Nie mit Fremden mitgehen. – Ich habe es vergeigt!

16.07.2020

An diesem Tag lasse ich mir bewusst etwas Zeit. Walter hat mich am Vorabend gefragt, wann ich denn aufstehe. Meine erste Antwort war sechs Uhr in der Früh. Michel soll mir Frühstück herrichten, weil er und Frauke zu der Zeit schon auf Arbeit sind. Aber da protestiere ich. Der Junge hat Ferien. Vor neun Uhr soll also nichts passieren. Kommt mir auch ganz gut gelegen. Etwas länger schlafen. Lotte freut es auch. Glaube ich. Bestimmt.

Nun sitze ich zu abgesprochener Zeit auf der Terrasse und der Junge fährt auf. Wurst, Käse, Marmelade. Ich soll mir nehmen, was ich mag. Ich habe nur eines im Blick. Das habe ich bestimmt über zehn Jahre nicht gegessen. Toastbrot mit Zuckerrübensirup. Absolutes Synapsenfasching geht in meinem Kopf los. Eine Schande, dass ich es so lange nicht gegessen habe. Ich fühle mich glatt in meine Kindheit zurück geworfen. Wer den Disneyfilm »Ratatouille« kennt, weiß, von welcher Szene ich spreche. Unglaublich gut. Es ist das Einzige, was ich an diesem Morgen esse. Mit so wenig zufrieden gestellt. Besser geht für Michel, glaube ich nicht. Nachdem ich dann meine frisch gewaschene Wäsche verstaut habe, bekomme ich auch noch ein kleines Kerpaket, welches Frauke mir bereitet hat, in die Hand gedrückt. Neben Süßkram für mich auch einige Kauknochen für Lotte. Eine fast schon unbegreifliche Fürsorge für einen Typen mit seinem Hund, den man erst wenige Stunden zuvor kennen gelernt hat. Würde ich mit meinen Armen anzeigen wollen, wie dankbar ich bin, ich könnte die Arme nicht weit genug auseinander bekommen.

Dann kommt der Moment des Abschieds. Ich trotte langsam Richtung Straße und verabschiede mich bei Michel und seiner Schwester Ronja, die sich im Laufe des Vormittags zu uns gesellt hat. Für mich geht es jetzt weiter Richtung Hannover. Es wäre schön, wenn ich heute auf knappe fünfzehn Kilometer an mein Ziel herankommen würde. Dann kann ich es Morgen etwas ruhiger angehen lassen. Doch zuvor muss ich die Leine-Aller-Schleuse bei Hademstorf passieren. Das ist nicht ganz einfach, weil der Übergang echt schmal ausfällt. Aber etwas hin und her geruckelt, dann habe ich es geschafft. Lotte schicke ich in die Leine. Den letzten Muff loswerden.

In Schwarmstedt mache ich eine etwas größere Pause an einer Bushaltestelle. Da hält ein großer Wagen und eine ältere Dame steigt aus. Die drückt mir einen Obolus für meine Reise in die Hand. Für den Hund sind ihre Worte. So schnell, wie sie aufgetaucht ist, ist sie wieder verschwunden. Verdattert blicke ich dem Wagen hinterher. Das soll einer begreifen.

Zum Ortsausgang hin hält dann ein weiteres Fahrzeug neben mir. Ein Schaustellerpärchen ist auf meinen Wagen aufmerksam geworden und möchte mehr erfahren. Bereitwillig gebe ich Auskunft. Wo ich schlafen möchte? Ich weiß es noch nicht. Ich müsste nach Möglichkeit aber auch noch fünfzehn Kilometer reißen. Damit würde sich die derzeitige Entfernung zu Hannover Garbsen in etwa halbieren. Das möchte ich auf jeden Fall noch schaffen. So trennt man sich wieder.

In Vesbeck setze ich mich mit Lotte in eine Bushaltestelle und verschnaufe einen Moment. Vom gegenüberliegenden Grundstück werden wir beobachtet. Da kommen zwei Damen mit einem Welpen herüber. Was ich hier mache? Ob ich nicht etwas über meine Reise erzählen möchte? Ob ich ein Getränk zu mir nehmen möchte? Ich lasse mich doch glatt mitschnacken. Wenige Augenblicke später sitze ich mit der ganzen Familie im Garten und habe, neben einem Bier, Teller und Besteck vor mir stehen. Ich sei zur rechten Zeit gekommen und müsse jetzt mitessen. Es gibt Nudeln mit Fleischeinlage. Bevor ich mich schlagen lasse, nehme ich die Einladung an. Lotte hat unterdessen mit »Apollo« so ihre Probleme. Der Welpe ist ein echter Rabauke und kennt seine Grenzen noch nicht. Doch zur Sozialisierung ist mein Hund viel zu passiv. Sie geigt ihm zwar ein, zwei Mal ihre Meinung. Bei dem, was er mit ihr treibt, ist es zu wenig. Meine ist zu lieb. Es kommt mir fast so vor, dass sie froh ist, als wir weiterziehen.

Nach einem Orientierungsfehler und einem kleinen Umweg über Helstorf lande ich schlussendlich in Abbensen. Hier scheitere ich anfänglich im Dorfgemeinschaftshaus bei der Suche nach einer Schlafstätte. Die dort übenden Mitglieder einer Blaskapelle machen mir zwar einige Vorschläge. Zufrieden stellen tun sie mich aber nicht wirklich. Weil ich meinen Weg zurücklaufen müsste. Das missfällt mir. Wenige hundert Meter vom Dorfgemeinschaftshaus entfernt werde ich dann aber fündig. Aus einer Garage heraus höre ich Stimmen. So lerne ich Noemia, Peter und ihren Sohn Chris kennen. Es bedarf nur weniger Worte und ich habe meinen Zeltplatz im Garten sicher. Bei Bier und angeregter Unterhaltung endet der Tag für mich. Ich habe es fast auf meine gewünschte Entfernung zu Hannover Garbsen gebracht. Siebzehn Kilometer müsste ich nach Navi noch zurücklegen. Das soll aber erst Morgen der Fall sein.

Laufstrecke: 25,40 km
Höhenmeter: 20 m
Zeit: 4:53 h
D.-geschw.: 5,19 km/h
Schritte: 32331

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