Es gibt eine Orkanwarnung?

30.09.2019

Draußen ist es noch dunkel, als es mich aus dem Bett reißt. Skeptisch blicke ich zwischen den Vorhängen hindurch und kann nichts sehen. Ein paar Tropfen direkt an der Fensterscheibe, ja. Aber nicht mehr. Ist ja dunkel. Ich stelle die Fensterverriegelung auf kipp und lausche. Der Wind pustet wie die letzten Tage. Einen großen Unterschied kann ich nicht feststellen. Regenprasseln kann ich auch nicht hören. Habe ich vielleicht Glück? Ist das große Unheil vielleicht an mir vorbei gezogen? Steht es mir noch bevor? Ich weiß es nicht. Ich blicke auf die Uhr. Eine halbe Stunde könnte ich noch ins Bett zurück, ehe der Wecker klingeln würde. Dann kann ich auch gleich wach bleiben. So gewinne ich Zeit. Zeit, die ich früher auf der Straße sein kann.

Während ich nun also meine Sachen packe, wird es draußen immer heller. Immer wieder spicke ich durch das Fenster. Der Himmel ist grau, wie die letzten Tage. Regen fällt gegenwärtig nicht. Dennoch Regenkleidung anziehen? Wäre sicherlich klug. So trete ich schließlich in die Pedale. Gegen den Wind. Die Motivation bekommt in den ersten Metern gleich einen Dämpfer. Und noch immer ist die Sorge, ob es noch schlimmer wird. Am Vorabend hat es ein Telefonat mit der Heimat gegeben. Es würde für den Nordwesten der Republik eine Orkanwarnung geben. Wind aus Nordwest gepaart mit starkem Regen. Wohl ist mir irgendwie nicht. Ich »beiße« mit zähen Pedaltritten Meter um Meter meines Heimwegs ab. Dann biege ich einmal links ab, einmal rechts. Und dann …

Geschwindigkeiten jenseits der zwanzig Kilometer in der Stunde. Rückenwind! Ich raste aus. Der Wind drückt mir mit kräftigen Böen ins Kreuz. Ich fliege durch die Randbezirke von Dortmund. Hin und wieder fällt etwas Nieselregen. Das stört mich aber gerade gar nicht. Die Kilometerzahl am Tacho steigt zügig an, ebenso verringert sich die Entfernung zu meinem Ziel. Ich lasse mich sogar dazu hinreißen zu rechnen, wann ich ankommen könnte. Wenn ich das so durchhalten kann, sofern der Wind mitspielt, dann bin ich zur Kaffeezeit bei meiner nächsten Zwischenstation. Im Vergleich zu den Etappen der Hinreise, völlig verrückt.

Dann wird es alles viel idyllischer. Ich bin am Rhein-Herne-Kanal. Schotterpiste. Nicht der schönste Belag zum Fahren, da es einen doch gut durchschüttelt. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran. Was an diesem Kanal schön ist, es passiert etwas. Hier ist ein reger Schiffsverkehr. In unregelmäßigen Abständen schieben sich schwer beladene Binnenschiffe an mir vorbei. Hin und wieder grüßt man sich von Land- und Wasserseite aus, eher jeder wieder seiner Wege zieht. Mir fällt auf, dass hier viele mit ihren Hunden spazieren gehen. Hier im Nirgendwo. Häuser kann ich nicht sehen. Jedenfalls nicht in der Nähe.

Dann öffnen sich die Himmelsschleusen doch. Es ist ein leichter Regen, der es durch den Wind aber in sich hat. Zum Glück prasselt es von hinten kommend auf mich herab. Ich taste nach hinten, ob die Jacke nicht hochgerutscht ist und mir das Wasser in den Rücken läuft. Ich muss anhalten und die Hose hoch-, die Jacke hinunterziehen. Es ist im Lendenbereich alles schon klamm. Dazu gesellt sich ein immer stärker werdendes Hungergefühl. Frühstück wäre jetzt nicht schlecht. Ein beheizter Raum dazu wäre gigantisch! Zu meinem Glück wärt der Regen nicht lange und ich werde durch mein Navi vom Kanal weggeführt.

Ich bin in Lüdinghausen gelandet. Hier kommt doch eine Erinnerung in mir hoch. Hier hat man mich während meiner Lehrzeit damals hingeschickt, um ein Getriebe abzuholen. Es hatte damals etwas. Den ganzen Tag unterwegs sein. So ganz alleine. Gut, heute ist es nicht anders. Nur das Fahrzeug ist ein anderes. Ich folge einem schmalen Weg, der mich an der Ostenstever, einem Fluss, der hier fast parallel zum Kanal verläuft, entlangführt. Da entdecke ich einen Supermarkt. Daneben ein Fastfoodschuppen. In dessen Nachbarschaft ein Bäcker. Da brauche ich nicht lange überlegen. Ich setze mich bei Letztgenannten hin und gönne mir eine längere Auszeit. Just in diesem Moment geht draußen die Welt unter. Dicke Tropfen prasseln auf die Erde nieder. Soll mir egal sein.

Fast drei Stunden verbringe ich in Lüdinghausen, ehe ich mich dann doch weiter zwinge. Während meiner Pause ist die Welt noch ein zweites Mal untergegangen. Ich bin wirklich froh, dass ich diese beiden Wolkenbrücke nicht im Sattel erlebt habe. Es bricht jetzt sogar der Himmel auf. Als ich Münster erreiche, ist die Wolkendecke sogar aufgerissen. Hier lerne ich wieder etwas dazu. Münster hat unzählige Ampeln. Für Radfahrer! Das habe ich so auch noch nie gesehen. Noch verrückter für mich dann, dass sich alle daran halten. Die Kreuzung ist völlig leer, weil für einen Moment auch kein Auto fährt und kein Radler nutzt es aus und benimmt sich wie ein Rowdy. Völlig verrückt. Es kommt sogar zu ein, zwei Situationen, dass ich nicht weiß, welche Ampel jetzt für mich ist. So passieren mir leider Fahrfehler, die sich ohne großen Zwischenfall auflösen. Ich bin heilfroh, als ich dann endlich wieder an den Kanal geführt werde. Es ist zwar wieder Schotterpiste, aber egal. Kein Ampelsalat mehr. Keine Autos, keine Massen an Radlern. Nur ich und die künstliche Wasserstraße.

Bis Rieseneck passiert gar nichts. Ist spule die Kilometer nach und nach runter. Doch dann macht mein Weg zum ersten Mal einen richtigen Knick nach Westen. Der Wind trifft mich mit ganzer Kraft von vorne. Ein älterer Herr mit seinem elektronischen Schummelfahrrad überholt mich. Nach gut zwei Kilometern hat sich das Kämpfen aber auch schon wieder erledigt. Ich verlasse den Dortmund-Ems-Kanal und folge jetzt dem Mittelland-Kanal. Noch immer Schotterpiste und so nach gut fünfzig Kilometern auf diesem Geläuf fängt es an, mich zu nerven. Ich komme gut voran, das will ich nicht abstreiten, aber was wäre möglich gewesen, wenn ich Asphalt unter den Rädern gehabt hätte? Unterm Strich ist es aber schlicht Jammern auf hohem Niveau. Denn es ist gerade einmal später Nachmittag, als ich mein Zwischenziel in Recke erreiche. Im Gegensatz zu den Etappen der Hintour, bin ich heute drei Kilometer in der Stunde schneller gewesen. Rückenwind sei Dank. Schnell noch zuhause anrufen und bescheid gegeben, dass ich angekommen bin und dann wartet die heiße Dusche auf mich.

Fahrstrecke: 116,77 km
Höhenmeter: 207 m
Zeit: 7:13 h
D.-geschw.: 16,15 km/h

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