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Regenflucht

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14.07.2020

Als ich am Morgen aus meinem Zelt stapfe, werde ich schon neugierig beobachtet. Das Gerätehaus steht direkt neben einem Schulkomplex. Das Lehrerzimmer direkt in Sichtweite zu meiner Schlafstätte. Mit Kaffeebechern in der Hand stehen die Damen am Fenster und gucken. Nachdem ich mich vorgestellt und die Umstände erklärt habe, ist alles ein Selbstläufer. Klo ist in der Turnhalle. Wasser bekomme ich als Wegration abgefüllt. Da kommt der Hausmeister um die Ecke. Was ich hier denn veranstalte? Eine Durchreiseübernachtung tätigen. Ich sei in der nächsten Stunde verschwunden. Dann fängt der an von Kabel im Boden zu reden. Kabel? Der Mähroboter. Ich steh mitten auf der Grünfläche! Mitten drauf! Und wenn ich mir die akkuraten Spuren auf der Wiese anschaue, dann fährt hier alles, nur kein Roboter. Der würde »wilde Sau« kreuz und quer fahren, bis er alles abgedeckt hat. Aber Bahn für Bahn? Das war ein Mähtraktor. Bedient von einem Menschen. Wie dem auch sei. Ich versichere, dass in der nächsten Stunde verschwunden sei.

Nachdem ich mich noch vor das Gerätehaus gesetzt und gefrühstückt habe, beginne ich langsam alles zusammenzupacken. Da beginnt die Pause. Eine Gruppe Kinder versammelt sich um mein Zelt. Ein Schwall an Fragen bricht über mich herein. Ob ich heute Abend wieder hier zelten würde, verneine ich. Dann würde ich ja mein Ziel verfehlen. Einmal durch Deutschland zu wandern. Wie weit ich am Tag gehen würde, fragt eine Lehrkraft. Zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Kilometer. Dann geht es los. Die Kiddies beginnen von ihren eigenen Wanderungen und Radtouren zu berichten. Es ist wirklich witzig, aber nicht ganz einfach auf zehn Kindergeschichten zeitgleich zu reagieren. Dann wird zum Pausenende gerufen. Gerufen. Es gibt keine Pausenklingel. Man fühlt sich fast einige Jahrzehnte in der Zeit versetzt. Ich nutze die wiedergewonnene Ruhe meine letzten Dinge zu packen und mache mich auf.

Am Bahnhof Brockel verlasse ich die Hauptstraßen für eine längere Zeit. Ich lande auf dem Radfernweg »Hohe Heide«. Ein einem Wort? GEIL! Der Weg hat alles, was ein Wander- oder Radlerherz verlangt. Er ist nur so breit, wie der Fahrradweg an der Straße. Asphalt so glatt wie ein Kinderpo. Ein Spalier aus Laubbäumen und dahinter weite Felder. Getreide, Mais oder Futterweisen. Auf der Brücke über der »Wiedau« begegne ich einem älteren Herren und dessen Enkel, die »Boote« treiben lassen. Eigentlich wirft der Knirps nur Stöckchen ins Wasser. Aber in seiner Welt sind es Boote. Kinderfantasie. Herrlich. Nach kurzem Gespräch werde ich gefragt, ob ich alles hätte. Genug Geld? Essen? Ich bestätige, dass es mir an nichts fehlt. Bekomme aber einen Obolus für meine Reisekasse. Völlig verrückt! Artig, wie es sich gehört, bedanke ich mich und ziehe weiter. Lotte hat unterdessen ein Bad genommen. Damit der Muff aus ihrem Fell endlich verschindet. Nun läuft sie freudig voran und hinterlässt nasse Spuren auf dem Asphalt.

Auf den nächsten Kilometern geschieht dann nicht sonderlich viel. Die Seele baumelt in der Natur umher. Die Zugdeichsel von meinem Wagen quietscht und knarzt im gleichmäßigen Rhythmus zu meinen Schritten. Die Vöglein singen und bläulich schimmernde Laufkäfer queren meinen Pfad. Auch sind reichlich Feuerwanzen unterwegs. Der ein oder andere Schmetterling kommt angeflattert. Schwebfliegen inspizieren das gelbe Verdeck von Lottes Pausenbox. Und ab und an kommt eine dicke Hummel vorbei gebrummt. Grashüpfer springen bei Lotte auf, »fahren« einige Meter mit und hüpfen weiter. Der bis hier her schönste Abschnitt.

Was mir in diesem Bereich besonders gefällt sind die vielen liebevoll gestalteten Pausenhüttchen. Die bei Bretel hat es mir besonders angetan. So nutze ich einen längeren Moment und gönne mir und Lotte eine Pause. Ein alter Schlagbaum steht unweit von mir entfernt. Wie ich da so sitze und meine nähere Umgebung beäuge, fällt mir auf, dass ich an einem alten Bahnhof sitze. Das Bahnhofgebäude steht zwar längst nicht mehr. Aber es lässt sich noch erahnen. Deswegen auch der Schlagbaum. Der letzte Zeitzeuge. Als ich dann so die Ausrichtung zu meinem Weg betrachte, wird es klar. Dieser Abschnitt des Radwegs ist der alte Bahndamm. Er führt bis nach Wittorf.

Der Weg Richtung Nindorf ist dann der erste Abschnitt, wo ich keinen Radweg an der Fahrbahn habe. Ich überlege einen Moment, ob ich Lotte in die Box packe. Die läuft aber so gigantisch gut an der rechten Seite beziehungsweise im Seitenstreifen, dass ich mir keine größeren Gedanken mache. So stark ist die Straße auch nicht befahren. Die Autos, die vorbei kommen, geben uns genügend Platz.

Ab Kettenburg Richtung Walsrode habe ich dann wieder einen Fahrradweg. Leider zieht der Himmel immer weiter zu und erste Tropfen fallen. Ich habe ein weiteres Mal in einem Häuschen eine Pause eingelegt und beobachte den Verlauf. Es nützt nichts. Die Regenklamotten müssen her. Bis Ebbingen stapfe ich weiter. Dann wird der Niesel kräftiger. Die Tröpfchen größer. Beim letzten Haus auf der rechten Seite, einem alten Bauernhof, biege ich ein. Ein alter Herr macht die Tür auf. Ob ich hier in der Scheune schlafen kann? Er könne das nicht beantworten. Dazu müsste ich an der Rückseite klingeln. Nach kurzer Erklärung meiner Reise erhalte ich schließlich an der Gebäuderückseite das »Okay«. Man ermöglicht mir das Aussitzen des Regengusses in der Scheune. Man möchte aus Vorsichtsgründen zwar meine persönlichen Daten, damit kann ich aber leben. So baue ich mein Lager zwischen Werkbänken und Gartengerätschaften auf. Auf dem alten Wellblechdach prasseln unterdessen die Tropfen. Das ist jetzt egal. Ich bin verhältnismäßig trocken geblieben. Morgen sieht die Welt sicher wieder ganz anders aus.

Laufstrecke: 23,06 km
Höhenmeter: 57 m
Zeit: 4:26 h
D.-geschw.: 5,19 km/h
Schritte: 29188

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