Nur noch ein Steinwurf weit entfernt.

01.06.2020

Ich habe es schon oft in meinen Erzählungen beschrieben. Es ist toll im Zelt aufzuwachen. Wie schnell sich der Körper auf instinktive Verhaltensmuster erinnert. Denn mit dem ersten Vogelgezwitscher blinzel ich ein erstes Mal an meine Zeltdecke. Fünf Uhr in der Früh. Ich könnte schon, aber nein. Dreh dich noch einmal um. Du hast alle Zeit der Welt. Heute wird es die kürzeste Etappe sein. Was sollst du schon zur Mittagszeit Zuhause sein? Es reicht auch, wenn du zur Kaffeezeit eintriffst.

Also schaue ich später noch einmal bei meinen Nachbarn vorbei, die nach und nach aus ihren Campern gekrabbelt kommen. Nach einem letzten Plausch und freundlicher Verabschiedung sitze ich am späten Vormittag wieder im Sattel. Der Wind ist über Nacht nicht weniger geworden und pustet mir kräftig entgegen. Nach knapp dreizehn Kilometern habe ich den Osteradweg hinter mir gelassen und sitze am Elbdeich. Hier gönne ich mir die letzte größere Pause dieser Runde. Die mitgenommenen Vorräte müssen weg. Irgendwie. Mir ist danach. Also drauf los geschlemmt. Die Brötchen sind mittlerweile hart geworden. Egal. Es knuspert und bröselt. Da kommt glatt die Erinnerung hoch, als wir noch Hühner hatten und meine Mutter vom ortsansässigen Bäcker die alten Brötchen geholt hat, die sie stets in Wasser einweichte, damit die gefiederten Mädels es leichter haben. Ich als kleiner Bub dann auf einem der staubtrockenen Dinger herum genagt habe. Ist ja nicht so, dass oben im Kühlschrank Brot und Brötchen lagen. Nein, es musste dieses harte, trockene Teil sein. Ach, damals …

Direkt am Elbdeich zu fahren verwerfe ich, als ich auf das weite Nichts blicke, das mich zu einem weiteren weiten Nichts führen würde. So bleibe ich auf der sich schlangengleich windenden Straße zwischen Balje und Krummendeich bis Freiburg. Nach einem kurzen Abschnitt durch das Dorf selber geht es Deich weiter bis Wischhafen. Die Brücke über die Wischhafener-Süderelbe ist schon wieder hochgezogen, sodass mir wiedereinmal die Weiterfahrt am Deich verwehrt wird. .So radel ich in den Ort hinein und suche nach der Beschilderung vom Elberadfahrweg. Der führt mich nun aber ganz vom Fluss weg. Über Neulandermoor gelange ich nach Dornbuschermoor und schließlich wieder nach Dornbusch. Ein Umweg, der aber so vom als Teil des Elberadwegs ausgeschildert ist. Das ist mir nun aber irgendwie zu doof. So verwerfe ich den Gedanken weiter auf eben dieser Route zu fahren und halte mich jetzt an der Hauptstraße. Knappe dreißig Kilometer kann ich das jetzt auch ertragen, bis ich wieder zuhause bin. Da werde ich von einer Radlerin überholt.

Ebenfalls mit Taschen bepackt braust sie an mir vorbei. Ein zwei Mal wiederholt sich das Spiel. Mal fahre ich vorbei, dann wieder sie. Bis doch einer den Mund aufmacht. So lerne ich ›Alex‹ kennen, die mit ihrem Drahtesel von Pinneberg nach Kiel, nach Glückstadt geradelt ist, um ihre Familie zu besuchen. Nun geht es auf dieser Elbseite zurück nach Cranz, wo die Fähre sie wieder auf Schleswigholsteinerseite bringen soll. Da sich unser Weg deckt, entschließen wir zusammen weiterzuziehen. Hinter Bützfleth kommt uns dann ihr Kumpel Axel entgegen, der von Neu Wulmstorf aus aufgebrochen ist. So sind wir dann zu dritt unterwegs.

An unserem Gewerbepark am Elbdeich trennen sich dann unsere Wege. Ich habe jetzt noch knapp zwei Kilometer vor mir. Ich kann die Dusche schon rufen hören. Auch muss ich mir die Birne kühlen, die ich mir am heutigen Tag gehörig verbrannt habe.Getreu dem Motte: Ein Sommer ohne Sonnenbrand ist kein richtiger Sommer. Ich wünsche den beiden für ihre Weiterreise alles Gute und rausche die Deichschräge hinunter. Einmal noch rechts und links und dann rumpel ich schon über das Kopfsteinpflaster unserer Auffahrt. Drei Etappen sind abgeradelt. Jetzt muss ich mich dem Ansturm eines überglücklichen Hundes geschlagen geben und dann baumelt die Seele die letzten Stunden dieses Pfingstwochenendes irgendwo in der Gegend herum.

Wenn ich abschließend jetzt etwas über den Este- und Osteradweg sagen wollen würde, würde ich meinen, dass mir der Esteradweg nicht so zugesagt hat, wie es der Osteradweg getan hat. Sicher hatte die Este auch ihre Momente, letztlich war es mir aber zu wenig. So als Tagestour sicherlich eine schöne Sache. Mit dem Zug zum Bahnhof nach Wintermoor und dann die knapp fünfundsechzig Kilometer bis nach Cranz zurück. Das geht locker an einem Tag.
Wobei auch der Osteradweg jetzt nicht die Mammutstrecke ist. Auch dieser Radweg ist mit der Bahn spitze zu erreichen. Beginnt er direkt am Bahnhof in Tostedt. Überall findet man auf der Strecke Unterkünfte, dass man die einhundertdreißig Kilometer in zwei Tagen ebenfalls locker schafft. Von Balje nach Cadenberge ist dann das Extrastück, das man fahren muss, um wieder einen Bahnhof zu haben. Aber all das bringt einen nicht um. Für Radreise-Einsteiger würde ich den Osteradweg als schöne Probierstrecke bezeichnen.

Nun reizt mich der Wümmeradweg, der in Wilsede beginnt. Nicht weit weg von Wintermoor oder Tostedt. Ein kleines Drei-Quellen-Eck, wenn man so will. Wann es losgeht? Eigentlich wollte ich dieses Wochenende. Ging durch äußere Umstände aber nicht. Demnächst vielleicht …

Fahrstrecke: 74,79 km
Höhenmeter: 101 m
Zeit: 4:41 h
D.-geschw.: 15,97 km/h

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