Das erklärt Vieles!

27.07.2019

Ich lebe noch! Niemand hat mich in der Nacht geholt. Ich habe keine schauerlichen Stimmen gehört. Alles war ganz ruhig. Genau genommen habe ich wie ein Stein geschlafen. Womöglich habe ich das drum herum gar nicht mitbekommen, weil ich so weit weg war. Nun habe ich aber ein anderes Problem. Der innere Schweinehund lässt mich einfach nicht in die Puschen kommen. Lotte rührt sich nicht die Bohne. Sie scheint froh zu sein, dass die Pause länger als die Tage zuvor ist. Selbst in dem Moment, wo ich wieder Fuß auf die Straße setze, geht es lange noch nicht wirklich los. Der Tante Emma Laden im Ortskern ist mein Ziel. Dort arbeitet meine Gastgeberin. Der Gatte ist unterdessen zu einem Kundengespräch aufgebrochen. Ihn habe ich am heutigen Morgen gar nicht gesehen. So sitze ich vor dem Laden und frühstücke flüssige Dinge. Kakao. Auf etwas Festes habe ich überhaupt keinen Appetit. Man versucht mir zwar ein Brötchen anzubieten, ich lehne aber dankend ab. So wünscht man mir Glück für den weiteren Verlauf meiner Reise und dann geht es gegen Mittag weiter.

Bis Cadenberge passiert recht wenig. Außer dass ein Auto mit Anhänger die Kurve schneidet und mir verdammt nahe kommt. Der Lehrer im entgegenkommenden Fahrschulwagen schüttelt nur mit dem Kopf. Ja, wohin soll ich an der Stelle hin? Fußgängerwege gibt es auf diesem Abschnitt nicht. Wie dem auch sei. An mir ist alles dran geblieben. Bis auf einen Schreck geht es mir gut. Es ist längst nicht mehr so heiß, wie vergangenen Dienstag oder Mittwoch. Dennoch zehren die Umstände wieder an meiner Substanz. Eine Pause wäre schön. Die Veranda von dem Hotel dort wirkt echt einladend. Die Tür zum Gebäude ist verschlossen. Naja, zumindest kann ich mich hier hinsetzen und die Beine etwas hochlegen. Kaum bin ich an einem der Sonnenschirme vorbei, fegt eine kräftige Windböe um meine Nase. Ich höre ich ein Geräusch von Metall, das aneinander reibt. Ich drehe mich um und sehe gute drei Meter über mir auf dem Dach eben genannten Sonnenschirm. Ich weiche zurück. Da fällt das Ding mit einem Krachen auf die Veranda zurück.

Ich habe doch gestern im Haus nichts angefasst?! Erst das Auto. Jetzt der Sonnenschirm? Nein. Quatsch. Soweit kommt das noch. Ich müsste nun aber jemandem bescheid geben, dass hier Bruch entstanden ist. Ich klopfe an die Glasscheibe der Tür. Keine Regung im Inneren. Ich laufe ums Gebäude. Die Haupteingangstür ist sperrangelweit offen. In rufe hinein. Gehe einige Schritte. Rufer erneut. Keine Menschenseele hier. Ich entdecke einen Zettel mit einer Telefonnummer. Kaum ist das Gespräch beendet, kommt eine junge Dame angelaufen. Ihr zeige ich das Unheil. Kurz darauf kommt ein Herr. Zusammen beseitigen sie den Schirm und betrachten die übrigen Schäden. Ein zwei Lampen, die auf dem Geländer der Veranda montiert sind, haben das Spektakel nicht überlebt.

Ich folge dem Mädel und setze mich unweit des Hotels in das Eiscafé. Eine Limo später, dazu sehr lange Wartezeit auf ein potenziell zweites Getränk, lassen mich nach dem ersten kühlen Nass weiter ziehen.

Eigentlich möchte ich es heute bis in den Raum Isensee schaffen. In Oberndorf ist die Motivation allerdings so im Keller, dass ich mich am Osteufer in das alte Fährschiff setze, das man zu einem Lokal umgebaut hat. Ich komme mit Leuten ins Gespräch, die laut Aussage noch nicht aufm Wacken Open Air waren. Reden aber so von dem Wetter und der Matschgeschichte, dass sie gefühlt selber bereits einmal dabei waren. Ich möchte ungerne verbessern, werde aber mit jedem weiteren Dröhnsatz genervter.

Oberndorf ist ein Örtchen, das mir gewissermaßen die Socken auszieht. Klein. Enge Straßen. Alte Gebäude. Es hat richtig Flair. Die Ostebrücke, die mit einer Ampelschaltung versehen ist, da nur eine Spur für Autos vorhanden ist. Dieses Fleckchen Erde ist bislang völlig an mir vorbei gegangen. Vielleicht mal auf einer Karte gesehen, aber nie wirklich Beachtung geschenkt. Man kann jetzt sagen, dass es seinen Vorteil hat, wenn man weit ab der Hauptverkehrsstrecken, der Bundesstraße und so weiter, liegt.

Kaum bin ich über der Brücke rüber und habe die erste Kurve hinter mir gelassen, laufe ich durch das Örtchen Bentwisch. Hier werde ich freundlich von einer Gruppe älterer Herrschaften begrüßt. Ich stehe noch gar nicht, da bricht schon ein Schwall an Fragen über mich herein. Ob ich bei ihrem Grillfest dabei sein möchte? Das Zelt kann ich auf der anderen Straßenseite aufbauen. Da seinen Wohnmobilstellplätze und auch eine Zeltwiese. Es ist aber kein beworbener Campingplatz. Mehr durch Mundpropaganda. Da ein richtig, echter Campingplatz wohl zu viele Auflagen mit sich bringen würde. So erklärt man mir. Aber es gibt ein Häuschen mit allem Notwendigen. Dusche. Toiletten. Ja, dann bleibe ich doch hier. Ich habe das erste Mal seit meinem Start keine zwanzig Kilometer gelaufen. Das ist mir herzlich egal.

Besonders Lotte geht richtig auf. So viele Leute und alle streicheln sie. Ein Herr, dessen Name mir leider entfallen ist, hat es ihr besonders angetan. Er habe seinen eigenen Hund vor wenigen Wochen verloren. So lasse ich meinen Wusel bei im umher scharwenzeln. Er, der Herr sei früher ein aktives Mitgleid der Feuerwehr gewesen. Dessen Gerätehaus im Übrigen mit dem Häuschen der Sanitärenanlagen verbunden ist. Ein altgedienter Feuerwehrmann? Ihm erzähle ich von dem Missverständnis mit dem Feuer bei Odisheim. Er schüttelt mit dem Kopf. Das sei ganz einfach zu erklären. Die Notrufe für Cuxhaven gehen nach Bremerhaven. Man hat die Feuerwehr- und Rettungsleitstellen zusammengelegt, um Geld zu sparen. Soll heißen: Die in Bremerhaven haben null Ahnung, wie es im Landkreis Cuxhaven aussieht. Da kann man sonst etwas erzählen. Wenn es nicht mis auf einige wenige Meter genau ist, dann geht es in die Hose. Ich solle mir keinen Kopf machen. Dann erzählt er die Geschichte mit der Polizei. Da gehen die Notrufe bis auf die andere Weserseite nach Oldenburg. Die wissen noch weniger. Das erklärt jetzt natürlich Vieles.

Im Laufe des Abends lerne ich eine Menge netter Menschen kennen. Ich esse zwar nicht mit, da ich Minuten zuvor im Wirtshaus war. Aber dieses Beisammensein ist noch mal etwas Besonderes für mich. Es erinnert mich etwas an das zufällige Zusammentreffen mit der Feuerwehr Retzow zwei Jahre zuvor. Als die Sonne untergeht und die Mücken die Bühne betreten, ist jedoch Schluss. Man wünscht mir viel Glück für meine Weiterreise und geht …

Laufstrecke: 17,91 km
Höhenmeter: 54 m
Zeit: 3:31 h
D.-geschw.: 5,08 km/h

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