Zelten im Naturschutzgebiet?

19.07.2020

Den gestrigen Tag haben Lotte und ich wirklich gebraucht. Sie pendelte nur von der Terrasse auf die Rasenfläche und zurück. Hat zwischendrin die Füllung aus ihrem Plüschtier herausgerupft, aber ansonsten nichts weiter getan, als geschlafen. Björn und seine Frau Ira haben uns einen tollen Ruhetag beschert. Es fällt wirklich schwer, wieder auf die Straße zu gehen. Ich hätte noch einen weiteren Tag faul sein können. Dann würde ich aber wohl meinen zeitlichen Rahmen sprengen. Also den inneren Schweinehund K.O. geschlagen und alles wieder zusammengepackt. Björn hat mir sogar seine Sportbandage für das rechte Fußgelenk geliehen. Mal schauen, wie es sich in den nächsten Stunden und Tagen entwickelt. So rumpel ich davon.

Einmal rechts, dann einige Male links und schwupps bin ich auf dem Leine-Radweg. Dieser Radfernweg soll bis hinter Göttingen meine Route sein. Er birgt einige Extrakilometer in sich. Das nehme ich aber in Kauf. Es bedeutet, dass ich über keine Berge rüber muss. Bis ich so weit bin, dauert es aber noch. Erst einmal muss ich durch Hannover hindurch. Und ich muss sagen, dass ich es mir schlimmer, aber auch harmloser vorgestellt habe. Warum weiß ich selber nicht. Vom Autoverkehr bekomme ich nichts mit. Stattdessen sind unglaublich viele Menschen am Leineufer unterwegs. Logisch. Es ist Sonntag. Nachmittags. Die Sonne steht hoch am Himmel und die Temperaturen sind großartig. Wer da in seinen vier Wänden hockt, ist schlicht nicht mehr zu helfen. Und dennoch wären ein paar weniger Menschen schöner gewesen. Und dann noch dieser ganze Müll. Die Abfallbehältnisse quellen vielerorts über. Wurde der Unrat in Häufchen daneben getürmt. Das ist Großstadt, denke ich. Nicht meine Welt.

Zwischendrin helfe ich noch einem jüngeren Herren mit Werk- und Flickzeug aus. Ohne diese Hilfe hätte er erst sein Fahrrad nach Hause schieben, und mit dem Auto seinen Freunden hinterher fahren müssen. Das konnte verhindert werden. Mit einem kleinen Obolus als Dank trennen sich unsere Wege schließlich.

Mit der Zeit geht mir Hannover auf den Keks. Ich sehne mich nach den Kilometern danach. Müsste ich nicht langsam wieder Richtung Randgebiete gelangen? Ich schaue mich um. Da entdecke ich die großen Rundbögen der Dachkonstruktion vom Niedersachsenstadion. Ich weiß, dass es jetzt anders heißt. Sponsoren bedingt. Für mich ist es aber weiterhin das Niedersachsenstadion. Ähnlich wie das Frankenstadion in Nürnberg oder aber das Westfalenstadion in Dortmund. Diese Namen machen einfach mehr her als irgendeine Firmennamenarena.

In der Nähe des Maschsees lerne ich eine jüngere Dame kennen, dessen Namen ich noch nie vernommen habe. Thora. Sie sei Lehrerin und unterrichte Physik. In ihrer Freizeit arbeitet sie nebenberuflich bei einem Kanuverleih. So sitze ich auf einem Baumstumpf und erzähle etwas von meinen bisherigen Erlebnissen. Sie hätte sogar eine Schlafstätte für mich. Die aber in der Richtung liegt, aus der ich gekommen bin. So ziehe ich mit Lotte nach einer längeren Pause weiter Richtung See. Hier nimmt die Menschendichte noch einmal gewaltig zu. Es gibt noch einige Dialoge mit Fußgängern, ehe ich schlussendlich etwas mehr Einsamkeit erfahren darf.

Ich entdecke noch einen kleinen Schaustellerpark, wo Bratwurst, Pommes und Getränke angeboten werden. Diese Jungs und Mädels haben es in dieser Zeit echt nicht leicht. So entscheide ich mich für eine weitere Pause und gönne mir eine Currywurst. Als die salzigen Kartoffelstangen meine Zunge berühren, geht in mir voll der Puck ab. Es scheint so, als ob der Körper das Salz benötigen würde. Ich merke richtig, wie es noch mal bergauf mit mir geht. So gestärkt setze ich meinen Weg fort.

Wie weit möchte ich heute eigentlich noch laufen? Ein Schlafplatz wäre nicht schlecht. Ich versuche Radler zu fragen. Die lächeln aber nur verlegen und düsen weiter. Was für Gipsköpfe! Wieder braust ein Radler vorbei. Erst ein Jogger, der nicht schnell genug wegkommt, sieht sich genötigt mir zu antworten. Er kenne sich hier aber nicht sonderlich gut aus, da er hier nur zum Laufen herkommt. Was eine tolle Antwort. Ich entdecke eine Tafel an Wegesrand. Ich bin in den Leineauen gelandet. Eine landschaftlich ganz tolle Gegend. Leider auch ein Naturschutzgebiet. In solchen Gebieten ist Zelten verboten. Wenn man es dennoch macht und erwischt wird, kann das ziemlich teuer werden. Das möchte ich vermeiden. So laufe und laufe ich. Die Sonne steht schon sehr tief. Ich muss echt etwas finden. Da zieht ein Beobachtungsturm meine Aufmerksamkeit auf sich. Das wäre ja mal eine urige Schlafstätte. Ich eile die Stufen zur Plattform hinauf. Genügend Platz wäre hier. Doch kaum stehe ich still an der Stelle, werde ich von allen Seiten her angeflogen und angezapft. Heerscharen an Mücken machen sich über mich her. Ich könnte mich zwar mit »Mücke weg« einsprühen. Aber so richtig motivieren mich die Umstände nicht. So ziehe ich weiter.

In Grasdorf versuche ich bei Anwohnern einen Schlafplatz im Garten zu ergattern. Die reagieren aber mehr als kühl und verschnupft. Ich bin immer noch im erweiterten Stadtgebiet. Die Menschen sind hier vorsichtig. So denke ich jedenfalls. Es nützt dennoch nichts. Ich brauche einen grünen Fleck, wo mein Zelt heute Nacht stehen kann. So gehe ich zurück Richtung Naturschutzgebiet. Da fällt mir eine Besonderheit auf. Einige hundert Meter vor mir ist das Hinweisschild zu eben dieser Zone und an der Straße rechts von mir. Links, wo eine abgemähte Pferdekoppel ist, da steht nichts. In Windeseile ist mein Wagen zerlegt und das Zelt aufgebaut. Die Schuhe aus, und ohne die Bandage das Gelenk betrachtet. Es schaut so weit gut aus. Es schmerzt nicht mehr ganz so sehr. Mit dem letzten Licht dieses Tages krieche ich in meinen Schlafsack. Die erste Nacht so richtig wild gecampt. Dass das irgendwann kommen würde, war klar.

Laufstrecke: 23,47 km
Höhenmeter: 30 m
Zeit: 4:08 h
D.-geschw.: 5,66 km/h
Schritte: 29359

2 Gedanken zu “Zelten im Naturschutzgebiet?

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