Verrückt! Mir geht der Weg aus …

28.06.2020

Der schönste Wecker, den man sich vorstellen kann. Das Gezwitscher der Vögel, die den neuen Tag begrüßen. Ich blinzel in den leeren Raum. Wie spät mag es sein? Fünf? Nein, da drehe ich mich noch einmal um. Man soll zwar früh von seinem Fleckchen verschwinden, wenn man wild campiert, aber die Leute in der näheren Umgebung sind bestimmt noch geschafft von ihrer Autodisco. So früh wird noch niemand auf den Beinen sein. Vielleicht ein paar letzte Schlachtenbummler, die den Weg zu ihrem Bett suchen. Die werden wohl nicht wirklich das Auge für ein grünes Zelt im Grünen haben. So wühle ich mich zwei Stunden später erst aus meinem Schlafsack. Und noch einmal eine Stunde später bin ich wieder auf der Straße.

Bis Scheeßel fahre ich fast ausschließlich Wirtschaftswege. Viel passiert eigentlich nicht. Autos sind nicht wirklich präsent auf den Straßen. Es ist einfach noch zu früh. Von der Wümme als Fluss sehe ich aber auch nichts. In Lauenbrück verfalle ich dem Trugschluss, dass ich sie quere. Es soll sich später herausstellen, dass es die »Fintau« war.

Scheeßel habe ich mir als den Punkt herausgesucht, wo ich von der Süd- auf die Nord-Route wechsel. Hier liegen die beiden Wege das erste Mal so dicht zusammen. Eine Beschilderung hierfür fehlt aber. So muss ich den Fluss erst einmal suchen. Ich wusste gar nicht, dass Scheeßel so groß ist. Letztendlich finde ich die Wümme und kurz darauf auch die Nordroute. Bis Rotenburg passiert dann recht wenig. Wirtschaftswege, die sich in ihrer Beschaffenheit hin und wieder ändern. Eine ältere Dame kommt mir entgegen und motzt über den Kopfsteinabschnitt. Der Seitenstreifen ist versandet. Da bleibt nur sich durchschütteln zu lassen. Nicht schön, es sind aber auch nur wenige hundert Meter. Während ich nun weiter nach Rotenburg radel, fällt mir auf, dass ich nun also das erste Mal die Wümme gesehen habe. Weil ich die Süd- für die Nordroute getauscht habe. Sonst hätte ich noch kein Wasser gesehen. Bis Rotenburg bleibt das auch so. Vom Fluss weit und breit nichts zu sehen. Hinter der Stadt wieder das gleiche Bild. Kein Fluss. Wirtschaftswege, ein kurzer Waldabschnitt. Landschaftlich wirklich schön. Es fehlt nur das Fließgewässer, dessen Name dieser Radweg hat.

Bei Reeßum verliere ich dann den Faden. Die Beschilderung ist zwar irgendwie vorhanden, zeigt aber in eine falsche Richtung. So muss ich mich bei den Einheimischen durchfragen. Dumm nur, dass sie den Wümme-Radweg nicht kennen. So fahre ich einfach auf Andeuten Richtung Fluss. Irgendwo wird sicher die Beschilderung wieder richtig sein. Hätte ich mich bei Reeßum nicht verfahren, hätte ich heute wohl nur Wirtschaftswege gesehen.

Bei Lilienthal ist es dann endlich so weit. Die Wümme. Ich fahre am Wümmedeich! Ist ja verrückt. Über einhundert Kilometer bin ich den Radweg gefolgt und habe neunundneunzig Prozent des Weges nichts vom Wasser gesehn. Jetzt auf den letzten fünfzehn, zwanzig Kilometern ist der Augenblick endlich gekommen. Das verlangt nach einer kleinen Feier. Also ein Wirtshaus gesucht, Zettel ausgefüllt und beim Blick auf Wümme die Seele baumeln gelassen.

Bis Bremen Vegesack fahre ich dann nicht mehr. Ich habe keine Lust auf Stadtgebiet. Stattdessen bringt mich diese Entscheidung etwas in die Bedrängnis. Es ist gerade einmal die Kaffeezeit vorbei. Richtung Heimat möchte ich aber noch viel weniger. So beginne ich wild kreuz und quer zuradeln. So lande ich in der Hammeniederung. Die Hamme ein Zufluss der Wümme, die wenn sich diese Gewässer treffen als Lesum weiterfließen. Hier sprüht die Begeisterung aus mir heraus. Was eine gigantische Kulisse. Endlich sehe ich mal mehr Wasser als Wirtschaftsweg. Die Nebenarme, die mit großen Teichrosen bedeckt sind, die nur zur Mitte hin eine Schneise für Kanufahrer lassen. Fischreiher, Greifvögel. Eine Heerschar an Fröschen. Es entschädigt fast, dass ich die achtzig Kilometer zuvor wenig bis nichts von der Wümme gesehen habe.

Da taucht zu meiner Rechten eine Baumgruppe auf. Ein Trampelpfad führt von meiner Route dorthin. Ich kann Campingwagen sehen. Ob das ein offizieller Campingplatz ist, möchte ich wissen. Man nickt. Leider habe ich heute über meine Verhältnisse gelebt, oder besser ich habe von vornherein zu wenig Geld mitgenommen. Eine Nacht an diesem idyllischen Ort kann ich mir nicht mehr leisten. Es fehlen vier Europas. Ärgerlich. Es ist wirklich schön hier. Also mache ich mich auf die Suche nach einer abgelegeneren, abgemähten Futterwiese. Etwas mehr als zwanzig Kilometer später werde ich dann fündig. Es dauert noch gute drei Stunden, bis die Sonne untergeht. An diesem Örtchen mache ich mir jedoch keine Gedanken, dass ich entdeckt werden könnte. Und durch mein planloses Geradel an der Hamme entlang habe ich Morgen noch genügend Weg vor mir, dass ich nicht schon mittags zuhause bin.

Fahrstrecke: 114,57 km
Höhenmeter: 170 m
Zeit: 7:33 h
D.-geschw.: 15,15 km/h

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