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Jetzt die Wümme!

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27.06.2020

Mit einer Verspätung von zwei Wochen kann ich an diesem Tag den Wümmeradweg angehen. Zuerst muss ich mich aber entscheiden, welche Route ich nehmen möchte. Nord? Süd? Ein bisschen von beidem? Das gefällt mir irgendwie am Besten. Wie das zustande kommt? Ich radel von Zuhause aus los. Knappe siebzig Kilometer sind zu bezwingen und ich habe den Pfad der Nordroute erreicht. Keine große Sache, also. Doch zuerst muss ich einmal wieder umdrehen. Ich habe mein Sattelkissen vergessen. Bestimmt hätte ich es auch ohne überlebt, aber wenn man Derartiges schon mal hat, dann ist es nicht verkehrt, dieses auch zu nutzen. Also den knappen Kilometer zurück, die Popo-Polsterung aufgespannt und alles noch einmal von vorne begonnen.

Nach Wesel in der Lüneburger Heide bin ich mittlerweile schon oft gefahren. Einmal sogar zu Fuß gegangen. Der Weg dahin ist also auf meiner Hirnrinde eingebrannt. Und doch möchte ich nicht immer die gleichen Straßen bis dorthin sehen. Also mache ich heute einmal etwas ganz Verrücktes. Ich radel über Ladekop nach Buxtehude. Als ob ich das noch nie so gemacht hätte, hust. In diesem Zusammenhang nur noch nicht. So erreiche ich Ladekop und mache kurz darauf auch schon Pause. Sebastian und seine Kumpels sind schwer auf seinem Hof am Rackern. Da setze ich mich doch kurz daneben und beobachte sie bei ihrem Treiben. Man möchte einen Grundwasserbrunnen anlegen. Meine Anwesenheit verleitet einige zur einen kurzen Tratschpause. Ich ein Alster in der Hand, der Nächste mit Kaffee zufriedengestellt. Ein netter Moment. Aber nicht allzu lange. Die wollen den Brunnen fertigbekommen und ich möchte heute mindestens bis Schneverdingen kommen. Ich also wieder in die Pedale getreten.

Hinter Buxtehude wächst meine »Kopfkarte«, so möchte ich es einmal formulieren, um ein weiteres Straßenstück an. Ich radel über Eilendorf und Immenbeck nach Ardestorf. Schon auf dem Weg zu letztgenannten Ort höre ich es vermehrt knallen. Sind Jäger unterwegs? Ende Juni? Während ich so über die Wirtschaftswege radel, suche ich auf dem Seitenstreifen nach Warn- und Hinweisschildern. Kann aber keine entdecken. Das Geknalle wird lauter. In Ardestorf klärt sich dann alles auf. Hier sind die Leute mit dem Schmücken ihrer Straßenzüge beschäftigt. Es ist Schützenfest. Naja, es wäre Schützenfest an diesem Wochenende gewesen. »Carola« hat jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Geschmückt wird dennoch. Aus Solidarität. Finde ich gut. Die Würdenträger bleiben ein weiteres Jahr im Amt. Einige einfache Schießwettbewerbe scheint es trotzdem zu geben. Warum hört man wohl sonst die Schüsse? Man erzählt mir, dass jede Straße zum Abend dann ihr eigenes kleines Fest feiert. Gruppenbeschränkung muss beachtet werden. Wie so vieles dieser Tage. Ich wünsche gutes Gelingen und ein paar nette Stunden in kleiner Runde und mache mich weiter. Vorbei an bunt geschmückten Häusern und Straßenzügen.

Hinter Elstorf und Schwiederstorf gelange ich dann auf den Heide-Leine-Radweg, der mich nach Buchholz bringen soll. Zum ersten Mal habe ich nun richtig, echten Wald um mich herum. Den Geruch von Harz und Laub in der Nase. Das Gezwitscher der Vögel in den Ohren. Das Gesurre und Gesumse der Insekten. Und … Ich fahre gerade mit höherer Geschwindigkeit ein Gefälle hinunter, als mir etwas ins Auge springt. Metaphorisch. Ich packe die Bremse, schlinger im letzten Moment um das Hindernis drum herum. Als ich stehen bleibe, blicke ich zurück. Eine Schlange. Wie cool! Ich krame meine Kamera heraus und steige ab. Eile die wenigen Meter zurück. Diese Maserung. Das habe ich vor ein paar Tagen schon einmal auf einem Foto gesehen. Das ist keine Schlange. Das ist eine Eidechse. Eine Blindschleiche. Die Erste, die ich in meinem Leben sehen darf. Leider lebt das Tier nicht mehr. Jemand vor mir ist drüber hinweggefahren. Was ein Mist! Eine tote Eidechse ablichten ist doof. So steige ich enttäuscht wieder auf mein Fahrrad.

Nach einer kurzen Pause in Buchholz, wo man mir völlig unverhofft ein Kaltgetränk spendiert, herzlichen Dank dafür, geht es weiter Richtung Seppensen. Von dort über Thelstorf nach Holm. Nun bin ich also auf der Nordroute des Wümme-Radwegs. Bis Wilsede muss ich nun, denn dort treffen Nord- und Südpfad aufeinander. Doch zuerst: Pause. Bank, Tisch, Mülleimer. Die beste Kombination, die man unterwegs antreffen kann. So breite ich mich aus und lasse es mir schmecken. Pfirsiche, Müsliriegel, Salami und Kakau. Eine wilde Zusammenstellung, das gebe ich zu. Die Quittung folgt prompt. Mit einem Blähbauch schwinge ich mich wieder in den Sattel. Ich hätte weniger und langsamer machen sollen.

Ab Undeloh wird es dann die Wegbeschaffenheit schwieriger. Sand. Viel Sand ist jetzt unter meinen Reifen. Ich werde nie warm werden mit den Wegen der Lüneburger Heide. Wenn ich an diesem Tag diese Sandpisten bezwungen habe, werde ich auch erst einmal genug davon haben. Wiederkehren werde ich aber sicher. Es ist immer wieder eine schöne Kulisse. Die sanften Hügel. Die Vegetation.

Ich muss nun aber etwas in die Puschen kommen. Der Wind schiebt langsam aber sicher eine dicke Wolkenwand auf mich zu. In der Ferne kann ich es grollen hören. Ich muss es nach Niederhaverbeck schaffen. Dort ist ein Wirtshaus. Wenn alles glattgeht, kann ich dort das Unwetter aussitzen. Ich schaffe es nicht. Es geht so schnell, dass ich es nicht einmal schaffe die Regenklamotten aus der Tasche zu kramen. Als wenn jemand einfach einen Eimer über einen entleert. So schnell wie es alles herunter kam, so schnell ist der ganze Spuk auch wieder vorbei. Sofort ist die Sonne wieder da. Die Wärme ebenso. Es dauert nicht lange und die Kleidung ist höchstens noch etwas feucht.

Nach gut sechzehn Kilometern Sandpiste ist es dann geschafft. Asphalt. Das soll sich heute auch nicht mehr ändern. In Schneverdingen halte ich dann an einem Wirtshaus an. Das Bauchgefühl verlangt nach einer Kleinigkeit. Zum ersten Mal mache ich nun auch Bekanntschaft mit dem ganzen Prozedere, das Carola für die Gastronomie mit sich gebracht hat. Einen weiteren Kommentar verkneife ich mir an der Stelle, es würde zu weit vom Thema abweichen. Und egal welche Haltung man in solch einer Thematik zu haben scheint, habe ich den Eindruck, dass man immer verliert. Egal, auf welcher Seite man ist. Selbst wenn man versucht zwischen den Stühlen zu stehen.

Satt und zufrieden mache ich mich dann noch einmal auf. Einige Kilometer sollen es noch sein. Es ist noch viel zu früh. Ich bin gut vorangekommen. Jedoch ist hinter Fintel Schluss. Ich entdecke eine abgemähte Futterwiese, die weiter hinten einen Rechtsknick macht. Dort in der Ecke wäre ich gut vor neugiereigen Augen geschützt. So zelte ich zum ersten Mal so richtig wild und nicht nur siebeneinhalb Kilometer von zu Hause entfernt. Die Nacht selber hält dann eine weitere Überraschung für mich bereit. In der Nähe ist eine Auto-Disco, wo die umliegende Landjugend mit Papas Traktor hingefahren ist. Wenn sie wenigstens im Takt zur Musik mit ihren Lufthörnern hupen könnten. Aber das ist zuviel verlangt …

Fahrstrecke: 93,33 km
Höhenmeter: 518 m
Zeit: 6:33 h
D.-geschw.: 14,23 km/h

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