Wenn ich schon mal hier in Bayern bin

02.05.2019

Der Gedanke ist mir damals gleich gekommen, als ich den Entschluss fasste, dass ich es versuchen möchte, in sechs Tagen mit dem Fahrrad aus Bayern nach Hause zu fahren. Bleibe etwas dort und radel mal nach Regensburg. Ein Tagestrip. Um rein zukommen. Um warm zu werden, wenn man so will. Meine Vorbereitung als Ganzes auf dieses Abenteuer ist mehr schlecht als recht abgelaufen. Mal habe ich die Motivation für eine ausgedehnte Tour nicht gehabt. Dann bin ich mit einem eingeklemmten Rückennerv außer Gefecht gewesen. Sicherlich ist meine Grundphysis und die Kondition nicht die Schlechteste, aber gewisse Gedanken habe ich mir mit dem Heranrücken der Tage dann doch gemacht. Somit ist das, was in der damaligen Planung eine entspannte Tagesreise werden sollte, die Generalprobe.

Früh reißt es mich aus den Federn. Ich habe heute über einhundert Kilometer vor mir. Von ersten Recherchen über Google Maps weiß ich, dass ich fast ausschließlich bergab fahren werde. Es sind in etwa vierhundert Höhenmeter von Neumarkt in der Oberpfalz nach Regensburg. Ein Gefälle, das man nicht im Geringsten spürt. Aber für die Psyche kann es hilfreich sein. Also noch vor acht in die Pedale getreten.

Ich muss zugeben, dass die Erwartungen an den Weg hoch sind. Schweben mir die Erinnerungen an den Kanalradweg von Berg nach Nürnberg im Kopf umher. Zuerst muss ich aber den alten König-Ludwig-Donau-Main-Kanal in Neumarkt finden. Ausgeschildert ist er jedenfalls nicht. Oder ich bin zu blind, die Wegweiser zu sehen. Mehr zufällig komme ich schließlich dorthin. Hinter der Stadt wird es jedoch schnell eine Schotterstraße. Er lässt sich gut befahren. Dagegen will ich nichts sagen, aber mit dem Weg Richtung Nürnberg nicht zu vergleichen.

Im Bereich der Stadt begegne ich noch der einen oder anderen Person. Dagegen ist Richtung Berching der Weg wie ausgestorben. Also menschentechnisch. Tiere gibt es hier zuhauf. Enten schwimmen ihre Runden auf dem Gewässer, oder sitzen auf Bruchholz. Buchfinken und andere Singvögel schwirren durch die Luft. Eichelhäher tauchen vereinzelt auf. Elstern. Das Wetter zeigt sich heute von seiner schönsten Seite. Die Temperaturen sind angenehm und so schmelzen die Kilometer zu meinem ersten Zwischenziel Beilngries mehr zäh. Warum Das? immer wieder halte ich an und mach hier oder dort ein Bild.

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Da ich ja auch mittlerweile drei Videos auf YouTube habe, welche zugegeben noch recht verwackelt sind, kämpfe ich auch heute mit ruckelfreien Sequenzen. Dafür habe ich mir etwas für das Rad überlegt. Leider löst sich die Schraube immer wieder, was die Aufnahmen der Kamera in einer Katastrophe enden lässt. Ich muss etwas anderes finden. Straßenarbeiter erscheinen mir da als potenzielle Lösung. Ich frage den Vorarbeiter, ob er vielleicht eine längere Schraube mit Mutter hat. Was dann geschieht, lässt mich doch stutzen. Er zieht fast seine gesamte Arbeitskolonne ab, um eine blöde Schraube zu suchen. Im Ernst. Da laufen plötzlich fünf erwachsene Menschen wie kopflose Hühner auf der Baustelle hin und her und suchen eine Schraube für mich. Völlig verrückt. Das hätte auch einer alleine tun können. Nein, nun laufen da fünf herum. Ein irres Schauspiel. Sie werden auch fündig. Leider hat das Gewinde nicht das Maß, welchen ich benötige. Geholfen ist mir dennoch. Die Schraube ist lang genug. Was aber nicht das gewünschte Ergebnis liefert. Im späteren Verlauf rüttelt sich das auch wieder lose und die bewegten Bilder werden eine Qual zu schauen.

Kurz vor Berching werde ich dann auf Steinskulpturen aufmerksam, die man an den Ufern des Kanals aufgestellt hat. Schnell einige Bilder geschossen und weiter geht’s. Ich trödel durch die ganze Kamerageschichte ganz schön herum. Hinter Berching selbst bleibe ich auf den Schotterstraßen. Ich hätte auch in den Ort fahren, und dort am neuen Kanal, also der, der jetzt wirtschaftlich genutzt wird, entlang zufahren. Ob ich an der Stelle etwas verpasst habe, kann ich natürlich nicht sagen. Schön ist es auf meiner Strecke nämlich auch. Da hüpft etwas Possierliches auf mich zu. Das Fellkleid in Graubraun. Wobei mehr gen Grau. Als das Tier mich entdeckt, springt es nach rechts weg ins Unterholz. Ich sehe eine schwarze Schwanzspitze aufblitzen. Ein Hermelin. Wohl gerade im Winter-, Sommerkleidwechsel. Was die gemischte Fällfärbung erklären würde. Ist jetzt aber auch von mir geraten. Cool finde ich es dennoch, wenn ich mal Tiere erblicken darf, die man nicht alltäglich sieht.

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Nachdem ich in Beilngries gefrühstückt habe, geht es nun Richtung Kelheim. Mein Weg führt jetzt am neuen Kanal entlang. Landschaftlich absolut sehenswert. Die schroffen Steine, die zwischen den Wäldern hervorragen. Die Gebäude hin und wieder auf deren Spitzen. Wenn das alles nicht wäre, wäre der Weg am Kanal entlang doch recht trist. So aber bekommt man eine beeindruckende Naturkulisse zu Gesicht.
Ich bin hier schon häufig mit dem Auto durchgefahren. Mit dem Fahrrad noch nie. Ich habe das Kristall- und Mineralienmuseum in Riedenburg besucht. Oder aber den dortigen Mittelaltermarkt. Was ich bis zum heutigen Tag nicht wusste, ist, dass hier die Kelten vor gut zweitausend Jahren anzutreffen waren. Auf dem Hochplateau des Michelsberges. Dort zieht sich über drei Kilometer der Keltenwall. Eine Verteidigungsstellung dieses Volkes. Aber ich greife zu weit vor.

Während ich also im Tal radel, werde ich von einem Mountainbiker überholt. Sonderlich schnell fährt er nicht weiter. Was mir die Möglichkeit gibt zu ihm aufzuschließen. Vorgestellt hat er sich bei unserem Gespräch zwar nicht, aber es gibt ja das Internet. Und das petzt bekanntlich alles. So erfahre ich über seinen Instagram-Account, dass er Christian heißt. Sein Weg soll ihn über den Jurasteig führen. Einem Teil des am Tal angrenzenden Gebirgskamms. Er bereite sich auf eine Alpenüberquerung vor. Die Tour hier und jetzt sei ein Teil seines Trainings. Er deutet auf eine Schanze weiter oben. Dort würden Paragleiter sich ins Tal stürzen. Das sei sein höchster Punkt, den er für heute angepeilt hat. So wünschen wir uns für unser jeweiliges Projekt viel Glück und trennen uns.

Ein Wegweiser taucht am Straßenrand auf. Kelheim sechs Kilometer, das Kloster Weltenburg ebenfalls. Zum Kloster möchtest du ohnehin. Pause machen. Eine Tradition wahren. Wenn ich hier in Bayern bin, dann ist ein Besuch im Kloster Pflicht. Ein Glas Klosterbier, ein guter Schweinebraten mit Knödel. Aber wie jetzt fahren? Christian meinte, dass ich erst dem Kanal bis Kelheim folgen soll und von dort das Kloster anfahren soll. Nun stehe ich hier und überlege. Entscheide mich dann aber hier schon für den Anstieg. Ich muss aus dem Kanaltal ins Donautal. Dafür muss ich den weiter oben beschriebenen Michelsberg mit seinem Keltenwall überwinden. Würde ich nach Kelheim radeln, müsste ich auch einen Berg bezwingen. Dann doch gleich hier und jetzt. Ich spare an die fünf Kilometer. Alsolos.

Die Abfahrt nach Stausacker ist der Wahnsinn. Wie der Blitz schieße ich ins Tal hinein. In dem Ort selber suche ich die alte Seilfähre auf. Ich muss auf die andere Donauseite. Freundlich werde ich vom Fährmann begrüßt und steige über die Rampe. Mit einem übergroßen Paddel bringt er das Gefährt in die Strömung. Den Rest macht der Fluss selber. Unfassbar. Da ist ein Boot, dass nur von der Flussströmung die Seite wechselt. Geführt von einem Seil, das einige Meter über einem gespannt ist. Es dient eigentlich auch dazu, dass die Fähre von der Donau nicht mitgerissen wird. Das Paddel dient nur beim An- und Ablegen als Hilfe. Krass. Im Kloster schnell ein Bild und die angesprochene Pause gemacht. Ich muss nach Regensburg. Mein Zug zurück nach Neumarkt fährt bald. Ich muss mich etwas ranhalten.

Neben der Fähre gibt es auch noch Ausflugsdampfer, die Touristen von Kelheim direkt zum Kloster bringen. Eine dritte Attraktion sind lang gezogene, schmale Holzboote, die nochmal etwas ganz Besonderes darstellen. Deren Kapitäne aber recht eigen sind. Um Zeit zusparen frage nach einer Mitnahme direkt bis nach Kelheim. Es wird verneint. Da ich alleine bin, wäre eine solche Fahrt rechnerisch unwirtschaftlich. Stattdessen setzt man mich nur auf die andere Flussseite über. Kaum stehe ich dort, bringt ein weiteres Boot Fahrradfahrer den Fluss hinab. Zwei an der Zahl. Ein Radler lohnt sich nicht, aber zwei sind rentabel? Wut steigt in mir auf. Aber was soll ich mich ärgern? Die Herren sind eigen, das sagte man mir im Vorwege. Also beweg dich wieder über das Hochplateau.

In Kelheim selber falle ich fast vom Fahrrad. Mir kommt ein farbiger Herr entgegen. Als ich in grüße, schmettert er mich ein klares »Servus« entgegen. Es war absolut cool. Ich hatte mich nur nicht darauf, dass es meine Gedankengänge für einen Moment komplett aus der Bahn wirft.

Jetzt an der Donau komme ich hinter der Stadt mit einer Radlergruppe ins Gespräch. Eigentlich nur mit den beiden Jungs, da sie schneller als ihre beiden Mädels unterwegs sind. Jeder fährt seinen eigenen Stiefel. Was ich persönlich etwas blöde finde. Ich hätte wohl mehr Rücksicht genommen, dass man auch wirklich zusammen fährt. Aber jeder, wie er mag. Die Vier kommen aus Italien und sind in Stuttgart auf das Fahrrad gestiegen. Das Ziel sei München. Auch eine schöne Tour.
Überhaupt sind hier an der Donau verdammt viele Radler unterwegs. Langzeitradler. So viele sind mit Gepäck auf der Strecke. Man fährt sogar auf Sicht zu den anderen. Alle, geschätzt, zweihundert Meter ist ein Fahrradfahrer. Jetzt weiß ich, was mir Rainer aus Rastede damals sagte, dass er die großen Flussradwege nicht gerne fährt. Zu viel Verkehr. Aber so schlimm finde ich es jetzt gerade nicht. Gut, ins Gespräch komme ich auch mit keinem mehr. Es ist halt schon recht spät und jeder versucht wohl, seine Nachtunterkunft zu erreichen.

Die Bäume sehen hier recht komisch aus. Viele von ihnen haben Nagespuren. Man hat sogar Drahtgeflechte um die Stämme gewickelt. Gibt es hier Biber? Es scheint ja so. Wer sonst würde Bäume auf diese Weise annagen? Da steige ich voll in die Eisen. In einem ruhigen Teil des Flusses erblicke ich etwas. Für eine Bisamratte viel zu groß. Ein Biber. Wie geil! Noch nie habe ich in freier Natur einen Biber gesehen. Es kommt noch besser. Das Tier kommt auf einer kleinen Insel aus de Wasser geklettert. Ich krame nach meiner Kamera. Da kommen die Mädels der Vierergruppe an. Ich rudere mit dem Arm und deute auf das kleine Inselchen. Dummerweise sitzt das Tier mit dem Rücken zu uns. So dass man nur einen dicken Fellball sehen kann. Den Schwanz, klar. Aber sonst nichts. Das ist ja blöd für ein Foto. Den Mädchen war es egal. Mir nicht. Ich warte. Da taucht ein Zweiter auf. Auch der geht an Land. Wuhuuuu! Nun sitzen in gut zwanzig Metern von mir entfernt zwei Biber und zeigen mir ihre Heckansicht. Toll. Endlich kommt Bewegung in die Zwei. Zumindest einer dreht sich um. Der Andere zeigt sich etwas im Profil. Der Auslöser klickt. Immer wieder. Leider sehe ich erst im späteren Verlauf, dass so manches Bild nichts geworden ist. Der Zoom hat sich schlecht scharfgestellt. Zu hektisch gewesen. Aber ich habe Biber in freier Natur gesehen.

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Von der Stadt Regensburg sehe ich faktisch nichts. Als ich ankomme, ist die Sonne fast untergegangen. Es bleibt nur der Gang zum Bahnhof. Von da an geht es mit dem Zug wieder nach Neumarkt. Zum Glück hatte ich das Ticket schon bei meiner damaligen Reiseplanung beschafft. Nur habe ich nicht den angegebenen Zug erwischt. Ich habe den zwei Stunden später nehmen können. Der Verkäufer sagte mir damals, dass dieses Regionalticket an keine Zeit gekoppelt sei. Nur an den Tag. Das habe ich geschafft. Die Tour selber hat unheimlich viel Spaß gemacht. Ich habe viel gesehen und erlebt. Zum »Warm« werden genau das Richtige. Nun werde ich noch einen Tag Pause machen, ehe es am 04. Mai mit dem Fahrrad in sechs Etappen aus Bayern nach Hause gehen soll …

Fahrstrecke: 125,59 km
Höhenmeter: 630 m
Zeit: 8:01 h
D.-geschw.: 15,66 km/h

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