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Lauf Mütze, lauf Mütze, lauf, lauf, lauf

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20.07.2020

Diese Nacht war irgendwie komisch. Ich hatte versehendlich einen dieser Junikäfer unter meinem Zelt »eingebaut«. Und ich weiß nicht, wie ich darauf kam, aber irgendwie hat sich in meinem Kopf manifestiert, dass dort ein Spaßobjekt für die Damenwelt liegen würde. Manchmal kommt so eine Grütze in meinem Kopf zusammen. Noch schlimmer, dass das Brummen stoßweise ertönte.

Verschlafen blicke ich irgendwann auf mein Telefon. Halb sechs ist es und ich höre vor meinem Zelt schon Schritte und das Geklapper von Fahrrädern. Schon verrückt, wann die ersten Sportskanonen ihr Haus verlassen. Wobei die Fahrradfahrer auch Leute sein könnten, die zur Arbeit fahren. Ja, dann raus aus der Pofe, bevor jemand anfängt, Fragen zu stellen. So stapfe ich kurze Zeit später um mein Zelt herum und beginne die Heringe zu ziehen. Lotte habe ich wie am Vorabend an meinem Wagen angebunden. Sie sitzt jetzt da und zittert am ganzen Leib. So sehr steht sie unter körperlicher Anspannung. Kaum hundert Meter von uns entfernt hoppeln die Hasen durch das taufrische Gras.

Als Erstes suche ich in Rethen einen Supermarkt auf. Ich muss einige Vorräte auffüllen. Verlaufe mich natürlich, weil einmal falsch abgebogen und verliere so bestimmt eine halbe Stunde. Es ist eigentlich nicht weiter schlimm, ärgert mich aber dennoch.

Hinter Rethen treffe ich dann auf einen anderen Wandersmann. Bestimmt ist er schon weit über siebzig. Zotteliges graues Haar, Bart. Die Haut von der Sonne stark gebräunt. Die Wanderschuhe sind es aber, die ihn in ein äußerst uriges Licht rücken. Denn der vordere Teil ist einfach weggeschnitten, was seine knorrig erscheinenden Zehen enthüllt. Es ist ein Bild, das ich so noch nie sehen durfte. Er sei nun schon über fünf Wochen so unterwegs und es wäre ein hervorragendes Laufen. Nach einigen weiteren Worten gewähre ich ihm ein Foto von mir und meinem Wagen und man trennt sich wieder.

Kurz darauf betrete ich ein weiteres Naturschutzgebiet. Viele Teiche und Seen säumen hier meinen Weg. Schwäne und unzählige Enten ziehen ihre Bahnen. Blesshühner paddeln in Ufernähe umher. Ich befinde mich an der Leineaue zwischen Koldingen und Ruthe. Hier begegne ich einer dreiköpfigen Gruppe, die eine Runde mit ihren Fahrrädern dreht. Eigentlich seien sie mehr Leute. Die Übrigen seien aber verhindert. Nach kurzer Plauderei wünscht man sich eine angenehme und sichere Weiterreise und zieht seines Weges.

Bei Ruthe ändert sich dann das Panoramabild. Die Umgebung wird bergiger. Und bei Schliekum entdecke ich ein Holzhüttchen mit Bank, Tisch und Mülleimer. Pause. Lotte liegt im Gras und blinzelt in die Sonne, während ich eins meiner letzten Brötchen esse. Der Tag ist herrlich. Es hängen Wolken am Himmel. Die Temperaturen sind nicht zu hoch. Ein leichter Wind weht. Kurz gesagt, ein tolles Wanderwetter.

Mit gefülltem Bauch und guter Laune trotte ich weiter. Da höre ich auf Höhe Jeinsen Stimmen hinter mir. Ich bleibe stehen, drehe mich um und entdecke zwei Radler. Zuerst stehe ich auf dem Schlauch, denn ich erkenne sie vom Vortag nicht. Das Pärchen ist leicht überrascht, dass ich schon so weit gekommen bin. Sie selber würden den Leineradweg fahren und kämen aus Buchholz in der Nordheide. Wobei sie keinen zu starken Antrieb haben. Wenn sie nur zwanzig Kilometer am Tag fahren, dann ist das so. Wenn es fünfzig und mehr werden, dann auch. Es sei eine »Lass die Seele baumeln Tour«. So möchte ich es einmal nennen.

Hinter Schulenburg gönne ich mir und Lotte eine weitere kurze Pause. Ich nehme meine Fleecejacke ab, die ich mir im Laufe des Tages um die Hüfte gebunden habe, und lege sie über meine Zugdeichsel. Etwas, dass ich gute anderthalb Kilometer später bitter bereuen werde. Denn als ich an eine Hauptstraße komme und dort mit einem weiteren Wanderer ins Gespräch komme, fällt mir auf, dass etwas fehlt. Die Jacke. So drehe ich meinen Zossen um und gehe, nun in Begleitung, den Weg zurück. Uns beiden kommen Radler entgegen. Ich frage, ob sie eine blaue Jacke gefunden hätten. Sie bejahen die Frage. Hätten die über einen Stein gelegt. Zumindest ist sie nicht weg, denke ich. Also geht es weiter zurück. Da ertönen erneut Stimmen hinter uns. Das Radlerpärchen von eben kommt zurück und bietet mir an mir die Jacke zu holen. Sie seien mit den Rädern schneller. Es würde weniger Zeit kosten. Ich könne wieder kehrt machen und zur Hauptstraße laufen. Abgemacht. Und ein riesiges Dankeschön für diesen Dienst. So verabschiede ich mich von meinem Läuferkollegen und trotte zu meinem Ausgangpunkt zurück, wo mir der Verlust aufgefallen ist.

Schnell noch ein Foto vom Schloss Marienburg gemacht, da plaudere ich schon mit der nächsten Person. Eine ältere Dame, die aus der Schweiz der Liebe wegen hier hergezogen ist. Die Berglein hier seien natürlich nicht mit denen in der Schweiz vergleichbar. Das mit Sicherheit. So trennen wir uns nach kurzer Plauderei über dies und jenes nach wenigen hundert Metern wieder.

Bei den Wülfinger Teichen, die direkt an die Leine angrenzen, finde ich erneut eine Bank, die ich für eine kurze Verschnaufpause nutze. Kaum sitze ich, hält ein Wagen neben mir. Unweit von hier sei ein guter Platz zum Campieren. Das mag sicher sein, aber ich gebe zu verstehen, dass ich noch einige Kilometer machen möchte. Es sei direkt an den Teichen. Ein schönes ruhiges Plätzchen. Ich bedanke mich. Bestärke aber meine Aussage, dass ich noch weiter möchte. Mault die Dame vom Beifahrersitz, dass man mir hier gerade einen Schlafplatz geboten hätte. Nun schalte ich auf stur. Ich kann verstehen, dass viele Wirtschaftszweige durch diese Krankheit in Schieflage geraten sind. Gastronomie- und Übernachtungsindustrie eingeschlossen. Aber mit Unmut zu reagieren, wenn jemand ablehnt, stärkt nicht gerade die eigene Position. Also ziehe ich von dannen.

Bis Elze entscheide ich mich, letztendlich zu gehen. Die Idee ist aber Grütze. Elze hat nichts! Gar nichts. Ich treffe in einer Parkanlage auf eine Gruppe Jugendlicher, die mir ein Bier ausgibt. Dafür danke. Aber auf meine Frage, ob es hier etwas Gescheites gibt, schütteln alle mit dem Kopf. Die Stadt sei Mist. Ich könne aber in der Nähe vom Freibad übernachten. Da sei eine Wiese, die nicht sofort einsehbar sei. Immerhin. Dort angekommen vergeht mir aber die Lust hier die Nacht zu verbringen. Die vielbefahrenen Bahngleise liegen in direkter Nachbarschaft. Gefühlt alle fünf Minuten donnert ein Zug vorbei. Hier schlafe ich garantiert nicht. Also noch weiter.

Ich laufe und laufe. Finde aber keine Futterwiese. Nur Getreidefelder, Mais oder Kohlrabi. Ein Fleckchen Grün, wo man ein Zelt hinstellen kann. Die Nacht bricht schon herein, als ich meine Schlafstätte direkt auf dem Grünstreifen aufbaue. Der ist gerade breit genug. Was ich im Halbdunkel und durch das hohe Gras nicht erkannt habe, dass ich mich direkt in die Treckerspur von einem großen Ackerschlepper gebaut habe. Nach außen hin hat der Zeltboden zwei tiefe Täler. So liege ich in der Mitte und versuche nicht nach rechts oder links zum Hund zu rutschen. So endet der Tag für mich in einem Balanceakt, aber doch recht angenehmen Schlaf.

Laufstrecke: 35,69 km
Höhenmeter: 98 m
Zeit: 6:48 h
D.-geschw.: 5,23 km/h
Schritte: 45435

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