Einmal eskalieren, bitte!

22.07.2019

In der Entfernung höre ich das Rauschen der Autos auf der Autobahn. Das Rumpeln der Eisenbahn. Das Schnabelklappern eines Storches. Ich blinzel in den Raum hinein, taste nach meinem Telefon. Es ist nicht mal sechs. Ich liege auf der Futterwiese irgendwie unglücklich. Die Sonne hat die Temperaturen im Zelt schon merklich ansteigen lassen. Obwohl es so früh ist. Darüber hinaus drängt sich mir das Gefühl auf, dass ich heute mehr schaffen möchte. Ich habe gestern irgendwie zu viel Zeit verloren. Ob ich hier nun liege und die Schweißperlen zähle, die mir in der nächsten Stunde von der Stirn laufen, oder ich packe jetzt alles zusammen.

Ich blicke zu Lotte. Die fängt just in dem Moment das Quaken an. Damit hat sich das sowieso alles erledigt, was mit Weiterschlafen zu tun hat. Ich werfe einen genaueren Blick auf verklebte Fell. Wo warst du denn gestern nur drinnen, frage ich mich in Gedanken. Heute wird jedes Freigewässer dein bester Freund sein. Und wenn ich dich da reinschubsen muss. Die Pampe muss aus dem Fell raus. Ist ja ekelig. Dazu der Geruch, der mir binnen kürzester Zeit mehr und mehr auf den Keks geht. Lotte winselt.

Ja, dann los. Dies war dann also meine erste Nacht als Wildcamper. Zwar fast vor der Haustür, aber ich rede es mir dennoch als Wildcampen schön. Wobei Wildcampen würde ich persönlich einen längeren Verbleib an einem Ort bezeichnen. Dies war mehr die Durchreiseübernachtung. Spät das Zelt aufgebaut und früh wieder weg. Fast niemand bemerkt, dass man jemals da gewesen ist. Einzig das platt gelegene Gras zeugt von dieser kurzen Anwesenheit.

Am Bahnübergang Agathenburg komme ich mit den Leuten der Security ins Gespräch. Ich habe mich schon immer gefragt, was die hier machen. Weil die Bahnreisenden scheinen sie nicht zu überwachen. Nein. Die sind dort, weil die Strommastenbauer hin und wieder Werkstoffe bekommen. Damit die Lastwagen nicht über den schmalen Bahnübergang fahren, stehen dort die Leute der Wachfirma. Nachdem man mich aufgeklärt hat, bin ich an der Reihe zu erzählen. Da fällt mir einer der Zwei ins Wort. Dass er vor einigen Jahren, als er noch fitter war von Hechthausen bis nach Cuxhaven gelaufen ist. Was fast sechzig Kilometer sind. Das, so versucht er mir weis zu machen, habe er in dreieinhalb Stunden gemacht. Und ich habe mal einen Fisch in der Elbe gefangen, der war fünf Meter lang. Es tut mir leid, aber dieser Laufleistung schenke ich keinen Glauben. Vor allem wenn man sich mal die Weltrekordzeiten eines professionellen Marathonläufers anschaut. Der mag es vielleicht schaffen. Aber ein Normalo rennt sechzig Kilometer in dreieinhalb Stunden? Beim besten Willen nicht. Sorry! Das würde ich erst glauben, wenn ich es sehe.

Als ich in dem kleinen Waldstück von Agathenburg bin wirft es meinen Hund plötzlich auf die Seite. Was ist denn jetzt los? Wie eine Wilde strampelt sie mit den Beinen in der Lust. Ihr Blick ist dabei nach vorne gerichtet. Ich schaue und kann im letzten Moment sehen, was da los ist. Sie hat eine Maus entdeckt und wollte diese Jagen. Dummerweise hat der Blätter bedeckte Boden ihr die nötige Trittfestigkeit genommen, was sie zum Stürzen brachte. Die Kopf-Gliedmaßen-Koordination war dann nicht gegeben, weil der Kopf bei der Maus war und die Beine gemacht haben, was sie wollten. So etwas habe ich auch noch nicht gesehen. Ich ernte einen vorwurfsvollen Blick, als ich schelmisch ihr Missgeschick belache und Lotte bei der Maus in die Röhre schaut. Ja, Hund, ich schäme mich ganz doll. Nein, eigentlich nicht. Aber das verstehst du nicht.

In dem Örtchen Deinste gönne ich mir die erste größere Pause. Auf der Bank am Schmalspurbahnhof gönne ich mir eine Dose Pfirsiche. Der Hund schnüffelt unterdessen durch die Weltgeschichte. Aber nicht ohne vorher einige Hundekekse zu bekommen. Der Himmel ist zugezogen und die Temperaturen sind doch echt angenehm. Hin und wieder fallen einige Tropfen. Viel zu wenig um die Regenjacke herauszuholen. Es ist mehr eine willkommene kurze Erfrischung.

In Fredenbeck lerne ich dann neue Wege kennen. Ein asphaltierter Wirtschaftsweg, der mich zur Bundesstraße bringen soll. Ich könnte auch über das Örtchen Schwinge laufen, aber diese Strecke kenne ich. Öfter mal etwas Neues. Einen Fuß vor den anderen gesetzt. Die Gedanken schweifen so umher. Der Hund gibtt sich als Fuchs und springt ins höhere Gras am Straßenrand. Ein weiterer Versuch eine Maus zu fangen. Das soll heute nicht das letzte Mal sein. Was ich unterdessen interessant finde sind die vielen Insekten, die sich auf dem gelben Verdeck von Lottes Pausenbox niederlassen. Mal sind es ganz normale Stubenfliegen. Dann kommt mal eine grünlich schillernde vorbei. Wildbienen lassen sich blicken Schwebfliegen. Es herrscht ein Kommen und Gehen. Echt stark. Da beißt mich etwas in den Ellbogen. Diese mistigen Pferdebremsen. Ein widerliches Gesindel! Was witzig ist, die Jungs scheinen ihre festen Reviere zu haben. Mal habe ich sie als Schwarm um mich herum und ich schlage alle paar Minuten nach einer. Dann habe ich wieder meine völlige Ruhe, um dann wenige Kilometer weiter erneut den Fuchtelmax zu mimen.

Lotte sieht vom Fell her langsam wieder wie ein Hund aus. Hier und dort noch ein Dreckklumpen, aber sonst geht es. Außerdem wird es mal Zeit, dass wir die Pausenbox ausprobieren. Wie ich sie hinein bekomme? Stopfen. Ich habe mich damals, als ich den Anhänger für die Fahrradreise beschafft habe, mit meiner Futterverkäuferin unterhalten. Wie sie das mit ihren Hunden machen würde. Die Antwort: Stopfen. Einfach hineinstopfen. Das Ding mit Futter reinlegen und abwarten. Nein. Der Hund wird irgendwann merken, dass diese Box etwas Gutes für ihn ist. Also zwing ihn zu seinem Glück. Ja, dann? Eben das Dachverdeck auf, damit Lotte hinaus gucken kann. Damit ist dann auch alles wieder grün. Wie eine Prinzessin sitzt sie nun da und lässt sich durch die Gegend schieben. Fahrradfahrer, die mir entgegen kommen schmunzeln und ziehen vorüber. Was ich mache, wenn Lotte Unmut bekundet und wieder hinaus möchte? Ich sage ihr einfach, dass sie jetzt nicht dran sei, damit ist dann Ruhe. Zumindest ein paar Minuten. Das Spiel wiederholt sich dann irgendwann. Quaken – Du bist jetzt nicht dran! – Ruhe – Quaken – und so weiter und so fort.

Es ist fast schon verrückt, wie ich heute die Kilometer herunter spule. Zwischendrin denke ich zwar immer wieder, dass die Streckenaufzeichnung des Tachos zu wohlwollend mir gegenüber ist. Ich habe doch die Grundeinstellung für einen Zwanzig Zoll Reifen eingegeben. Das ist es, was ich am Wagen habe. Dennoch scheint die Anzeige zu schnell anzusteigen. Komisch. In Oldendorf habe ich am späten Nachmittag dann die dreißig Kilometer auf der Uhr. Der Supermarkt ist mein Anlaufpunkt und meine heutige Belohnung ist ein Eis. Die Schokolade knackt und splittert. Der Geschmack von Vanille macht sich auf meiner Zunge breit. Herrlich. Lotte quakt unterdessen und möchte etwas abhaben. Die Antwort darauf müsste der Leser nun schon kennen. Richtig. Du bist jetzt nicht dran! – Ruhe …

Es ist so verrückt. Ich bin bis auf fünf Kilometer an die Ostefähre heran gelaufen. Wenn ich die Pause beim Supermarkt eingespart hätte, wäre ich wohl heute noch mit hinüber gekommen. Ich habe die Unterbrechung aber gebraucht. Somit ist es egal, ob ich heute übersetze, oder morgen. Ich laufe die letzten Kilometer durch Brobergen. Grünweiße Wimpelfähnchen sind über die Straße gespannt. Entweder war hier am Wochenende Schützenfest, oder heute ist der letzte Tag. Jugendlich fahren in größeren Gruppen in die gleiche Richtung. Heute ist hier noch etwas los. Demnach wirklich der letzte Tag der Sause.

Kurz vor der Fähre kommt mir ein Auto entgegen. Ob ich über die Oste möchte. Ich hätte die letzte Überfahrt um eine halbe Stunde verpasst. Das weiß ich, gebe ich zu verstehen. Ob ich mit meinem Zelt durch Zwischenschlafen dürfe. Der Fährmann nickt. Er gebe noch eben dem Eigner Bescheid, dass da wer ist. Somit wäre ich auf der sicheren Seite. Ich bedanke mich und nehme die finalen Meter in Angriff. Direkt am Fährhaus kann ich nicht zelten. Es ist alles gepflastert. Also die Grünfläche wenige Meter daneben. Mehr ein breiterer Grünstreifen. Meine Behausung passt dort aber hin. Also alles aufgebaut. Direkt neben dem Schild, dass Zelten hier verboten sei. Da knackt eine der Zeltstangen. Dieses blöde Fiberglas! Ich inspiziere das Teilstück. Ich kann es weiter verwenden. Ich habe nur mein Fasertape vergessen. Also hoffen, dass alles solange hält, bis ich für Abhilfe sorgen kann. Da hält neben mir ein Auto. Ein Herr blickt auf das Zelt. Blickt auf das Schild. Das Zelt. Das Schild. Dann fährt er ohne Kommentar weiter. Was war das denn?

Fahrradfahrer sind zu dieser Stunde noch unterwegs. Alle blicken etwas verwundert auf mein Lager. Zu Wort meldet sich keiner. Da kommt ein weiteres Auto. Der Fährmann kommt noch einmal zurück. Er hätte etwas auf der anderen Flussseite vergessen. Die Fähre aktiviert er dennoch nicht. Mit einem Ruderboot setzt er schnell über. Außerdem steht mein Krempel jetzt. Aber ich darf eben aufs Boot, damit ich besser an Wasser heran komme. Ich klebe am ganzen Körper und gönne mir eine schnelle Wäsche mit Ostewasser. Nachdem ich den Kopf letztes Jahr in die Este gesteckt habe, ist dieses Mal die Oste dran. Zufrieden und mit qualmenden Füßen liege ist letztendlich im Schlafsack und träume den nächsten Erlebnissen entgegen.

Laufstrecke: 36,22 km
Höhenmeter: 67 m
Zeit: 7:02 h
D.-geschw.: 5,14 km/h

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