Ich denke mir das doch nicht aus!?

24.07.2019

Irgendwie muss ich an Fasertape kommen. Ich habe die Rolle bei mir zu Hause vergessen und eine der Fiberglasstangen ist an einem Teilstück der Länge nach aufgerissen. Ich brauch zu meinem Glück nur ein Haus weiter laufen. Dort ist ein älterer Herr im Hof zugange und eilt gleich los, als ich mein Problem schildere. Zurück kommt er mit einer fast aufgebrauchten Rolle. Nicht falsch verstehen. Ich freue mich darüber. Es reicht für mein Vorhaben. Letztendlich darf ich sie sogar mitnehmen. Sollte noch etwas kaputt gehen. Danke dafür. Nachdem ich erzählt habe, wo ich herkomme, driftet das Gespräch zu einem Traktorhändler aus Jork ab. Ob es den bei uns im Alten Land noch gibt? Ja, sicher! Die Firma existiert noch. Die Augen des Herren beginnen zu leuchten. So erzählt er mir einen Schank aus seiner Vergangenheit. Im Übrigen nicht der erste Herr, der mich dieser Tage nach diesem Unternehmen fragt.

Ein kurzes Stück folge ich der Hauptstraße Richtung Ihlienworth. Dann stehe ich vor der Entscheidung wieder am Hadelner Kanal zu wandern, oder an der Fahrbahn zu bleiben. Natürlich entscheide ich mich für den Wasserlauf. Lotte streift durch das Gras. Die Nase auf dem Boden. Dann macht sie wieder einen Satz. Abermals ohne Erfolg. Die Mäuse sind aber auch flink im Loch verschwunden. Da stutze ich. Das riecht doch nach Feuer hier! Ich schaue mich um. Auf der anderen Kanalseite mache ich eine größere Rauchsäule aus. Häuser kann ich sehen. Bäume. Und dazwischen steigt Qualm auf. Ich wähle den Notruf. Ich schildere einen Brand zwischen den Ortschaften Ihlienworth und Bülkau. Was aber total falsch ist. Ich bin nicht von Bülkau gestartet. Sondern von Norderende bei Odisheim. Ich stehe auf der Westseite des Hadelner Kanals. Auf der Ostseite brennt es. Ich rede mich um Kopf und Kragen und versuche dem Typen am anderen Ende meine Position zu schildern. Ob ich Whats App habe? Ja. Ich sende meinen genauen Standort. Dann nimmt das Desaster seinen Lauf. Ich schildere ein weiteres Mal, dass der Hadelner Kanal zwischen mir und dem Brandobjekt ist.

Ich soll doch bitte die Einsatzkräfte dann einweisen, wenn diese eintreffen. Hat der mir nicht zugehört? Da sind acht bis zehn Meter Wasser zwischen mir und dem Ort. Dazu noch einige hundert Meter Ackerland. Die nächste Brücke kann ich noch nicht einmal sehen. Ich kann von hier aus unmöglich Einsatzfahrzeuge einweisen. Der hat doch meine Position auf der Karte seines Computers. Der müsste doch sehen, dass ich dazu noch völlig falsche Ortsangaben gemacht habe, was Ihlienworth und Bülkau betrifft. Zu dem Zeitpunkt weiß ich das aber nicht. Aber er muss doch auf dem Monitor sehen, dass der Kanal neben mir verläuft. Dass an meinen Schilderungen etwas nicht stimmen kann. Nein. Die Sirenen heulen um mich herum auf. Nun geht es also los. Mit dem Gedanken, dass ich zu diesem Zeitpunkt alles richtig gemacht habe, ziehe ich weiter. Eine Radfahrerin überholt mich. Ein kurzes Gespräch ergibt sich. Dann blickt auch sie über den Kanal. Dort würde es brennen. Sie deutet auf den Ort. Ich nicke und erzähle, dass ich die Feuerwehr bereits informiert habe.

Kurz vor Ihlienworth finde ich einen super Platz zum Pausieren. Ein Pavillon, Bänke und Tische stehen hier. Ja, hier ruhe ich mich etwas länger aus. Ich krame meine Sachen auseinander und beginne mir eine Suppe zu kochen. Ich blicke auf das Display des Telefons. Ich habe eine weitere Nachricht der Rettungsleistelle erhalten. Ob ich die Rauchsäule fotografieren könnte? Öh … ich rufe an und gebe an, dass ich zu Fuß weiter gezogen bin. Man könne das Feuer nicht finden. Bitte?! Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen. Wie geht das denn? Das geht, wenn man als nicht Ortskundiger die Rettungskräfte fälschlicherweise in die verkehrte Richtung schickt. Es sind mittlerweile auch gute dreißig bis vierzig Minuten seit meinem ersten Anruf vergangen. Man sei schlussendlich wieder eingerückt und der Vorfall ist als erledigt abgehakt. Nur für mich ist das noch nicht vorbei.

Das Telefon klingelt. Die Polizei. Ich erzähle dem Beamten die gleiche falsche Geschichte, dass ich von Bülkau aus unterwegs bin. Zwischendrin fragt mich der Polizist, ob ich mir das nicht eingebildet hätte. Ich denke mir das doch nicht aus! Ich versichere ihm, dass etwas gesehen und gerochen habe. Nur haben die Rettungskräfte nichts gefunden. Das ist doch alles wie verhext. Ob auf mich Konsequenzen zukommen, möchte ich wissen. Das wird verneint. Soweit habe ich Glück gehabt. Aber komisch ist es dennoch. Nachdem das Gespräch beendet ist und ich einige Löffel meiner suppe gegessen, öffne ich die Karte auf dem Telefon. Ach du Kacke! Ich bin ja von Odisheim gestartet. Von Norderende, um genau zu sein. Und dort, wo ich etwas gesehen habe, das heißt Süderende. Scheiße! Ich habe die Leute völlig falsch geschickt. Aber noch einmal: Warum hat der Typ in der Leitstelle an seinem Computer das nicht bemerkt, dass ich falsche Angaben mache? Es ist schon irgendwie komisch.

Um die Kaffeezeit setze ich mich dann wieder in Bewegung. Drei Stunden sind genug Pause. Innerlich bin ich noch immer bei dem Feuer. Schlussendlich komme ich auf den Gedanken, dass da wohl nur jemand Unrat verbrannt hat. Sonst hätte es doch mehrere Notrufe geben müssen. Oder nicht? Bei der Trockenheit und Hitze finde ich das dennoch etwas leichtsinnig. Aber das ist jetzt alles Spekulation.

Es ist schon wieder so entsetzlich warm. Lotte, bereits wieder im Wasser nutzt jede Möglichkeit der Abkühlung. Hund müsste man sein. In Ihlienworth gibt es aber ein Wirtshaus mit Biergarten. Innerlich freue ich mich wie ein kleines Kind auf das kühle Bier. – Ruhetag. NEIN! Verfluchter Mist! Da öffnet sich die Tür. Stefanie blickt mich mit großen Augen an. Ob ich wieder mit dem Fahrrad unterwegs sei? Nein, zu Fuß. Ach du Scheiße die originale Antwort auf meine Äußerung. Ob ich trotz Ruhetag meine Wasserflaschen einmal auffüllen darf? Ein Besuch des Örtchens wäre auch total toll. Ich wisse ja, wo Letzteres ist. Alles klar.

Der erste halbe Liter landet kurz darauf wieder in meinem Nacken. Diese unfassbare Hitze. Lotte sitzt abermals im Graben und planscht herum. Ich schlage den Weg nach Wanna ein. Ich möchte heute noch so dicht wie möglich an Cuxhaven herankommen. Dann habe ich Morgen nicht so viel zu laufen. Denn ich Cuxhaven möchte ich eine bestimmte Wirtschaft besuchen. Als kleine Zwischenfeier. Dass ich bis dorthin der Hitze getrotzt habe. Mein Blick wendet sich einem Herren zu, der gerade dabei ist sein Auto entladen. Den kenne ich! Der ist im Schützenverein Ihlienworth. Freundlich fällt die Begrüßung aus. Obgleich er den Eindruck auf mich macht, dass er nicht zu einhundert Prozent weiß, wer ich bin. Ich lerne seine Frau kennen. Dabei nutze ich den Moment und erzähle in wenigen Worten die Vorgeschichte. Nun fällt der Groschen. So sitzen wir auf der Nordseite seines Hauses im Schatten und plaudern über Aktuelles und Vergangenes im Schützenverein Ihlienworth. Auch über meinen heimischen Verein wird geplaudert. Und natürlich wird wieder nach der Traktorfirma in Jork gefragt. Ein Bier später geht es dann für mich weiter. Einen Hinweis bekomme ich noch mit auf den Weg. Zwischen Ihlienworth und Wanna gibt es auf dieser Strecke so gut wie keinen Schatten. – Ich freue mich.

Sieben Kilometer weiter, an der Ortsgrenze zu Wanna, erblicke ich ein Pärchen auf ihrem Hof sitzen,. Die Sonne hat mein Wasser wieder in eine warme Plörre verwandelt. So frage ich nach einem Glas kalter Limo. Das sei kein Problem. Ich bekomme einen Stuhl und verschnaufe abermals einen Moment. Hier bekomme ich den Hinweis, dass ich im späteren Verlauf meiner Wanderschaft nicht an der Hauptstraße Richtung Lüdingworth gehen soll. Es gäbe Wirtschaftswege, die meine Strecke abkürzen würden. Ich bekomme sogar den Tipp, wo ich später schlafen könnte. Danke dafür! Die Abkürzung laufe ich im Ortskern von Wanna allerdings wieder drauf. Ich verpeile es, den Supermarkt zu finden. War es erst rechts herum und dann links, oder doch umgekehrt?

Je dichter ich an Lüdingworth herankomme, desto mehr verlangt es mir nach einer Dusche. Der ganze Körper klebt. Ich habe schlichtweg keine Lust mehr. Meine Schritte sind zu einer Art Automatismus mutiert. Schritt für Schritt ohne einen Gedanken im Kopf zu haben. Wobei das gelogen ist. Mir schwebt das Bild der genannten Dusche vor Augen. Aber wie an eine Dusche kommen? Wenn nicht ein kleines Wunder geschieht, dann bin ich gezwungen, ein Zimmer zu nehmen. Da reißt mich ein leises Quietschen aus menen Gedanken. Lotte hat eine Maus gefangen und tot gebissen. Nach gefühlten eintausend Versuchen. Die Maus ist nicht im Loch verschwunden, sondern hat versucht über die straße hinweg zu fliehen. Da war es für Lotte nur noch Formsache.

Ein Wunder, bezogen auf die Dusche geschieht nicht. Ein Zimmer bekomme ich auch nicht. Alles belegt. Also doch wieder Zelt. Zu meinem Unmut verliert die Luftmatratze übermäßig viel Luft. Ist das Mistding also auch wieder kaputt. Ähnlich wie im Vorjahr, als die Schlafunterlage am dritten Tag den Geist aufgegeben hat. Dieses Mal belasse ich die Situation so. Morgen erreiche ich Cuxhaven. Dort wird es sicher ein Geschäft geben, das mir eine Matratze verkaufen kann.

Laufstrecke: 27,96 km
Höhenmeter: 15 m
Zeit: 5:38 h
D.-geschw.: 4,96 km/h

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