Ich habe es wieder getan!

31.07.2019

Bis auf Lothar und seinem Angestellten schlafen noch alle, als ich an diesem Morgen vor mein Zelt trete. Nach einem Tag Pause, den meine Füße auch dringend benötigt haben, geht es nun also auf die finalen Kilometer. Im Vorwege habe ich von vielen Richtungen erfahren, wer alles da ist. Also nicht die Bands. Ich spreche von Festivalbesuchern. Ob es mir gelingt, ihnen allen zu begegnen? Man wird sehen.

Ein letztes Mal mit Lothar und dessen Helfer frühstücken, dann geht es ans Zusammenpacken. Nur noch knappe zehn Kilometer. Ob ich den Radfahrer auch wiedersehe? Bei dieser Menschenmasse, die dieser Tage im und um das Dorf sind, wird es schwer. Dabei kann man sagen, dass es an dieser Stelle ein ungeschriebenes Gesetz gibt. Wenn man es plant, dass man sich dort irgendwo treffen möchte, geht es auf sicher in die Hose. Wenn man jedoch nicht daran denkt und damit rechnet, dann steht man sich plötzlich gegenüber.

Auf dem Weg nach Wacken halte ich an einem alten Baum und sammel etwas Bruchholz auf. Für das dortige Kochen. Ich habe noch Proviant der Vortage dabei und möchte es ungerne verderben lassen. Also brauche ich Brennstoff. Zwischendrin schicke ich die erste Nachricht auf die Reise. Sie ist an Björn, Kevin und Frank adressiert. Dass ich unterwegs bin. Man hat sich im Vorwege abgesprochen, dass man mir einen Platz freihält. Habe ich nicht eben noch etwas von geplanten Begegnungen geschrieben? Auf dem Campinggelände ist das wieder etwas leichter. Etwas. Nicht viel. Fast nicht erkennbar. Aber es soll funktionieren. Habe ich mir sagen lassen. Ich bekomme die Meldung, dass man auf Campingplatz »V« angesiedelt ist. Somit habe ich eine ganz grobe Richtung.

Bereits in Vaale ist die Hölle los. Stau. Nichts geht mehr auf der Straße. Soll mir egal sein. Ich habe nur einen Handwagen dabei. Zielstrebig bewege ich mich entgegen der Blechlawine in Richtung Wacken. Nicht selten werde ich gefragt, wie weit es noch sei. Gute fünf bis sechs Kilometer. Für euch im Auto. Für mich zwei. Warum ich denn in die andere Richtung laufe, wenn die Anfahrt entgegengesetzt läuft? Handwagen! Ich komme durch das Dorf. Ihr müsst außen herum. Nicht schlecht so ein Handwagen höre ich dann auch mal. Ab und an bleibe ich mal bei den wartenden Autos stehen und plaudere kurz mit den Insassen.

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Endlich habe ich es geschafft. Das wohl letzte Ortsschild, was man nicht vorsorglich abgebaut hat. Dafür ist es auch wie Fort Nox gesichert. Ein spezieller Metallrahmen, der vor Diebstahl schützen soll. Ich schiebe den Wagen zwischen staunenden Augen hindurch. Schnell ein Foto mit dem Schild gemacht, dann geht es weiter. Hinein in den Trubel. Die Massen. Die gute Laune. Schon im Vorwege kommt mir jemand mit einem Schild entgegen. »Endlich normale Leute« steht daraf geschrieben. Aus einer Nebenstraße kommt KISS heraus gelaufen. Also Leute, die sich so verkleidet haben. Weit kommen sie nicht. Binnen Sekunden hat sich eine Menschentraube um sie gebildet. Fotos. Alle möchten sie Fotos machen.

Für einen Moment bin ich auch am überlegen. Entscheide mich dann aber doch für die Bierbude. Hier treffe ich einen weiteren Radreisenden. Er ist aus Dortmund angereist und wartet nun auf seine Leute, die noch irgendwo mit dem Auto als Teil der Lawine unterwegs sind. Auf das Gelände selber kommt er nicht, da die für ihn gedachte Eintrittkarte bei seinen Freunden ist. Blöd jetzt. So sitzt er nun hier, lässt es sich gut gehen und beobachtet das Treiben um sich herum. Man hockt nun zu viert auf einer der Holzgarnituren und plaudert. Ein Pärchen, einige Jahre älter als ich, hat sich mit angeschlossen. Man möchte mal meinen Anhänger anheben. Wie das Händeln so sei? Das ist aber leicht! Ja, es ist gut gepackt. Ich erkläre mit wenigen Sätzen. Das ist Physik kommt, es von der Seite. Was der Zossen wiegt? Bestimmt sechzig Kilogramm. Man muss bedenken, dass, als der Hund und die Box noch dabei waren, hatte ich gute achtzig zu schieben. Habe das Gewicht aber faktisch nicht gespürt. Wie von dem Herren angemerkt: Alles eine Frage des Packens und den daraus folgenden Eigenschaften.

Ich muss jetzt aber los. Ich muss meinen Platz auf dem Gelände finden. Zum Glück brauche ich das Eintrittsband nicht mehr holen. Das habe ich am Montag spät abends schon mit Lothar erledigt. Er wollte ohnehin nach Wacken und hat mich gefragt, ob ich mitmöchte. Ich habe nicht lange überlegt und bin mit. Bevor ich heute mit den Menschenmassen anstehen muss und ewig auf das Band warten darf. Nein, das war schon cool, die Dinger bereits am Montag zu holen. Am Eingang zum Gelände werde ich mit großen Augen empfangen. Einmal an die Seite, bitte und alles auseinanderreißen. Es muss alles kontrolliert werden. Okay. Gerne. Wie hätte man es denn gerne? Ich folge den Anweisungen und mache mich gerade daran all die Spanngurte zu lösen. Kommt nur eine Frage. Ob ich Glas dabei hätte? Öh … nein. Dann viel Spaß. Nichts öffnen? Keine Leibesvisitation? Ob ich ekelig bin? Manchmal! Nun mal ehrlich. Nichts von alldem? Ich möchte mein Glück jetzt nicht zu sehr strapazieren: Ehrlich nicht? Nun geh endlich! So gelange ich mit dem Wagen ohne große Probleme aufs Gelände. Ob das nun clever von den Ordnern war, soll nicht mein Problem sein. Nun muss ich Campingplatz »V« finden.

Egal was ich mache. Björn geht nicht an sein Telefon. Es ist gefühlt der fünfte Versuch ihn zu erreichen. Schriftliche Nachrichten werden ebenfalls ignoriert. Melde dich, wenn du da bist, ich sage dir dann, wo wir genau sind. Das waren seine Worte. Mit jedem Meter, den ich über »V« gehe, schicke ich einen neuen Hinweis los, in welche Richtung ich mich bewege. Schließlich stehe ich genau unter dem Turm mit den großen Buchstaben, die verraten welcher Campingplatz das ist. Ich stehe hier und warte. Ich sitze und warte. Ich tiger umher und warte. Geplante Treffen funktionieren nie aufm Wacken. Derzeit bewahrheitet es sich. Ich freunde mich mit dem Gedanken an, dass ich ganz woanders mein Zelt aufschlagen muss. Ich versuche es abermals mit dem Telefon. Es ist doch komisch.

Neben dem Turm steht ein altes Feuerwehrauto. Werkfeuerwehr Flensburg steht auf der Tür. Da kommt zischen dem Gefährt und meinem Turm ein Herr hervor. In wenigen Sätzen erkläre ich meine Situation. Kurz davor hat sich Frank bei mir gemeldet. Er sei Duschen gewesen und hätte das Telefon nicht gehört. Er habe seinen Platz aber ganz woanders. Nicht bei Björn und seiner Gruppe. Er kommt aber einfach mal vorbei. Also schnell erklärt, wo ich bin. Neben dem Feuerwehrfahrzeug steht ein Pavillon mit vier Personen. Ob ich ein Bier möchte? Klar. Das erleichtert das Warten ungemein. Man stellt sich einander vor. Dies gipfelt in einem lauten Lachen. Mit mir sitzen nun fünf Personen da und vier heißen K/Carsten. Fair aufgeteilt. Zwei mit »K« und »C« geschrieben. Ist ja verrückt. Ich wende mich dem Mädel zu. Ob sie jetzt Kerstin heißen würde? Nein. Nichts dergleichen. Das hätte wohl alles gesprengt.

Frank ruft an. Er steht nun am Turm von »V«. Die erste Frage, die man ihm stellt, ob er auch K/Carsten heißt? Abermals Gelächter. Nachdem wir das kredenzte Bier vernichtet haben, verabschieden wir zwei uns. Frank erwähnt, dass er eine GPS-Position von Björn hat. Wo er uns seine Bekannten ihre Zelte aufgeschlagen haben. Ja, dann los. Wie König in Frankreich sitzt Björn in seinem Stuhl. Bier in der Hand. Sonnenbrille auf der Nase. Wenn man nicht ans Telefon geht, dann kann ich dich nicht finden. Björn schaut aufs Display. Oh! – Ja, oh! Ein Schwall an Entschuldigungen schwappt über mich herein. Daneben habe ich gleich ein weiteres Bier in der Hand. Wo mein Fahrrad ist, möchte man wissen. Fahrrad? Ich bin zu Fuß hier. Ich soll nicht albern sein. Bin ich nicht! Ich bin zu Fuß hier! Dort steht der Handwagen. Björn bleibt sein Bier im Hals stecken. Ich habe doch mehrfach gesagt, dass ich laufen werde. Hat er ausgeblendet. Ganz im ernst zu Fuß? Ja, doch! Ich sei verrückt. Danke Für das Kompliment! Es folgt eine kurze Vorstellung der Gruppe. So darf ich Petra mit ihrem Mann »Butch« kennenlernen. Doreen, Uwe und noch so manch anderen.

Eigentlich gibt es an diesem Abend noch die Absicht auf das Gelände zu gehen. Sweet und Rose Tattoo reizen mich echt. Problem: Sie spielen im Zelt. Lange, bevor diese Gruppen auf der Bühne stehen, kommen andere Leute wieder aufs Campinggelände. Das Zelt sei zu. Niemand kommt mehr rein. Rappelvoll. Man könne von außen Leinwand gucken. Es würde aber Probleme mit dem Ton geben. Da sinkt bei mir die Motivation fast auf den Nullpunkt. Hinzu kommt jetzt eine riesige Welle an Menschen zu den Zelten zurück. Am Himmel hat es zwei Mal gegrummelt. Man hat sicherheitshalber das Gelände wegen Unwetterwarnung gesperrt und die Leute gebeten zu den Autos und Zelten zurück zugehen. Nach zwanzig Minuten ist aber alles wieder aufgehoben. Viele Leute gehen aber nicht zurück. Sie bleiben nun vor ihren Zelten. Überall knattern die Stromerzeuger. Dazwischen schrammelt und ballert ein bunter Mix verschiedener Metalbands. Ich bin am Ziel. Wacken 2019.

Laufstrecke: 10,27 km
Höhenmeter: 28 m
Zeit: 1:52 h
D.-geschw.: 5,50 km/h

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