Probleme!

27.09.2019

Oh, die Beine. Die letzten zwei Tage merke ich heute Morgen deutlich in der Muskulatur. Zum Glück bin ich heute Abend am Ziel und kann zwei Tage pausieren. Bis dahin liegen noch etwas mehr als einhundert Kilometer zwischen mir und Dortmund. Also in die Pedale getreten. Doch zuerst: Frühstück.

Ich habe es im Vorwege geahnt, dass das idyllische, auf Wirtschaftswegen, Geradel so langsam den Haupt- und Bundesstraßen weichen wird. Noch dazu hat der Wind nicht gedreht. Anfänglich ist es nicht das Problem. Ich fahre merklich bergab. Aber in der Ebene muss ich wieder kräftig treten. Noch dazu macht mir mein Hosenboden langsam Probleme. Was heißt langsam? Eigentlich habe ich die letzten Tage schon meine Wehwehchen. Ich kann einfach nicht mehr auf dem Sattel sitzen. Ich hatte das bereits im Mai bei meiner Bayerntour. Aber damals habe ich es auf die Etappenlänge geschoben. Gestern habe ich ähnliches Denken in den Vordergrund gedrückt. Etwas scheint sich aber geändert zu haben. Was das ist? Meine Wahrnehmung, wie ich sitze!

Es ist wieder einmal der Moment, wo der Zufall Einzug hielt. Dazu ein Blick in die Vergangenheit. Ich durfte einem Gespräch beiwohnen, wo es um Fahrradsättel ging. Wo gefachsimpelt wurde, dass die Hüftknochen doch auf der Sitzfläche sein sollten und nicht nur das Muskelgewebe. Oder, dass man auf seinem Damm sitzt. In diese Richtung habe ich mir, um ehrlich zu sein, nie Gedanken gemacht. Sattel, darauf kann ich sitzen. Fertig. Auf zehn, zwanzig vielleicht vierzig Kilometer fällt das nicht auf. Aber darüber? Dann Schweiß und gereizte Haut. Mit dieser Erkenntnis wird jede Bodenwelle noch mehr zur Qual, als sie ohne dieses schon ist. Jeder Schlag, jedes aufbäumen, wenn die Räder sich aufschwingen und hinter der scharfen Erhebung im Asphalt wieder in die Talsohle sinken, es reißt mich fast in zwei Teile. Ich komme mir vor, als säße ich auf ›Spanischen Esel‹. Klar, ist das jetzt übertrieben, denn auf solche einem Ding möchte ich niemals sitzen. Ich kann mir aber im Ansatz vorstellen, wie sich die Menschen fühlten, die man auf solch ein Teil gesetzt hat. Was der spanische Esel ist? Ein Folterinstrument aus dem Mittelalter. Ein keilförmiges Konstrukt, auf das man die Angeklagten, Beschuldigten positioniert hat. Mit Gewichten an den Füßen mussten sie dort entsetzliche Qualen ertragen. Da kann ich doch froh sein, dass ich ›nur‹ einen Sattel habe, der für meinen Hintern scheinbar nicht gemacht ist.

In Drensteinfurt ist Schluss. Ich gebe auf. Jeder weitere Meter … ich will nicht mehr. Ich habe zwischendrin schon mein Badehandtuch rausgekramt und es zwischen Sattel und Hintern geschoben. Es erleichtert das Ganze etwas. Aber nur etwas. Im Stadtinneren erkundige ich mich nach einem Zweiradgeschäft. Einmal links. Einmal rechts. Die Rettung! Ich quäle mich von meinem Fahrrad und bewege mich mit staksigen Schritten auf den Eingang zu. Ich greife die Türklinge. Verschlossen. Hastig krame ich das Telefon heraus und blicke auf die Uhr. Da steht ein Herr vor mir. Die Tür ist offen. Die Mittagspause vorbei. Ich schildere mein Problem und siehe da: Zwei, drei Handgriffe später habe ich einen neuen Sattel. Einen breiteren. Und den Himmel auf Erden. Den habe ich auch. Ein Gelkissen. Man reiße eine Sektflasche auf! Einen edlen Whisky. Einen schönen Rum. Der Wahnsinn, wie sich der Reisekomfort binnen Minuten um Dimensionen verbessern kann. Mit neuem Mut und Euphorie geht es wieder auf die Straße. Hatte ich jemals Probleme beim Sitzen? – Ja! – Jetzt nicht mehr! Da ist sogar der Wind fast egal.

Noch dazu wechselt kurz vor Dortmund, also dreißig Kilometer davor, auch noch das Straßenbild. Ich darf auf Wirtschaftswegen fahren. Nicht mehr auf den Bundesstraßen durch die Städte. Nein. Ich radel zwischen ihnen umher, gleich einem Schiff, das Eisschollen ausweicht. Es ist herrlich. Selbst die Sonne schaut zwischen den wenigen Wolkenlücken ab und an hindurch. Erst radel ich bei Werne ein Stück an der Lippe entlang. Später darf ich an den Ufern des Datteln-Hamm-Kanals fahren. Im Gegensatz zum Main-Donau-Kanal passiert hier sogar etwas. Es ist das ein und andere Binnenschiff hier unterwegs. Hier ein Foto geschossen. Dort einmal kurz angehalten und in die Landschaft geschaut. Ich passiere die Autobahn. Ein weiteres Mal der krasse Kontrast zwischen Hektik und absoluter Ruhe. Ich schaue ein paar Augenblicke meinen Mitmenschen zu, wie sie von ›A‹ nach ›B‹ hetzen. Und wenn man sich das vor Augen führt: Das machen ›Wir‹ jeden Tag! Völlig verrückt.

Ich Dortmund selber fühle ich mich in manchen Situationen echt unsicher. Es mag daran liegen, dass ich plötzlich mitten auf einer Verkehrsinsel stehe und die Autos auf der Bundesstraße an mir vorbei rauschen. Mag auch sein, dass ich mich generell auf der Fahrbahn nie wirklich sicher fühle. Aber hier in der Stadt fährt alles auf der Fahrbahn, was zwei Räder hat. Also: Größtenteils. Manchmal gibt es auch Radspuren auf Gehweghöhe. Bevor ich aber in den Innenstadttrubel eintauche, fahre ich durch Parkanlagen in Richtung Stadtzentrum. Auch solch ein Augenblick, den ich so noch nie erleben durfte. Ich bin schon unzählige Male in Dortmund gewesen. Aber vergleiche ich das mit der Autofahrt. Dann ist das Ergebnis. A1 – B1 – B54 – Stadion Parkplatz. Nach dem Spiel das Gleiche anders herum. So, also mit dem Fahrrad, daran könnte ich mich gewöhnen. Nur jedes Mal sechs Tage radeln, um neunzig Minuten Fußball zu schauen, das beißt sich dann auch. Also wird das hier die Seltenheit, wenn nicht sogar ein einmaliges Erlebnis bleiben. Denn ich habe es geschafft. Ich bin mit Fahrrad und Gepäck in der ›Stobel-Allee‹. Vor mir das ›Westfalenstadion‹. zu meiner Herberge muss ich noch einmal acht Kilometer strampeln. Später. Jetzt wird erst einmal gefeiert. Im ›Strobels‹ direkt neben dem Tempel gönne ich mir eine Auszeit. Zuvor gehen Anrufe an Zuhause raus, dass ich da bin. Und an meine Pension. Ich würde schon in der Stadt sein, jedoch etwas später ankommen, da der Magen knurrt.

Fahrstrecke: 116,71 km
Höhenmeter: 335 m
Zeit: 8:51 h
D.-geschw.: 13,16 km/h

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s