. Ich nicke mit prallen Wangen. Mit dem Einfachsten zufrieden sein. Immer wieder schön. Gesättigt schicke ich mich an, weiter zu fahren. Doch was mache ich mit der leeren Pfandflasche? Für die paar Cent wieder in das Geschäft? Nicht, dass ich sie wegwerfen würde. Das liegt mir fern. Aber der Zeitaufwand an diesem Samstagmorgen. So frage ich den Herren, der die »Hinz & Kunz«, die Obdachlosenzeitschrift versucht zu verkaufen. Ob er die Flasche gebrauchen könne, frage ich. Das Leuchten in seinen Augen sagt mir: JA! Gleich etwas Gutes getan, denke ich. In seinem Gesicht spiegelt sich das wieder, was die Dame vorher gesagt und was ich daraufhin gedacht habe. Mit dem Einfachsten und ist es noch so klein, zufrieden sein. So werde ich ein kleines Highlight für diesen Herren.

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Wieder im Sattel geht es durch die Wohnsiedlungen von Schwiederstorf in den Wald. Asphaltstraße wechselt zu Schotter weg. Die Stine Knisternunter den Reifen, springen zur Seite weg. Über den R3 Fernradweg komme ich schließlich auf den Leine-Heide-Radweg. Ehe ich mich versehe, bin ich Steinbeck und dann in Buchholz. Bis Seppensen geht es nun an den Hauptstraßen entlang. Das Gleiche wieder ab Holm bis Wesel. Zwischendrin komme ich an der Stelle vorbei, wo sich damals die junge Dame auf dem Fahrrad von hinten ›angeschlichen‹ hat.

In Wesel ist dann die Stimmung anfänglich leicht getrübt. Warum eigentlich? Ich bin bis hier her zu Fuß gelaufen. Mein Blick fällt auf den Tacho. Ich weiß, dass mir die Streckenaufzeichnung über GPS manchmal Kilometer ›schenkt‹. Mit dem Fahrrad ist das kaum der Rede wert. Aber damals durch den Fußmarsch und jetzt durch die Abrolltechnik des Rades, fällt mir auf, dass man mir damals fast acht Kilometer geschenkt hat. Das kurzweilige Gefühl des Trübsaals vertreibe ich mit dem Gedanken, dass wohl nur die Wenigsten eine Reise, wie diese machen würden. Kilometerleistung hin oder her.

Also geht es weiter Richtung Wilseder-Berg. Das Navi führt mich in eine Siedlung. Ist das so richtig? Wegweiser finde ich keine. Ich halte an einem Haus, wo gerade das Auto entladen wird. Wie denn der günstigste Weg sei, frage ich. Würde ich geradeaus weiter fahren, würde ich im Wald landen. Der Weg sei nicht ganz einfach mit dem Fahrrad. Ich solle nach Undeloh fahren und von dort ist dann alles ausgeschildert. Ja, dann also weiter an der Hauptstraße. In Undeloh ist die Hölle los. Busladungen an Senioren sind hier auf der Straße unterwegs. Dann werfe ich den Anker. In habe fast den Markus, über den Haufen gefahren. Was er denn hier mache, frage ich mit ungläubigem Gesichtsausdruck. Er schaut ähnlich verblüfft, dass er einen Bekannten hier antrifft. Noch dazu mit dem Fahrrad. Es folgt ein angeregter kurzer Plausch, ehe ich mich weiter Richtung Wilseder-Berg bewege.

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Die Wege sind rappelvoll mit Touristen. Besonders auf die Fußgänger muss man aufpassen, da diese einfach laufen, wie sie wollen. Ein Blick zurück, ob möglicherweise etwas kommt – Fehlanzeige. Die Klingel ist in diesem Moment nicht einmal wirklich stumm. Wenn sie die Leute dann umdrehen, bekomme ich hin und wieder einen genervten Blick, warum ich denn hier jetzt mit dem Rad längs muss und die dann auch noch platz machen müssen. Menschen. Ich komme in dem kleinen Örtchen Wilsede heraus. Die Straßen aus Kopfsteinpflaster. Es klappert, klimpert und rumpelt, während ich da langsam darüber fahre. Es schüttelt sich alles. Schließlich beginnt der ›Anstieg‹, wenn man ihn überhaupt so nennen darf, auf den 169,2 Meter hohen Berg der Lüneburger Heide. Oben angekommen geht der Blick einmal in die Runde. Einmal auf die Bank gesetzt, wo ich damals mit Rafael gesessen habe. Dann ein paar Bilder geschossen. Schließlich beginnen die Abfahrt und der darin enthaltene Heimweg. Und was soll ich sagen? Ich bin verdammt spät dran. Ich habe glatt noch zweieinhalb Stunden Zeit nach Hause zu kommen. Gute siebzig Kilometer liegen vor mir. Ich habe mich mit der Wegbeschaffenheit in manchen Abschnitten böse verschätzt. Und das ist ja noch lange nicht vorbei.

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Ich rumpel den steinigen Weg hinab, da knallt es am Rad. Was ist denn jetzt? Ein Hauch von Panik macht sich in mir breit. Nichts Schlimmes! Bitte! Ich habe kein Nottaxi zu Hause. Ich steige vom Rad und begutachte es. Das hintere Schutzblech hängt auf halb acht. Ein größerer Stein ist hochgesprungen und hat es aus seiner Halterung geschlagen. Ich schaue, ob ich es irgendwie befestigen kann. Ich habe Glück. Alles von der Halterung ist heil geblieben. Es ist nur ein Schieben, dann ein Drücken. *Klack*, sagt es, dann sitzt es alles wieder. Glück muss man haben. Aber es hat einige Minuten gebraucht.

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Ich verlasse die Schotterwege und tauche in den Wald ein. Bin ich hier damals gelaufen? Ich bin mir ziemlich sicher. Verwachsene Spurrillen zeugen davon, dass nicht oft ein Auto hier durchkommt. Eigentlich müsste doch gleich der sandige Abschnitt kommen und dann komme ich in Inzmühlen raus. Habe ich gedacht. Ich lande in einer Wohnsiedlung. Moment. Das kenne ich! Hier war ich vor nicht allzu langer Zeit. Ich bin in Wesel gelandet. Ich blicke über die Schulter zurück. So wild war es nun gar nicht, wie man mir vorher gesagt hat. Ein weiterer Vorteil: Ich habe die Sandpiste nicht und kann über die Hauptstraße nach Handeloh vielleicht einige Minuten gewinnen. Wobei ich befürchte, dass es dennoch nicht reicht.

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Denn in Handeloh knurrt der Magen wieder derart laut, dass ich einen kurzen Pitstop einlege. Nicht im Hotel Fuchs, wie damals. Ich entscheide mich am heutigen Tag ein weiteres Mal für den Edeka. Fix eine Packung Kabanossi und ein Getränk. Das muss reichen. Die Pfandflasche schenke ich wieder einem, der so ausschaut, als könne er sie besser gebrauchen. Der Herr kommt gerade mit seinem schwer beladenen Fahrrad angeschoben. Er macht auf mich den Eindruck, dass er obdachlos ist. Denn er scheint sein ganzes Hab und Gut dabei zu haben. Ein zwei Sätze ausgetauscht, wovon ich nicht viel verstehe, da er recht undeutlich spricht. So nicke ich höflich und setze meinen Weg fort.

Jetzt habe ich hinter Handeloh doch noch meine Sandpiste. Ich schiebe das Rad durch den tiefen Untergrund. Ob es clever ist? Wer weiß. Denn obwohl ich Strecke abkürze, scheine ich Zeit zu verlieren. Aber ich damals hier mit dem Handwagen durchgeschoben. Also jetzt dann auch mit dem Fahrrad. An der Hauptstraße angekommen, geht es dann für gute drei Kilometer bergab. Freie Fahrt. Wuhuuuu! Ich lasse Sprötze und Trelde hinter mir und schlage den Weg nach Hollenstedt ein. Da klingelt das Telefon. Es war abzusehen. Ich habe mich halt völlig verschätzt. Meike, meine Hundesitterin ruft an. Wie lange ich noch benötige, fragt sie. Nach einigen Überlegungen fällt mir schließlich die Lösung ein. Ich rufe Meike zurück und erzähle ihr, wie sie Lotte ins Haus bekommt. So kann sie ihr abendliches Vorhaben wahrnehmen und ich habe nicht mehr den Druck auf Zwang nach Hause zu kommen. Und zwei, drei Stunden kann der Hund dann auch mal alleine sein.

In Hollenstedt fängt as dann auch noch an zu regnen. Klamotten habe ich keine dabei. Eine kurze Pause beim Penny und weiter geht’s. Bis Apensen komme ich dann gut durch. Den Gedanken bis Horneburg an der Hauptstraße zu radeln verwerfe ich. Die Sonne ist bereits untergegangen und es gibt dort keinen Radweg. Also durch die Wallapampa nach Ruschwedel. Am Schützenheim in Apensen halte ich dann aber. Ich entdecke eine Wurstbude. Die Wurstbude ist ein Gockelgrill und der Schützenverein Apensen hat heute sein Herbstschießen. Ich bestelle einen halben Hahn. Es sei aber keiner mehr da. VErstört blicke ich auf die Tüten, welche die Schützen in ihr Heim tragen. Ob ich eines erwerben könne, frage ich. Da sagt der Verkäufer, dass er noch eines hätte. Er wollte es zwar selber essen, aber es sei schon okay, wenn ich es bekomme. Bezahlt haben möchte er es nicht. Das finde ich jetzt komisch. Erst ist keins mehr da und dann eines als Geschenk? Keine Fragen fragen, denke ich und bedanke mich nicht nur einmal.

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Doch wo das Ding jetzt essen? Stehtische gibt es nicht. Ob ich mich reinsetzen dürfe, frage ich. Natürlich, die Antwort. So sitze ich etwas abseits im Schützenheim und gönne mir den halben Gockel. Er ist fast kalt. Daher weht der Wind also. Egal. Es schmeckt noch. Und einen Vorteil, ich kann ungehemmt zupacken und laufe nicht Gefahr, dass ich mir die Finger oder den Mund verbrenne. Zwischendrin kommt es zu einigen kurzen Plaudereien mit Schützen, die ich schon über die Jahre hinweg kenne. Was ich hier mache, wo ich herkomme. Bereitwillig gebe ich Antwort und ernte erstaunte Blicke, dass ich schon wieder hundert Kilometer im Sattel sitze. Nach einem Kaltgetränk verabschiede ich mich dann schließlich und radel durch die Dunkelheit ohne weitere Vorkommnisse nach Hause. Dort werde ich überschwänglich von Lotte begrüßt.

Fahrstrecke: 137,85 km
Höhenmeter: 882 m
Zeit: 9:27 h
D.-geschw.: 14,86 km/h

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Quelle: Runtastic.com

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