Niedersachsen, Hessen, Thüringen

26.07.2020

Es hustet und pustet und drück kraftvoll gegen meine Zeltwand. Lautes Prasseln dringt an mein Ohr. Was ist denn hier los? Ich strecke den Arm aus und drücke gegen die Beule der Zeltplane, die in meinen Raum hineindrückt. Natürlich ist das völlig bescheuert, aber irgendwie beruhigt es mich etwas. Der Tag dämmert langsam. Zumindest kann ich in der Silhouette Lotte erkennen. Die Taschen. Dann nimmt der Wind gefühlt noch einmal zu. Das Prasseln wird lauter und von der Tropfenfrequenz intensiver. So langsam mache ich mir Gedanken. Nicht wegen dem Regen. Der Wind treibt mir die Falten auf die Stirn. Zumal ich am Vorabend nicht alle Heringe eingeschlagen habe. Der Boden war zu hart und steinig. Hoffentlich fliegt der ganze Mist jetzt nicht auseinander.

Ich bin tatsächlich irgendwann wieder eingeschlafen. Es ist bereits nach acht, als ich die Augen wieder öffne. Der Regen prasselt nach wie vor. Ich setze mich auf und lausche der gleichmäßigen Geräuschkulisse. Es hat fast etwas Hypnotisches. Die Minuten verfliegen geradezu. Ich könnte ja etwas machen. Meine Sachen packen. Dann müsste ich nur noch das Zelt abbauen, wenn der Regen aufhört. Ich würde Zeit gewinnen. Dieses Prasseln! Meine Gedanken schwimmen wieder davon. Wohin? Zwischenzeitlich kann ich es nicht sagen. Daraus dringt eine Nervosität hervor. Was ist, wenn der Tag so zu Ende geht? Mit Dauerregen? Ich stehe wild mit meinem Zelt auf einem Acker und komme bei dem Guss von oben nicht weiter. Noch dazu hat mein Körper die Idee, dass er Dinge absondern möchte. Was macht man da? Hinaus gehen und klatschnass werden? Ich sitze da und rutsche unruhig hin und her. Ich greife das Telefon und rufe zu Hause an. Mein Datenvolumen ist erschöpft und ein Blick auf die Wettergeschehnisse kann ich mir so klemmen. Man möge doch bitte einmal schauen, wie weit das Regenband auf Höhe Göttingen ist. Kurze Zeit später der Rückruf. Eine halbe bis eine Stunde müsste ich noch im Zelt ausharren. Katastrophe! Ich muss eine Lösung finden!

Gegen halb elf ist der ganze Spuk vorbei und sie Sonne kommt heraus. Der Wind ist fast zum Erliegen gekommen. Es ist alles gut gegangen. Einzig die vielen Nacktschnecken, die mein Zelt in ihrer langsamen Weise versuchen zu erobern. Es ist schleimig und ekelig die Dinger von der Plane zu pulen. Leute kommen vorbei und schauen verwundert, dass hier jemand die Nacht verbracht hat.

Nachdem ich in Reinshof in einer Bushaltestelle gesessen und gefrühstückt habe, geht es weiter. Die folge der Bundesstraße nach Niedernjesa. Dort klingel ich ein weiteres Mal und frage nach ein paar Liter Leitungswasser. Man weist auf einen Wasserhahn an der Fassade hin. Ansonsten wirkt der Herr recht kühl. Wie dem auch sei. Ich bekomme, was ich brauche. Darauf kommt es an. Wieder auf dem Fahrradweg hält ein Radler neben mir. Zusammen gehen wir ein paar Meter. Ich beschreibe einige meiner bisherigen Erlebnisse und was ich noch so vorhabe. Meint er, dass er aus Göttingen kommt und einst einem Radreisenden Unterschlupf gewährt hat. Zusammen habe man einen ausgelassenen Abend verbracht. Das hätte ich gestern auch gebraucht, gebe ich zu verstehen. Aber egal. Es ist jetzt, wie es ist und alles gut. Noch schnell nach einem Supermarkt gefragt, dann trennen sich unsere Wege wieder.

Ich soll bis Groß Schneen weiter. Da würde ich alles finden und bekommen. Aber, ich bin dumm! Es ist Sonntag! Ich bekomme gar nichts! All die Zeit auf der Straße, ich habe in diesem Moment glatt den Tag vergessen. Da entdecke ich beim Wegweiser zu Obernjesa einen Hinweis für den Leineradweg. Weiter an der Bundesstraße oder zurück in die Idylle? Erstgenanntes wäre jedoch totaler Quatsch. Ich kann nichts kaufen. Also zurück zu Leine. Auf dem Weg dorthin begegne ich einem weiteren Radler. Schwer beladen mit Taschen, hat der Herr Größeres vor. Er wolle nach Hann, Münden weiter. Von dort an der Weser bis zur Nordsee radeln. Man wünscht sich gegenseitig viel Glück für den weiteren Verlauf und zieht weiter.

In Friedland lerne ich wieder etwas Neues dazu. Ich müsste da mal wieder irgendwo hin. Ich entdecke einen jungen Herrn, der vor einem Gebäude steht. Schnell gefragt, ob es hier eine Möglichkeit für mich gibt. Der bringt mich zum Pförtner. Von dort wird über Funk koordiniert, wo ich denn hin darf. Wo bin ich hier denn gelandet? Ich bekomme eine Wegbeschreibung. Dort soll ich hingehen. Es würde dort jemand auf mich warten. Der würde mir dann das Örtchen zeigen. Solch ein Aufriss. Verrückt. Also einmal links, einmal rechts und ich sehe meine Kontaktperson. Parole? Nein Spaß. Wo bin ich hier? Bei der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen? Noch nie gehört. Hier kommen Menschen her, die nach Deutschland einwandern. Zum Beispiel aus Kasachstan oder Kirgistan. Hier müssen sie einige Tage oder Wochen verbringen, ehe sie von den Behörden ihrem neuen Wohnort zugewiesen werden. Einige haben auch schon Familien in Deutschland. Dann geht der Papierkram und die Zuweisung schneller. Durch den ganzen Mist, den Carola angerichtet hat, ist derzeit nur mehr Personal an der Pförtnerei. Ansonsten ist die Stimmung hier äußerst entspannt. Ist ja irre. Das Areal ist riesig. Hat aber mehr das Flair einer Kaserne. Neugierige Augen beobachten uns zwei, als wir zu einem der Hauptgebäude gehen. Hier könne ich loswerden, was mich belastet.

Nach diesem Erlebnis verpeile ich das mit meinem Weg. Ich hätte bis Hohengandern/Thüringen noch an der Leine laufen können. Lande jedoch über einen Umweg samt Berg in Hebenshausen/Hessen. Von Spaziergängern erfahre ich, dass ich Niedersachsen verlassen habe. So fühlt sich das also an? Ich spüre ein leichtes Kribbeln in mir. Ein bisschen Stolz ist auch dabei. Wo ich denn nun hinmöchte? Richtung Wahlhausen. Zumindest habe ich das als Zwischenziel im Navi stehen. Von hier sei das schlecht zu erreichen. Es gibt hier nur die Bundesstraße ohne Radweg oder einen Weg, der so richtig über einen Berg führt. Ich soll mich links halten und nach Niedergandern laufen. Was mich wieder nach Niedersachsen bringt. Ich stecke mitten in diesem Dreiländereck.

In letztgenannten Dorf drückt es mich schon wieder. Was ist denn heute los mit mir? Habe ich etwas Falsches gegessen? Also ein weiteres Mal ein Örtchen gesucht. Ich schiebe auf ein ganz kleines Gehöft. Eine Dame steht unweit der Haustür. Ob ich hier mal wohin dürfte? Ihre Antwort ist nur, dass sie Hans fragen muss und dann weg ist. Ich stehe mit verwundertem Blick auf dem Hof und weiß nicht so ganz, wie ich damit jetzt umgehen soll. Kurz darauf erscheint aber angesprochene Person. Ein musternder Blick auf Lotte, meinen Wagen und mich, dann geht das klar. Weiter komme ich heute dann auch nicht mehr. Zuerst sitzen Hans und ich an seinem Teich. Quatschen über dieses und jenes und beobachten seine Kois. Später sitzen wir dann in seinem Hobbyraum und trinken Bier. Wobei: Hans trinkt Bier. Ich gebe mich mit Alster zufrieden. Lotte bekommt heute mal etwas ganz besonders. Seine Enkelin kredenzt ihr einen prall gefüllten Napf. Noch dazu bekommt sie ein getrocknetes Ziegenohr. Hund müsste man sein. Wobei, nee. Iiih! Der Geruch, der vom Ohr ausgeht. Nicht schön.

Gegen Mitternacht bin ich dann alleine im Hobbyraum. Hans und ich haben noch lange geplaudert und philosophiert. Die zwanzig Kilometer habe ich heute verpasst. Aber das ist egal. Ich habe ein Dach über dem Kopf. Lotte schnauft zufrieden auf ihrer Decke und ist schon lange im Land der Träume. Und dahin möchte ich jetzt auch!

Laufstrecke: 19,70 km
Höhenmeter: 131 m
Zeit: 3:38 h
D.-geschw.: 5,40 km/h
Schritte: 25294

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