Hotel? Hallo?!

09.05.2019

Nachts werde ich von einer mittelschweren Hysterieattacke geplagt. Was in meinem Buch los ist, das möchte und werde ich nicht in Einzelheiten erzählen. Letztendlich endet es mit einem Kniefall vor dem Klo. Dabei möchte ich doch in wenigen Stunden die Heimreise wieder aufnehmen. So ein Dreck. Erfreulich ist, dass nach meiner Verbeugung das Magengewitter langsam abklingt.

Als hätte mir am Vorabend jemand mit der Plattschaufel vor den Latz geschlagen, werde ich wach. Aber im Bereich des Magens scheint alles wieder normal zu sein. Was das wohl wird, wenn ich erst einmal auf der Straße bin? Es gibt nur einen Weg das herauszufinden. Leichter Regen fällt, als ich auf den Gehsteig trete. In passende Kleidung gehüllt geht es auf die ersten Kilometer seit zwei Tagen. Und was soll ich sagen? Es fühlt sch gut an. Die Beinmuskulatur hat sich gut erholt. Schnell, wie ein Eis in der Sommersonne schmilzt die Entfernung nach Kassel. Heute sind verdammt viele Radler unterwegs. Immer wieder begegnen mir auch Reisende mit prallen Seitentaschen. Mal als Gruppe, aber auch nur zu zweit oder alleine. Was ich vor zwei Jahren als etwas nervig empfand, ist heute nicht wirklich besser, aber man lebt damit. Außerdem bringt es halt Abwechslung, auch wenn man dadurch ausgebremst wird. Die Rede ist von den vielen Brücken vor Kassel, die man immer wieder queren muss. Irgendwo bringt es auch Spaß, es bremst halt.

Die Wolkendecke ist mittlerweile aufgerissen und die Sonne blinzelt zwischen den Freiräumen immer mal wieder hindurch. Vor zwei Jahren bin ich mit Problemen am Rad quer durch die Stadt geradelt. In der Hoffnung, dass mir ein Fachgeschäft noch helfen kann. Heute kann ich am Fluss entlang fahren. Was ich aber schade finde, ist, dass die Uferpromenade den Fußgängern vorbehalten ist. So bleibt mir nur die Straße weiter oben. Wobei es sicherlich viel Konfliktpotenzial in sich tragen würde, dürften auch Radler auf der Promenade fahren.

Hinter Kassel wird dann wieder etwas idyllischer. Einige Menschen auf ihren Fahrrädern, die sich weiter aus Kassel heraus wagen und so manchen Fußgänger mit seinem Hund begegne ich hier. Ich bin bis hier gute drei Stunden unterwegs und habe beinahe fünfzig Kilometer auf dem Tacho. Kommt es mir nur so vor, oder bin ich wirklich so schnell? Während meiner Pause in Melsungen habe ich Nachricht von einem Feuerwehr Kameraden erhalten, der aus dem Raum Göttingen kommt. Wenn ich an Kassel vorbei bin, dann soll ich mich doch mal melden, dass man eventuell ein Treffen arrangieren kann. Schon vor Kassel schreibe ich, dass ich um die und die Uhrzeit beim Hotel Restaurant ›Roter Kater und Graue Katze‹ sein kann. Das revidiere ich keine halbe Stunde später wieder, da ich viel früher da sein werde. Leider schaut der Herr nicht auf sein Telefon, sodass es nicht zu einem Treffen kommt. Schade eigentlich. Dafür begegne ich in besagtem Hotel zwei anderen Menschen.

Als ich zum Fahrradständer rolle, fallen mir zwei andere Fahrräder auf, die schwer mit Taschen beladen sind. Und während ich mein Fahrrad abschließe, werde ich aus dem Inneren durchs Fenster neugierig beäugt. Freundlich fällt die Begrüßung aus, als ich die Räumlichkeiten betrete. Man bietet mir ein Platz am Tisch an, so müsse ich nicht alleine sitzen. Das Angebot nehme ich doch gerne an. Auf diesem Weg lerne ich Minna und Sven kennen. Zwei Radreisende, die von Hamburg bis nach Oberstdorf, der südlichsten Gemeinde Deutschlands im Oberallgäu unterwegs sind. Aber heute möchten die Zwei nicht mehr so weit radeln. Kassel haben sie sich als Ziel der heutigen Etappe herausgesucht. Man wolle dort einige Dinge anschauen und sei froh, dass es nur noch wenige Kilometer sind.

Nach dem ›Mittagessen‹ und einer angeregten Unterhaltung trennen sich unsere Wege wieder. Man wünscht sich gegenseitig viel Glück bei der weiteren Reise und tritt wieder in die Pedale. Gute fünfzehn Kilometer weiter ist dann gefühlt ein kleiner Meilenstein, denn ich bin wieder in Niedersachsen. Im Landkreis Göttingen, um genau zu sein. Zwar nicht sonderlich lange, aber die psychologische Wirkung ist schon deutlich in mir spürbar. Warum ich nicht lange in Niedersachsen bleibe? Naja, weil die Landesgrenze wieder einen Knick macht. So lande ich wieder in Hessen und später in Nordrheinwestfahlen. In Hann.Münden ist es dann so weit. Der Fuldaradweg endet und der Weserradweg beginnt. Von Gersfeld bis hier her in zwei Tagen. Coole Sache. Aber Eigenlob stinkt. Daher weiter in der Geschichte.

Nun, da ich an der Weser bin denke ich, dass mal etwas mehr auf dem Wasser passiert. Dem ist aber nicht so. Außer die Ruderer in Nürnberg habe ich niemanden Bootfahren gesehen. So kalt ist es doch die Tage auch nicht gewesen. Sicher konnte man nicht nur mit Badeshorts bekleidet vor die Tür treten, aber um etwas auf dem Fluss zu fahren? Scheinbar ist das hier nicht so der Fall. Dieser Abschnitt der Reise, den ich übrigens seit meiner Pause im Hotel Restaurant nicht mehr kenne, wird hier etwas trockener. Es ist recht viel Weg an der Bundesstraße zu fahren. Es ist zwar ein Radweg vorhanden, aber so der Brüller ist es nicht.

Was mir jedoch viel größere Sorgen bereitet, ist, dass ich mein Hotel nicht erreiche. Schon einige Male habe ich es versucht einen Anschluss zu bekommen, aber höre immer nur die gleiche Ansage. Dass der Angerufene zurzeit nicht erreichbar ist. Toll, denke ich, wie soll das werden, wenn ich erst im Dunkeln ankomme und bis dahin kein Gespräch zustande gekommen ist? Nicht dass ich vor verschlossener Tür stehe. Abermals malträtiere ich die Wahlwiederholungstaste und bekomme nicht die erhoffte Antwort. Vielleicht hat ja die ganze Region dort Probleme mit dem Anbieter. Vielleicht ist irgendwo dort ein Kabel beschädigt. Ich weiß es nicht. Automatisch trete ich etwas stärker in die Pedale.

Vom Fahren her fühlt sich der heutige Tag fantastisch an. So schnell bin ich noch nie durch eine Tagesetappe gerauscht. Also, jetzt den bisher ganzen Tag betrachtet. Mit Gepäck. Nur selten sinkt die Geschwindigkeit unter zwanzig Kilometer in der Stunde. Woran das liegt? Ich kann es nicht erklären. Wind, der mich schieben könnte, ist nicht wirklich vorhanden. Was mich an der Weser etwas stört, sind die vielen Schleifen, die der Fluss abzeichnet. Immer wieder gibt es weitgeschwungene Kurven. Landschaftlich ist dagegen nichts einzuwenden. Das ist toll. Aber man fährt gefühlt drei Schleifen, hat zwanzig Kilometer auf dem Tacho, ist Luftlinie aber nur drei Kilometer von dem Punkt weg, wo man vor anderthalb Stunden war. Das ist jetzt etwas überspitzt dargestellt, aber ganz so falsch ist die Aussage nicht, wenn man sich den Flusslauf mal auf einer Karte anschaut.

Was ich aber hochinteressant finde, ist, dass nahezu jedes Dorf am Flussufer eine Fähre hat. Gerade so viel Platz, dass da drei Autos, oder auch vier hinauf passen. Das hat schon wieder etwas Besonderes. Nicht erst fünfzig Kilometer fahren, bis eine Brücke kommt, oder eine größere Stadt, und die hat dann eine Fähre. Nein. Kleine Orte. Eine Kirche im Kern und lasst mich lügen, dreißig Häuser drum herum. Die haben eine eigene Fähre. Fünf Kilometer weiter das gleiche Bild. Drei Kilometer mehr erneut. Ich möchte sicher gehen und erkundige mich, ob auch Polle eine hat. Die Antwort ist ja. Nur die Frage ist, wie lange fährt die am Tag? Bis zum späten Nachmittag? Zum frühen Abend hinein? Eines ist sicher, wenn ich nachher dort ankomme, wird die sicherlich nicht mehr fahren. Also muss ich auf der westlichen Flussseite bleiben, sonst habe ich ein Problem.

Da ist doch glatt der Radweg vor mir gesperrt. Bauarbeiten. Das Telefon und das Navi kommen wieder zum Einsatz. Ich schaue nach einer Brücke, die mich früh genug wieder auf die richtige Seite bringt. Kurz geschaut und hin und her gescrollt, da ist der weitere Weg ausgemacht. Auf der Weser schippert ein Feuerwehrboot. Es sieht aber nicht nach Einsatz aus. Dafür wirken die Leute an Bord viel zu entspannt. Wenig später sehe ich das Straßenfahrzeug am Ufer. Das sieht doch alles viel mehr nach einem gewöhnlichen Dienstabend aus. Und, hey, ich habe ein Boot auf dem Wasser gesehen. Unfassbar!

Ein weiteres Mal versuche ich mein Hotel zu erreichen. Erneut die gleiche Ansage. Ich dreh noch ab. Was ist denn da los? Mittlerweile bin ich wieder auf der westlichen Flussseite und die bezwungene Kilometerzahl wächst unaufhörlich weiter. Dreistellig bin ich schon seit gut einer Stunde. Die Sonne steht schon sehr tief. Ich werde definitiv im Dunkeln ankommen und rufe wieder bei meiner Unterkunft an.

Als ich den Ort Polle endlich erreiche, habe ich über einhundertfünfzig Kilometer auf dem Tacho stehen. Ich habe meinen bisherigen Rekord nicht nur überwunden. Verglichen mit den sonstigen Steigerungen, habe ich ihn heute pulverisiert. Ich rolle die letzten Meter auf mein Hotel zu. Alles dunkel im Inneren. Das habe ich erwartet. Ich halte am Haupteingang und schaue mich um. In den Aushängekästen, wo sonst die Speisen des Restaurants zu sehen sind, hängt ein Zettel. Darauf eine Mobilnummer, die man anrufen möge, wenn man ein Zimmer gebucht hat. Neben dem Zettel ist eine Schließkassette mit Zahlenschloss. Ah, denke ich mir, dort ist bestimmt mein Zimmerschlüssel drin. Also schnell die Nummer gewählt. Es tutet. Besetzt.

Ich warte einige Augenblicke. Gleiches Ergebnis. Der Fünfte, sechste, der zehnte Versuch und das Resultat ist immer dasselbe. Ein Drecksladen fluche ich in mich hinein. Wahlwiederholung – besetzt. Ich möchte doch nur in mein Zimmer! Ich schleiche um das Haus herum. Nirgends ist Licht. Rufe gefühlt das dreißigste Mal die Mobilnummer an. Besetzt. Wer telefoniert so lange? Da erblicke ich einen Anwohner. Zügigen Schrittes eile ich zu ihm, ehe er mit dem Auto fortfahren kann. Ein Zimmer? Vorgebucht? Bei dem Laden? Ich bejahe jede Frage. Der Laden sei Scheiße, ich möge hundert Meter weiter fahren, da gäbe es ein weiteres Hotel. Gott sei Dank, denke ich und bedanke mich für diese wertvolle Information. Also das Rad gepackt und weiter.

Ich lande auf einem Campingplatz, der aber auch Zimmer hat. Mit sorgenvoller Mine beobachte ich die Dame, wie sie das Buch für die Zimmerbelegung studiert. Ein Zimmer sei noch frei. Ich bleibe nur eine Nacht? Dann ist das alles kein Problem. Mega! Ob ich noch etwas zu Essen bekommen kann, frage ich. Die Küche sei schon zu. Ein Mettwurstbrot, irgendetwas. Ich könnte gerade eine Kuh verschlingen und wäre immer noch nicht satt. Nach kurzer Rücksprache mit dem Koch kommt sie aus der Küche. Wäre ein Brot mit Matjes okay? Ja! Gib her. Bitte. Es herrscht wahres Synapsenfasching als der salzige Fisch in Sahnesoße meine Zunge berührt. In diesem Moment kann es nichts Schöneres geben. Wahnsinn …

Fahrstrecke: 151,97 km
Höhenmeter: 462 m
Zeit: 8:55 h
D.-geschw.: 17,02 km/h

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