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Neue Schuhe braucht der Mann

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24.07.2020

Motivation ist schon etwas Feines, wenn man sie denn hat. Mir fehlt sie an diesem Morgen irgendwie. Ich bin zwar sehr früh wach und beginne meine Sachen zu packen. Lust weiter zu laufen habe ich aber überhaupt nicht. Ich könnte gut und gerne noch eine Nacht hier bleiben. Aber würde ich dann mein Ziel rechtzeitig erreichen? Zumal ich ja noch weit weg bin. Es kann noch so viel passieren. Nein. Jeder weitere Kilometer hinter mir muss nicht mehr gelaufen werden. So trage ich mein Gepäck durch die Flure des Hotels hinunter zur Garage, wo mein Anhänger steht. Tags zuvor habe ich noch etwas an meinem linken Schuh herum repariert. Faserklebeband und Papiertaschentücher. Dazu habe ich mich via Internet nach einem Schuhgeschäft in der Nähe umgesehen. Auch habe ich einen Anruf von Zuhause erhalten, wo ich Hilfestellung beim Finden eines solchen bekommen habe. Schon komisch. Da gibt es daheim oft so viele Reibungspunkte, dass man sich bis auf das Nötigste nichts zu sagen hat. Aber in diesen Zeiten ist es alles anders. Irgendwie schön.

Am späten Vormittag trete ich mit Lotte wieder auf die Straße. Die Innenstadt von Einbeck ist unser Ziel. Schuhe kaufen. Ich könnte zwar vorher abknicken und über die Feldmarkt Richtung Northeim laufen, was wohl einige Kilometer sparen würde. Müsste so aber in meinen derzeitigen Tretern weiter machen. Noch dazu hat man mir nahegelegt, dass ich mir die Innenstadt von Einbeck einmal ansehen soll. Das soll dort ganz toll sein. Die alten Fachwerkhäuser mit den vielen Schnitzereien in den dicken Balken des Gefachs. Und wirklich. Die Innenstadt ist einen Besuch absolut wert. Was mir hier aber besonders auffällt, sind die Menschen. In den Straßencafés und vor den Geschäften. Alle schauen sie mir hinter her. Sicher mag das auch schon woanders der Fall gewesen sein, hier bemerke ich es aber besonders. Mag daran liegen, dass recht viele den Schriftzug auf meinem Anhänger laut lesen. »Zu Fuß durch Deutschland«.

Wichtiger ist jetzt aber ein Schuhgeschäft. Im Ersten ohne Glück stelle ich meine Suche um. Ein Sportartikelgeschäft wäre wohl passender für mein weiteres Vorhaben. Also einmal links, einmal rechts, eine schnelle Pirouette und schon bin ich da. Kaum in der Schuhabteilung, werde ich freundlich empfangen. Es folgten wenige erklärende Worte und das Problem für mein dickes Fußgelenk ist lokalisiert. Die Schuhe. Vielmehr die Sohle. Sie ist zu Hart. Das sei aber völlig normal, meint der mein Verkäufer. Sehr viele beginnen mit dem, was sie zuhause haben und stellen dann unterwegs fest, dass es die falsche Entscheidung gewesen ist. So werden mir echte Laufschuhe vorgestellt. Und was soll ich sagen? Es läuft sich wie auf Wolken. Unfassbar dieser Unterschied. Ein Unterschied, der aber auch ein tiefes Loch in meine Reisekasse reißt. Dafür soll ich bis zum Ende meiner Reise keine Probleme mehr haben. Na, warten wir es ab. Schnell noch ein Restaurant aufgesucht und etwas von der Mittagskarte verzehrt und dann geht es mit Lotte weiter Richtung Northeim.

Der Weg ist Kacke! Zum ersten Mal bin ich richtig gefrustet, was meinen Pfad betrifft. Hauptstraße. Nicht dass ich das zuvor schon einige Kilometer gelaufen bin. Hier nervt es mich jedoch. Gewaltig! Zumal ich vor die Wahl gestellt wurde, ob ich den Fahrradweg nutze, der an der Bundesstraße entlang führt, oder ob ich die Alternativroute nehme. Die ist, lauf Hinweisschilder, zwei Kilometer länger. Zuerst denke ich, dass ich dann die kürzere Variante an der Bundesstraße nehme. Schwenke in dem Örtchen Salzderhelden aber um und entscheide mich für die etwas längere Version. Scheißidee. Es geht über einen Fahrradweg an einer viel befahrenen Straße entlang. Wäre ich mit dem Drahtesel jetzt hier, würde mich das wohl auch nicht so stören. Weil ich schneller wäre und diesen Abschnitt zügiger hinter mir lassen würde. Nun latsche ich aber fast siebzehn Kilometer hier umher. Ganz grausam.

Einzig die Rotte Wildschweine treibt kurz Sorgenfalten auf meine Stirn. Zwei gewaltige Tiere und eine Menge kleinerer laufen, von einem Mähdrescher aufgescheucht, in ein kleineres Waldstück, das direkt am Fahrradweg angrenzt. Zum Glück habe ich Lotte wenige hundert Meter zuvor in ihre Box gesteckt. Wildschweine kennt sie so nicht. Sie kennt nur, das läuft weg, das finde ich interessant, da will ich hinterher. Nun spielt sich in meinem Kopf das Szenaio ab, was gewesen wäre, wenn meine Blödkuh in die Rotte geprescht wäre. Glück gehabt.

Erst kurz vor Northeim darf ich wieder Wirtschaftswege laufen. Und ich muss nicht durch die Stadt durch. So spare ich mir einige Kilometer, die zuvor auf den Wegweisern immer angezeigt wurden. Wenn ich wollen würde, müsste ich den Leine-Radweg verlassen. Da ich aber nicht möchte, spare ich Weg und Zeit. Weit komme ich jedoch nicht mehr. Auf einem Gehöft, das sich Leinemühle nennt, beende ich heute meine Etappe. In der Scheune darf ich aus versicherungstechnischen Gründen zwar nicht schlafen, darf aber eine Wiese mit meinem Zelt beziehen. Reicht. Zum Abschluss gibt es noch ein schnelles Bier für meine Erzählungen und dann geht es auch schon in den Schlafsack.

Laufstrecke: 27,52 km
Höhenmeter: 55 m
Zeit: 4:47 h
D.-geschw.: 5,75 km/h
Schritte: 34977

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