Der letzte Akt!

11.05.2019

Regen prasselt gegen das Fenster, als ich am Morgen die Augen öffne. Ich schäle mich aus der warmen Bettdecke und schlurfe in Richtung der Geräuschkulisse. Vor dem Haus schwingen die Bäume mit dem Wind. Wieder prasselt es gegen die Glasscheibe. Bleib ruhig, denke ich, wasch dich erst einmal, frühstücke und vielleicht sieht die Sache dann schon ganz anders aus. Gesagt, getan.

Auf den ersten Kilometern durch Nienburg hat der Regen etwas nachgelassen. Ich bin irgendwie durch das Navi von der Straße abgekommen und befahre Trampelpfade entlang, die parallel an den Bahngleisen verlaufen. Irgendwie ist es cool, weil kein Stadtverkehr. Und trotzdem schwebt mir folgender Gedanke durch den Kopf. Wie zu Hölle bist du hier jetzt gelandet? Ein Streckenabschnitt, den ich, wie bei anderen Reisen zuvor erlebt, zu der Kategorie addieren kann, dass ich das so nie wiederfinden werde. Nachdem ich eine Wohnsiedlung hinter mir gelassen habe, bin ich wieder an der Bundesstraße unterwegs. Verden an der Aller ist das nächste Zwischenziel. Von dort aus geht es nach Rothenburg an der Wümme und dann ist es gefühlt nur noch ein Steinwurf nach Hause. Ich blicke auf das Navi, das mir eine Ankunftszeit zum späten Nachmittag anzeigt.

Das will ich auch glauben, dass diese Ankunftszeit möglich ist, allerdings nicht bei diesen Bedingungen. Der Regen hat unterdessen zwar nachgelassen, gar ganz aufgehört, dafür bläst mir der Wind mit aller Kraft entgegen. Ich schaffe es nicht, meine Geschwindigkeit auf über fünfzehn Kilometer in der Stunde zu drücken. So sehr ich mich ins Zeug lege, es funktioniert nicht. Die Beine rebellieren bereits nach zehn Kilometern. Der Hintern macht ohnehin Terz. Darüber hinaus fahre ich ausschließlich an der Bundesstraße entlang. Wobei einmal, ganz kurz darf ich einen Wirtschaftsweg befahren. Lass es drei, vier Kilometer sein. Ansonsten nur Bundesstraße. Bundesstraße, Wind und Schmerzen. Perfekt für den letzten Tag dieser Reise.

Kurz hinter Verden entdecke ich ein Bushäuschen mit Bank und Mülleimer. Ein paar Minuten verschnaufen. Die Regenklamotten ausziehen und etwas trinken. Ich rufe zu Hause an und wage eine dezente Prognose zu meiner Ankunftszeit. Bis Rothenburg passiert unfassbar wenig. Bundesstraße eben. Einen Maikäfer entdecke ich, der sich auf dem Asphalt des Radweges den Bauch wärmt. Einige Laufkäfer flitzen hin und her. Das war es aber auch. Gut, das Rauschen der Autos, die an mir vorüberfahren. Ein kleiner Trost ist, dass die Sonne herausgekommen, und es gefühlt einen My wärmer geworden ist. Der Wind macht jedoch alles zunichte. Er zerrt sinnbildlich an meinem Wärmepolster, das ich mir aufgebaut habe. So sehr, dass ich die Regenjacke wieder heraushole.

Die Laune hellt sich etwas auf, als ich vor Rothenburg endlich von der Bundesstraße wegkomme. Ich fahre durch Parkanlagen und kleinere Wäldchen. Mit der Stadt selber, sprich mit dem Verkehr dort, habe ich gar nichts zu tun. So geht Rothenburg an mir vorüber, wie ich es in Fulda Tage zuvor erlebt habe. Und hinter der Stadt hat sich auch die Bundesstraße in Gänze erledigt. Ich fahre nun zwar immer noch an Haupt- und Nebenstraßen. Der Verkehr ist aber komplett zur Ruhe gekommen. Wenn mir mal ein Fahrzeug begegnet, dann ist das viel. Das soll sich erst vor Sittensen wieder ändern.

Dafür fällt mir anderes reges Treiben auf. Auf dem Fahrradweg neben mir ist eine äußerst belebte Ameisenstraße. Hin und wieder kann ich auch beobachten, wie sie erbeutete Käfer in Richtung ihres Baus tragen. Und dann darf ich Zeuge eines Ereignisses sein, das ich noch nie beobachten durfte. Eine Jagdspinne, also die mit den langen Beinen, die unglaublich schnell laufen können, quert den Fahrradweg. Und einige Zentimeter vor der Ameisenkolonne bremst sie abrupt ab. Sie steht da bestimmt einige Sekunden und verharrt. Fast als ob sie sich nicht traut. Gut, man muss jetzt sagen, dass diese Menge an Ameisen selbst für eine Laufspinne gefährlich werden kann. Und man muss kein Einstein sein, um zu wissen, dass Menge Masse besiegen kann. Dann geht alles ganz schnell. Wie eine Bekloppte prescht die Spinne quer durch die Ameisenstraße. Sie ist so schnell, dass die Ameisen sie gar nicht richtig wahrgenommen haben. Zügig ist die Spinne im Grünstreifen verschwunden und die Ameisen ziehen ihres Weges, als sei nichts passiert. Echt stark.

Hinter Sittensen rufe ich noch einmal zu Hause an und gebe eine Wasserstandsmeldung durch. Es wird deutlich später, als ich beim ersten Telefonat durchgegeben habe. Mit Pech ist es heute wieder dunkel, wenn ich das Ziel erreiche. Was mir froh stimmt, es sind nur noch dreißig Kilometer. Neunzig habe ich schon mit viel Kampf hinter mir gelassen. Einen kleineren Umweg mache ich dann aber doch noch. Ich habe keine Lust von Apensen Richtung Horneburg zu fahren. Auf dem Abschnitt gibt es keinen Fahrradweg. So radel ich über die Orte Wohnste nach Wiegersen. Von dort über Revenahe und Ruschwedel nach Bliedersdorf. Das war dann doch noch ein sehr schöner Abschnitt. Weil abermals fast kein Verkehr hier ist. Schnell noch durch Horneburg und die letzten neun Kilometer nach Hause.

Hinter Horneburg werde ich dann noch von einem Pärchen angesprochen, das mir viel Glück für meine Reise wünscht. Ich bremse und erkläre, dass ich jetzt wieder zu Hause bin, dass ich die ganze letzte Woche unterwegs war. Wo ich herkomme, werde ich gefragt. Als ich Bayern entgegne, ernte ich große Augen. Es folgt ein kleiner Plausch um das Für und Wider. Wie die letzten Tage so waren, was ich alles gesehen habe. Die Reise einmal im Schnelldurchlauf, quasi.

Unterm Strich bleibt für mich nur das Minimalziel dieser Etappe. Im Hellen ankommen. Das habe ich geschafft. Körperlich auf der letzten Felge setze ich Fuß in unsere Einfahrt. Es ist vollbracht. Von Neumarkt in der Oberpfalz in sechs Tagen bis ins Alte Land im Südwesten von Hamburg. Über siebenhundert Kilometer. Ein irres Gefühl. Lotte kommt wie ein geölter Blitz angelaufen und freut sich überschwänglich. Die Erleichterung in mir ist riesig. Der heutige Tag war noch mal richtig Stress. Der Wind war das Letzte. Ich schaffe das Fahrrad in den Keller und setze mich, nachdem ich mich einmal generalüberholt habe, ins Auto und fahre zum Supermarkt. Mit Augenliedern schwer wie Blei und wackeligen Beinen schlurfe ich durch die Gänge. Dass ich überhaupt noch laufen kann, bemerkt der Filialleiter. Eine Belohnung möchte ich mir heute noch gönnen, entgegne ich. Mit einem Zentner Eis sitze ich schließlich triumphierend auf meinem Bett. Musik im Ohr und den Kopf voller Gedanken und Erinnerungen. Es ist, es war irre. Aber geil! Nun muss ich das Erlebte die nächsten Tage aufarbeiten und bald beginnen die Vorbereitungen für den nächsten Trip. Ende Juli wird es so weit sein. Dann aber zu Fuß …

Fahrstrecke: 120,53 km
Höhenmeter: 261 m
Zeit: 8:58 h
D.-geschw.: 13,93 km/h

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Ein Gedanke zu “Der letzte Akt!

  1. Moin Mütze – schöne Schreibe
    deine „Gewalttour“ habe ich gerne verfolgt, da du einen Teil meiner vorletzten Tour abgefahren hast.
    Grüße aus Rastede vom Reiner mit dem FAT-Bike

    Liken

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