Dämonen und Zauberer

02.08.2019

Möchte ich mit ins Dorf und dort mal frühstücken? Ich blicke in die Runde. Ähnlich, wie am Vortag ist das doch ein größerer Haufen. Ja, dann werde ich halt mal mitgehen. Frische Brötchen und Rührei. Wer kann da schon ›Nein‹ sagen? Also trotte ich der Gruppe hinterher. Oder trottet ein Teil mir hinter her? Bereits nach wenigen Metern hat sich der Pulk mehr in eine langgezogene Karawane gewandelt. Später sind es einzelne Grüppchen. Letztendlich gehen zwei drei Leute gänzlich verloren.

Im Dorf selber dringt eine freudige Stimme an mein Ohr. Der Radfahrer aus Baden knufft mich von der Seite an. Ist er also heil in Wacken angekommen. Schnell die letzten Erlebnisse beiderseits Revuepassieren lassen, da muss ich die Beinchen auch schon in die Hand nehmen, um den Anschluss zu meinen Leuten nicht zu verlieren. Nebenbei wird die Zeit auch langsam knapp. Knappe fünfundvierzig Minuten sind es noch, dann geht auf und vor den Bühnen wieder die Post ab. Den Auftakt mach unteranderem ›Equilibrium‹. Eine Band aus Bayern, die orchestral ebenfalls viele Elemente in ihre Musik einfließen lässt. Für den nicht Metal-Hörer kann dabei der gutturale Gesang abschreckend wirken. Eine Gesangstechnik, bei der Teile des Kehlkopfes verengt werden. Der Laie würde es als Grunzen bezeichnen. Ich möchte hierbei jetzt aber nicht zu ausschweifend erklären, wie das in wieweit funktioniert. Dazu weiß ich darüber auch zu wenig. Auf Wikipedia steht jedenfalls ein recht guter Artikel dazu. Einfach mal ›Gutturaler Gesang‹ in die Suchfunktion eingeben. Die Show ist gut, aber zu kurz. Man hat der Band lediglich fünfundvierzig Minuten Spielzeit gegeben, was ich persönlich etwas schade finde. Die Menge vor der Bühne wabert, rennt im Kreis und hüpft. Es kann glatt als Frühsport durchgehen. Nein, das ist übertrieben. Zum richtig Wachwerden ist die Vorführung Equilibriums etwas wirklich Feines.

Später habe ich dann die Qual der Wahl. ›Eluveitie‹ oder ›GloryHammer‹? Die einen, ›Eluveitie‹ ist eine neunköpfige Gruppe aus der Schweiz, die sich dem Folk-Metal verschrieben hat. Übertrieben betrachtet wie ›Versengold‹, nur mit Krawall.
Die andere Gruppe, ›GloryHammer‹, eine international zusammengesetzte Gruppe, gegründet von Christopher Bowes, Frontmann der Piratenband ›Alestorm‹. Musikalisch sind sie im Heroischen-Fantasy-Metal angesiedelt. Also, GloryHammer. Alestorm war im vergangenen Jahr in Wacken. Es war eine riesige Gaudi. Also, wenn einer die Hände von denen bei GloryHammer im Spiel hat, kann es doch nur gut werden, oder? Bestimmt! Somit erhält GloryHammer den Vorzug vor Eluveitie.

Schon bevor es überhaupt losgeht, ist vor der Bühne der reinste Wahnsinn los. Ein ganzes Heer aufblasbarer Schwerter ragt in den Himmel. Daneben eine Gruppe mit aufblasbaren Einhörnern. Es ist bunt. Es ist schrill. Es ist fröhlich. Es ist mitreißend. Eine unglaublich heitere Stimmung. Dann kommt die Band auf die Bühne. Der Schlagzeuger gekleidet in Uniform und Barret mit langen Fransen an den Schulterstücken. Der Keyboarder, Christopher Bowes erinnert mit seinem Kostüm eher an einen Cosplayer. Menschen, die Kostüme aus bekannten Serien, Filmen, Spielen nachbauen und zu Conventions gehen. Man soll damit nicht gerade wenig Geld machen. Schon verrückt, was es alles gibt. Aber ich weiche ab. Bowes erinnert mit seiner Gewandung an den Zauberer ›Mediv‹ aus der Spielereihe ›Warcraft‹. Nur mit der schwarzen Sonnenbrille fällt er aus seiner Rolle. Der Sänger, Thomas ›Angus McFife XIII‹ Winkler, kommt in einer metallisch strahlenden Hose daher und trägt einen grünen Lederharnisch mit wallendem Umhang. Der Typ ist stimmlich eine Wucht. Vier Oktaven umfasst diese und damit knallt er nun alles an die Wand.

Inmitten der Lieder kommt dann ein riesiger verzierter Hammer zum Einsatz, mit dem ein Goblin in die Flucht geschlagen wird. Ein schier nicht endender Strom an Crowdsurfern ist unterdessen Richtung Bühne unterwegs. Die Luftschwerter wedeln in der Luft. Die Einhörner zappeln und geraten dann völlig in Ekstase. Eine Gruppe, oder ist ein Einzelner? Ich kann das nicht ganz deuten. Jedenfalls wird einige Meter vor mir eine Badeinsel in Einhornform durch die Menge getragen. Das sieht natürlich der Verbund der kleineren Lufttiere. Alleine das gesehen zu haben, hat die Entscheidung gegen Eluveitie entschädigt.

Irgendwann wird das Publikum, zwischen zwei Liedern aufgefordert das Geräusch eines durch die Luft schwingenden Hammers zu imitieren. Gefolgt von, wenn damit ein Goblinschädel zerschmettert wird. Wie soll ich das nun beschreiben, dass ein Leser es sich vorstellen kann? Sagen wir, es klingt wie ein Furz. Erst ein luftiger, der im großen Knall endet. Als kleines Ekelbild dazu: Erst Luft, dann Land. Rektale Expolsion! Um mal das ›Scheiße‹-Quartet zurück ins Spiel zu bringen. – und dieses Geräusch machen hunderte Leute gleichzeitig. Eine Massendiarrhö. Ich lach mich unterdessen schief. Mega! Zu unser aller Entsetzen ist plötzlich der Strom weg. Der Veranstalter hat den Stecker gezogen. Hinter uns grollt der Donner. Es folgt eine kurze Durchsage über die Lautsprecher. Vorsorgeräumung des Geländes wegen aufziehendem Gewitter. Was ein Dreck!

So sitze ich eine knappe Viertelstunde später am Zelt und grummel dem gestohlenen Finale GloryHammers nach. Die Anderen kommen ebenfalls an und berichten von den Erlebnissen bei Eluveitie. Die sollen anfänglich nicht gemerkt haben, dass der Strom abgestellt wurde. So haben da neun Menschen auf der Bühne alles gegeben und es kam nichts mehr. Auch ein witziger Gedanke. Letztendlich vergeht dieses Mal mehr Zeit, ehe das Gelände für die Besucher wieder geöffnet wird. Es fällt sogar Regen.

Für die nächsten Gruppen bin ich nicht alleine unterwegs. Ich klinke mich bei Petra, ›Butch‹ und Björn ein. Die möchten sich ›Anthrax‹ anschauen. Davor kommt noch ›Bodycount‹ mit dem Rapper Ice-T. Letztgenannten Akt finde ich persönlich ganz schlecht. Es ist nichts in deren Musik, das mich mitreißt. Es ist einfach nur ein unmelodisches Geschrammel und Gebrülle. Was ich jedoch feiere, dass Mister Ice-T mit einem jungen Festivalbesucher quatscht und ihm schließlich ein T-Shirt schenkt. Erst bei der Übergabe bekommt er gesteckt, dass gedachter Junge ein Mädchen ist. Blöd gelaufen. Warum müssen die auch alle lange Haare haben?

Anthrax macht das Ganze dann schon besser, aber auch hier bin ich nicht vollends überzeugt. Ob ›Santiano‹ es auf der Parallelbühne rausgerissen hätte? Vielleicht. Ich bleibe aber bei der Gruppe. Nur um dann nach Anthrax doch wieder alleine zu sein. Zwei gehen sich etwas zu trinken holen, der Dritte sucht das Örtchen auf. In dieser Masse seine Leute wieder zu finden ist äußerst schwierig. So verfehlt man sich. Zwischendrin treffe ich Malte und Begleitung. Jemand aus der Nachbargemeinde. Wieder so ein ungeplantes Ding. Das funktioniert seltsamerweise immer.

Das Kribbeln in der Bauchgegend nimmt dann minütlich zu. ›Within Temptation‹ steht in den Startlöchern. Eine Gruppe aus den Niederlanden, die Gothic und Symphonic in ihrem Repertoire einfließen lassen. Die Bühnenshow sprengt für mich alles an diesem Wochenende bisher dagewesenen. Besser formuliert: An diesem Wochenende selbst erlebten. Im Hintergrund der Bühne ist eine riesige Leinwand, dessen gezeigte Bilder farblich mit der Lichtshow der Scheinwerfer abgestimmt ist. Mal ist alles in einem Orange erleuchtet. Dann wieder ein gigantisches Eisblau. Die Bilder gehen dabei ins 3-D. Es ist absolut gigantisch. Es knallt und explodiert die Pyrotechnik und die Feuersäulen schießen mit einem Fauchen in die Luft. Wahnsinn!

Und während ich im Anschluss denke, dass eine weitere Steigerung eigentlich nicht mehr möglich ist, werde ich eines besseren belehrt. Auftritt ›Demons & Wizards‹ (D&W)! Eine Gruppierung, die ein Nebenprojekt zweier viel größerer Bands zu sehen ist. Nämlich von ›Gefrorener Erde‹ und den ›Blinden Gardinen‹. Nein, Spaß! Den konnte ich mir nicht verkneifen. Richtig heißen die Bands ›Iced Earth‹ und ›Blind Guardian‹, zu deutsch ›Blinde Beschützer‹. Die Galionsfiguren und Gründer von D&W stellen hierbei Hansi Kürsch, Frontmann der Guardians und Jon Schaffer, Bass-Gitarrist von Iced Earth dar. Zwischen diesen beiden Männern ist eine so gigantische musikalische Harmonie, dass es eine Freude ist, ihnen auf der Bühne zuzusehen. Jedes Lied, jeder Ton, jede Silbe packt dich und reißt dich mit. Fernab in eine fantastische, fiktive Welt. Auch hier immer wieder eingestreut Pyro und Feuer. Und als wäre das alles noch nicht genug, fragt Hansi das Publikum irgendwann, ob sie ein gewisses Crossover haben möchten.

Ob auch Lieder aus dem Repertoire der Guardians und Iced Earth in den heutigen Abend einfließen sollen. Die Menge platzt regelrecht. Bei dem Lied Valhalla ist dann der absolute Ausnahmezustand erreicht. Ich weiß nicht, wie viele Leute hier jetzt und heute vor der Bühne stehen. Zwanzig-, dreißig- oder gar alle fünfundsiebzigtausend Besucher des diesjährigen Festivals? Sie alle singen dieses eine Lied. Kürsch, Schaffer und der Rest da oben macht eigentlich gar nichts mehr. Ein Meer aus Stimmen singt sie von der Bühne. Ein Gänsehautmoment, den man nicht jeden Tag erleben darf. Unglaublich gut. Es gibt zwar noch einen Nachschlag, aber wenn man an dieser Stelle das Ende ausgerufen hätte, hätte sich niemand beschweren können …

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