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Ab ins Heu!

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29.07.2020

Wie im vorangegangenen Bericht bereits beschrieben, das Zimmer ist wirklich klasse. Leider dringt das Internetsignal nicht wirklich zu mir durch. Dafür muss ich mich auf den Flur setzen. Noch dazu ist mein Herbergsvater einer von den ganz, ganz, ganz genauen. Übertrieben dargestellt öffnet er mir am Montag im Ganzkörperschutzanzug die Tür. Erklärt mir alles ganz penibel. Hier Maske, dort nicht. Dann dort wieder ja. Am Besten überhaupt nicht atmen und nichts anfassen. Innerlich abdrehen tu ich dann am nächsten Morgen beim Frühstück. Ich betrete den Raum und der gute Mann steht schon parat. Visier, Handschuhe. Ich wünsche einen guten Morgen. Einen wunderschönen DIENSTAG-Morgen! Ich blicke verstört in den Raum. Was war das denn jetzt? Das wunderschön lasse ich ja noch durchgehen. Aber dieser Dienstag. So betont und penetrant. Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Mir wird das Prozedere erklärt, wie ich zu essen habe. Maske beim Brot und Aufschnitt holen. Am Tisch kann ich sie absetzen. Wenn ich Nachschlag möchte, muss ich wieder mit der Maske durch den Raum laufen. Da kommen weitere Übernachtungsgäste in den Frühstücksraum. Einen wunderschönen DIENSTAG-Morgen. Alter! Gleiches Szenario am Mittwoch. Visier, Handschuhe, einen wunderschönen MITTWOCH-Morgen! Gruselig. Zumindest weiß ich in dieser Zeit, welcher Tag gerade ist. Damit hatte ich unterwegs leichte Probleme. Mal war ich einen Tag zu weit, mal gedanklich hinterher.

Nachdem ich etwas in der Stadt umher gestolpert bin und die Wegweiser des Werraradwegs gesucht habe, geht es jetzt weiter Richtung Süden. Die ganze Zeit werde und kann ich aber nicht dem Radweg folgen. Die Werra fließt hier in solch großen Schleifen, dass ich querfeldein laufen muss. Sonst würde ich zu lange brauchen. Doch bis ich von diesem Weg abknicke, dauert es noch einige Kilometer. Ich darf noch zwei größere Flusswindungen mitnehmen. Vom Verkehr her ist der Werratalradweg eine Autobahn. Es ist Wahnsinn, wie viele Radler mit prallen Gepäcktaschen unterwegs sind.

Vor Albungen gönne ich Lotte und mir eine größere Verschnaufpause. Schnell eine Dose Fisch vertilgen und die Landschaft genießen. Allen voran den Schatten, die die Bäume hier am Waldrand werfen. Von weiter unten her kommen Fahrradfahrer in meine Richtung. Da ist man aber am Kurbeln. Die Pedale drehen sich schnell und gleichmäßig. Die Geschwindigkeit knapp über der eines Spaziergängers. Da ist noch jemand analog unterwegs. Ein kleines Necken kann ich mir nicht verkneifen. Gelächter und einer schnaufenden Atmung. Das Pärchen ist nicht mehr das Jüngste. Aber auf Akku möchte man, solange es eben geht, noch verzichten. Man kommt aus dem Rheintal bei Mannheim. Da ist eh alles platt. Nach weiteren Minuten der Plauderei trennen sich die Wege wieder. Man hat noch mehr vor. Gleiches gilt für mich. Also laufe ich weiter.

Als ich in Albungen über die Brücke gehe, die gerade einmal so breit ist, dass immer nur ein Radler drüber kann, werde ich auf der anderen Seite schon erwartet. Ob mein Pony noch auf der anderen Seite steht? Nein, nein. Das ziehe alles ich alleine. Hilft der Hund denn mal mit? Nein, dafür ist sie zu klein. Ich ernte einen respektvollen Blick, als ich mein Projekt kurz beschreibe. Wie weit ich es heute noch schaffen will? Keine Ahnung. Ich laufe einfach, bis ich keine Lust mehr habe. Wie die anderen Tage auch. So trennen sich die Wege wieder.

Zwischen Heiligenstein und Niederhone ist es dann so weit. Ich lasse die Werra hinter mir. So ganz genau den Plan habe ich aber nicht, wo ich nun hinlaufe. Ich entdecke neue Hinweisschilder. Wehreradweg, steht darauf. Okay, dann laufe ich jetzt an der Wehre. Dann irgendwann an der Sontra. Zum Schluss an der Ulfe. Um ehrlich zu sein: Zu dem Zetpunkt, wo ich dort entlang bin, habe ich null Ahnung gehabt. Das kann ich jetzt nur im Nachhinein wiedergeben, weil ich mir das auf der Karte alles noch einmal angesehen habe. Aber zurück zur Geschichte.

In Hoheneiche brennt es mir nämlich in der Kehle, wie Hölle. Es ist echt warm heute. Den Inhalt meiner Trinkflaschen mag ich nicht mehr anrühren. Also frage ich mich nach einer Wirtschaft durch. Unterwegs werde ich von einer Gruppe Kindern und Jugendlichen begleitet. Die wirken völlig überfordert, als ich ihnen bestätige, dass ich bis hier her zu Fuß gelaufen bin. Ja, es ist irgendwie schon verrückt. Man hilft mir dabei die Wirtschaft zu finden und löchert mich mit Fragen. Und dann ist Pause. Ein gigantisches Gefühl, als das kühle Nass die Kehle hinunter rinnt. Die lauten Schlappgeräusche von Lotte mit ihrem Wässerchen. Das haben wir beide dringend gebraucht. Besucher an den Nebentischen schauen neugierig und irgendwann geht auch hier die Fragerei los. Nur zu gerne gebe ich Auskunft und verweise dabei, wie eigentlich immer auf mein Reisetagebuch. Nach gut einer Stunde geht es schließlich weiter.

Vor Wichmannshausen bremst mich ein Radfahrer aus. Wo ich hinmöchte? Irgendwie weiter Richtung Meiningen. Das ist das nächste Zwischenziel, das ich seit heute auf meinem Navi angegeben habe. Also werde ich über Krauthausen und Breitau laufen. Kann sein. Ich habe gerade null Orientierung, wo und vor wie. Ich solle mich Richtung Breitau orientieren. Dort sei ein Heuhof, wo man für kleines Geld super schlafen kann. Im Heu halt. Ja, Mega! So etwas hatte ich auch meiner Reise noch nicht. Dann also nach Breitau. Laufe aber erst einmal am dazugehörigen Abzweig dran vorbei. Erst als Rotenburg an der Fulda auf den Wegweisern auftaucht, dämmert es mir. Zum Glück ist der Umweg nicht zu groß geworden. Ich bin nur wenige hundert Meter falsch gelaufen. Während ich nun zurückgehe, um meinen Fehler zu berichtigen, kommt mir der Radler wieder entgegen und winkt, als er links abbiegt. Da ist mein Pfad. Dann habe ich das jetzt auch. Nun bin ich also an der Ulfe. Was mir in diesem Bereich auffällt, dass hier sehr viele Großbaustellen sind. Nahezu in jedem Tal, das ich gerade durchquere, werden Brücken gebaut.

Als ich Breitau endlich erreiche, habe ich eine weitere Etappe hinter mir, die über dreißig Kilometer gebracht hat. Ich bin fix und alle, als ich den Heuhof erreiche. Mit entsetztem Blick muss ich dann feststellen, dass man Betriebsurlaub hat. Es ist zwar der letzte Tag, aber … NEIN! All die Rennerei heute und dann das? Ich entdecke den Hofherr und seine Frau, die mich mit großen Augen mustern. Nach kurzer Schilderung meiner Umstände, geht es klar. Ich darf im Heu übernachten. Man sticht für mich sogar noch ein neues Fass Bier an. Gut, Morgen beginnt hier auch wieder der Alltag. Aber selbstverständlich ist das ja nun nicht. So kommt eine weitere Übernachtung, in einer nicht alltäglichen Schlafstätte, zu den Erinnerungen dieser Reise.

Laufstrecke: 35,45 km
Höhenmeter: 189 m
Zeit: 6:21 h
D.-geschw.: 5,58 km/h
Schritte: 42406

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