Der Körper schreit nach einer Pause

22.07.2020

Frisch und munter stapfen Lotte und ich am Morgen die Stufen der Kellertreppe hinauf. Meine Gastgeber sind schon lange wach. Ich gebe zu, dass ich leicht verschlafen habe. Vielleicht hat der Körper das aber auch einfach mal gebraucht. So sitze ich mit Heiko kurze Zeit später auf der Terrasse und frühstücke. Alleine. Er und Margret hätten das schon vor längerer Zeit erledigt. So quatscht man nebenher noch über das ein oder andere Thema. Dass ich mir wohl für den kommenden Abend eine Pension suchen werde, ist eines davon. Irgendwie möchte ich einen Ruhetag einlegen. Vom Rhythmus Lauftage zu Pausentage ist das absolut in Ordnung. Ich hatte zuhause grob geplant, fünf Tage am Stück zu laufen und dann einen Tag die Beine hochzulegen. Dadurch, dass ich bis nach Hannover über sieben Tage in eins durchgestiefelt bin, eröffnet mir jetzt die Möglichkeit bereits nach vier Tagen faul zu sein. Lotte sieht auch so aus, als könnte sie eine längere Pause gebrauchen.

Also raus und ab auf die Straße. Wobei es schmalen Schotterweg eher trifft. Ich laufe heute viele Kilometer an Bahngleisen entlang. Mal nur als schmaler Pfad, aber auch als Wirtschaftsweg mit zwei Spuren, dass ein Auto hier fahren kann. Gefühlt alle fünf Minuten rauscht ein Zug an mir vorbei. Man hat mir erklärt, dass das hier eine der Haupttransitstrecken ist. Besonders für Güterzüge. Es rumpelt, raucht und poltert jedes Mal, wenn wie einer vorbei kommt. Irgendwie ist es auch interessant. Wann sieht man mal so viele Schienenfahrzeuge? Für Anwohner ist das sicher nicht so spaßig. Aber für mich, der hier auf der Durchreise ist, ist das mal eine Abwechslung.

Bei Freden entdecke ich dann eine Bank an einem Bachlauf. Lotte kühlt sich ab und holt sich einen nassen Bauch, das kann ich dann auch. Nur nicht den nassen Bauch. Ich schnappe mir meinen Klappeimer und schaufel mir mit beiden Händen dessen Inhalt auf der Bank sitzend mit Wonne ins Gesicht. Was ein schönes erfrischendes Gefühl. Da hält ein Radreisender neben mir an. Durch das Wasser, das noch über mein Gesicht läuft, blinzel ich mehr, als das ich einen klaren Blick habe. Wenige Sekunden später hat sich das aber gelegt. Der Herr setzt sich neben mir und ich biete ihm etwas von meinem kühlen Nass an. Zwei Hände tauchen in den Eimer. Es platscht und plätschert. Ein freudiges Schnaufen dringt an meine Ohren. Ja, heute ist es echt warm. Da kommt einem doch der Eimer Bachwasser gerade recht.

Mein Sitznachbar heiße NiKo. Nils Konstantin voll ausgesprochen. Er war mit seiner Familie in Österreich und dort sei ihm die Decke auf den Kopf gefallen. Also ist er mit der Bahn heimgefahren, nur um dann mit dem Fahrrad wieder Richtung Süden zu radeln. Verrückt. Aber kann man mal machen. Ni-Ko ist jedenfalls einer der Wenigen, der noch analog unterwegs ist. Kein Akku am Fahrrad. Das käme ihm nicht in die Tüte. Auf die Frage, ob ich eine maschinelle Antriebshilfe habe, schüttel ich den Kopf. Nur reine Muskelkraft. Keine technische Hilfe. Schnell noch ein Foto von meinem Zossen geschossen und dann radelt mein Gesprächspartner wieder weiter. Wenige Minuten später folge ich ihm mit gemächlichem Schritt.

Aber irgendetwas hat sich verändert. Mein linker Hacken schmerzt. Was ist denn nun? Bei der nächsten Bank gehe ich der Sache auf den Grund. Die Polsterung von meinem Schuh löst sich auf. Leider habe ich zu spät reagiert und eine Blase hat sich gebildet. Was tun? Ich krame mein Faserklebeband hervor. Zerreiße ein Papiertaschentuch und rekonstruiere so gut es geht die Hackenpolsterung. Fuß wieder in den Schuh und die Schnürung noch einmal etwas fester gezogen. Geht. So kann ich zumindest die Strecke zu einem Schuhgeschäft überbrücken. Doch, wann taucht auf meinem Weg eins auf? Muss ich einen großen Umweg in Kauf nehmen? Ich weiß das nicht.

Ich laufe weiter und treffe auf einen Senioren, der ebenfalls analog unterwegs ist. Er sei Mitte achtzig und würde jeden Tag so seine Runde drehen. Man müsse ja fit bleiben. Von den E-Fahrrädern und deren Besitzer halte er nicht viel, wie er mir erzählt. Jedenfalls von den meisten nicht. Es gibt auch Vernünftige unter ihnen. Der Großteil würde ihn aber nerven. Von ihm bekomme ich noch den Hinweis, dass wenige Kilometer weiter vor mir jemand Unrat mitten auf dem Weg entsorgt hätte. Bretter mit Nägeln und recht viel zerbrochenes Glas würde dort liegen. Ich müsse aufpassen. Besonders auf Lotte. Ich bedanke mich für den Tipp und ziehe weiter. Quäle mich beim Erreichen durch den Grünstreifen an dem vorgewarnten Hindernis vorbei.

Kreiensen soll an diese Tag dann das Ende sein. Ich entdecke Hinweisschilder für einen Landgasthof mit Fremdenzimmern. Leider ist das Wirtshaus schon länger nicht mehr geöffnet. Wo ich mich aufrege, dass man die Werbeschilder unterwegs nicht entfernt hat. Von Anwohnern bekomme ich dann den Tipp für eine andere Pension. Das Gebäude sagt mir aber überhaupt nicht zu. Es hat seine besten Tage längst hinter sich gebracht. An der Eingangstür vier Klingelschilder, wo aber nicht ersichtlich ist, wer oder was jetzt die Pension sein soll. Also ziehe ich weiter.

Bekomme einen weiteren Tipp am Leineufer, dass wenige hundert Meter vor mir ein Schützenheim wäre. Dort sei es sicher nicht das Problem eine Nacht zu zelten. Und einem Schützenbruder würde man an diesem Ort sicher helfen. Leider ist dieser Ort nicht beschildert oder ich sehe diese nicht, so dass ich daran vorbei renne.

Bis hinter Volksen führt mein Weg mich dann doch noch. Hier kann ich mit Lotte ein Hotelzimmer beziehen. Auch kann ich hier meine Kleidung waschen. Vielmehr wird für mich gewaschen. Wie dem auch sei. Ich habe ein richtiges Bett und kann hier zwei Nächte meine Füße schonen. Lotte wird sich den folgenden Tag kaum bewegen. Die genießt ihre Pause in vollen Zügen und durchlebt die vergangenen Ereignisse in ihren Träumen ein zweites Mal.

Laufstrecke: 26,66 km
Höhenmeter: 68 m
Zeit: 5:04 h
D.-geschw.: 5,25 km/h
Schritte: 33273

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