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Stadtgebiet. Es wird dunkel. Wo schlafen?

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10.08.2020

Gut erholt geht es nach dem gestrigen »Faultag« für Lotte und mich weiter. Es ist noch recht früh. Soll bedeuten, dass wir zwei heute wirklich etwas schaffen können. So geht es am Kanal entlang weiter Richtung Süden. Was mir gestern schon aufgefallen ist: Es ist mal etwas los auf dem Gewässer. Habe ich sonst in meinen Nacherzählungen genörgelt, dass es hier total langweilig ist, ist es jetzt anders. Immer wieder überholen mich Binnenschiffe. Ansonsten ist es ruhig. Lottes Marke klimpert. Der Schotter knarzt unter meinen Sohlen. Die Wagendeichsel quietscht. Ein leichter Wind weht und lässt sanfte Wellen entstehen. Das Einzige, was doof ist, ich bin auf der Sonnenseite. Etwas mehr Schatten wäre schön. Müsste ja nur zum anderen Ufer schwimmen. Ich gehe zum Wasser, ertränke meine Schirmmütze und setze mir die triefende Kopfbedeckung auf eben diesen. Herrlich! Meter um Meter, Kilometer um Kilometer lasse ich hinter mir. Immer wieder nutzt Lotte die Möglichkeit und geht eine Runde schwimmen. Immer wieder mache ich es ähnlich, indem ich mir eine patschnasse Mütze auf den Kopf setze.

Vor Neuses an der Regnitz werde ich abermals von einem Radler begleitet. Er hätte mich am Vortag in Bamberg schon gesehen. Er kommt aus dem Hamburger Umland. Ist ja verrückt. Da bin ich auch her! Er möchte mit dem Rad noch bis nach München und würde am Tag so an die einhundert Kilometer zurücklegen. Ich Blicke ihn an. Drei Tage noch bis München? Drei Tage noch. Ich kann raten. Wir entdecken einen Kiosk am Wegesrand und entschließen uns zu einer Pause. Hier gibt es Liegestühle, die eigentlich keine Stühle sind. Mehr so Liegematten mit Rückenlehne. Das ist ja geil! Und echt bequem. Ich glaube, ich habe etwas gefunden, das beim nächsten Mal unbedingt mit ins Gepäck muss. Ich bin total angetan. Nach knapp einer Stunde quälen wir uns wieder auf die Beine. Naja, er wieder auf seinen Sattel und radelt davon.

Vor Buckenhofen entdecke ich eine Bank und entschließe mich noch einmal zu einer kurzen Pause. Ich sitze vielleicht fünf Minuten, dann kommt ein älterer Herr und setzt sich zu mir. Und dann geht es los. Ich muss unbedingt noch da und dorthin laufen. Muss mir dieses und jenes ansehen. Dass ich sage, dass ich nur noch begrenzt Zeit habe und mich nicht noch groß in der Gegend rumtreiben kann, interessiert ihn nicht. Hier hin und da auch noch hin. Ich möchte nicht unhöflich sein, kann mir ein Augenrollen nicht verkneifen. Ohne, dass der Herr es sieht. Dann radelt seine Frau an uns vorbei und zieht ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Sie sei nicht weit von hier gestürzt. Ich glaube, ich höre nicht richtig. Und anstatt sich nun um sie zu kümmern, werde ich vollgequatscht? Prioritäten hat der Mann. Unglaublich …

Dann habe ich Forchheim erreicht. Renne eigentlich nur hindurch. Fast. An einem kleinen Sportboothafen mache ich abermals eine Pause. Hier ist Schatten. Ich schnappe mir meinen Eimer und hole mir Wasser aus dem Hafenbecken. Kleine Fische flitzen in Deckung, als ich dem Gewässer näher komme. Lotte schicke ich ein weiteres Mal Schwimmen. Als ich dann weiter möchte, bin ich mit den Gedanken ganz woanders. So kommt es, dass ich mir den Eimerinhalt beim Auskippen über den rechten Fuß schütte. Super! Nützt jetzt nichts. Weiter.

Bis Erlangen sind es jetzt noch gute dreizehn Kilometer. Es wäre gigantisch, wenn ich diese Stadt noch hinter mir lassen könnte. Doch zuerst, abermals eine Pause. Ich begegne zwei Jungs, die mit dem Fahrrad von Karlsruhe aus aufgerochen sind und bis zum Bodensee wollen. In Erlangen wollen sie jemanden besuchen und würden heute keine ganz so lange Etappe fahren. So wünscht man sich wenig später viel Glück für die Weiterreise.

Hinter der Kanalschleuse Hausen ist es dann Lotte, die mir den letzten Nerv raubt. Irgendetwas hat sie im Maisfeld gerochen und ist erst einmal weg. Da lässt man sie einmal zwei Minuten länger von der Leine. Gleich ausgenutzt zur Flucht. Mistvieh! Ich setze mich zu einem Herrn, der gerade am Kanal sitzt. Dessen Hund steht bis zum Bauch im Wasser und blinzelt in den Tag hinein. Jetzt hätte Lotte hier jemanden zum Toben, aber nein. Der Mais. Es dauert gute zehn Minuten, bis sie sich erbarmt und zurück kommt. Gleich an die Leine. Nicht noch einmal, Mädchen.

Vor Kleinseebach werde ich dann von einer Dame auf ihrem Fahrrad angesprochen. Ich sehe so abgekämpft aus. Ob ich etwas trinken möchte? Oh, bitte. Meins ist alles pisswarm und schmeckt genau so. Sie würde fix nach Hause fahren und schauen, was im Kühlschrank steht. Welch ein Service! Während ich warte, plaudere ich mit einem anderen Herrn, der mit seinem Fahrrad angehalten ist. Und dann kommt meine Getränkelieferantin. Mit einer schlechten Nachricht. Es steht kein Erfrischungsgetränk im Kühschrank. Dafür wären aber Eiswürfel im Haus. Alles, was ich nun machen muss, ist ihr zu folgen. So lasse ich mich mitschnacken. Wir reden hier immerhin von einem eisgekühlten Getränk. Da kann man all seine Prioritäten schon mal über Bord werfen.

Dann habe ich es geschafft. Erlangen. Mein Problem: Ich habe mich von diesem Ziel so blenden lassen, dass ich jetzt zu späterer Stunde mitten im Stadtgebiet stehe, beziehungsweise laufe. Wo will ich jetzt schlafen? Es ist schon fast ein Hetzen, was ich gerade mache. Noch dazu schmerzt mein rechter Fußballen. Ich habe mir doch nicht etwa? Ich schaue schnell nach. Ich habe doch nicht? Doch! Ich habe mir eine Blase gelaufen. Die Fußsohle, vom Unfall in Forchheim aufgeweicht, hat sich vom Ballen gelöst. So lange ist es gut gegangen! Da muss man erst geistig umnachtet sein, dass das passiert. Ich wäre ohne wirklich nennenswerte Blasenprobleme am Ziel angekommen. Nun nicht mehr. Grütze!

Einen Schlafplatz! Einen Schlafplatz! Ich entdecke die Hinweisschilder für einen Campingplatz. Toll. Dafür müsste ich zurücklaufen. Niemals! Weiter. Dann kann ich nicht am Kanal weitergehen. Industriegebiet. Ich wusste, dass das noch kommen würde. Aber anders, als vom Ziel geblendet, habe ich dieses jetzt ausgeblendet. Ich muss weiter. Der Fuß bringt mich um. Dann ein stechender Schmerz. Die Haut der Blase ist gerissen. Wie ist das jetzt gekommen? Au, au, au! Ich muss weiter! AUU! Ich humpel wie so ein angetrunkener Pirat durch die Straßen Erlangens. Ein Schritt. Noch einer. NOCH EINER!

Dann. Endlich! Ich bin aus Erlangen raus. Lotte raubt mir den letzten Nerv. Die sitzt schon eine längere Zeit in der Box und bekundet Unmut. Ja, dann lasse ich sie noch einmal kurz laufen. Komm her, du musst an die Leine. An die Leine! AN DIE …! – Dieser dämliche Köter! Der Hase ist natürlich wesentlich schneller. Dadurch, dass der Hund nun aber wieder einmal sein eigenes Abenteuer erlebt, hat sie mir die Suche nach einem Schlafplatz abgenommen. Der wird nämlich genau hier sein. Ein Stoppelfeld. Schnell einen Anruf gen Heimat abgesetzt, dass der Hund doof ist und ich nun hier mein Zelt aufschlage, weil ich nicht weiß, wann sie wiederkommt. Und bevor es nun ganz dunkel wird. Ein Pärchen kommt vorbei und ich gebe fix zu verstehen, dass ich nur auf der Durchreise bin. Das sei denen egal. Ich könne hier ruhig schlafen. Als dann die Luftmatratze aufgeblasen und der Schlafsack ausgepackt ist, kommt schließlich Lotte von ihrem Ausflug zurück. Es war ja heute nicht heiß genug. Nein, wir müssen auch noch einem Hasen nachstellen. Sie trampelt sich sinnbildlich fast auf ihre Zunge. Dafür wird sie bestimmt gleich nochmal so tief schlafen.

Laufstrecke: 36,81 km
Höhenmeter: 89 m
Zeit: 6:27 h
D.-geschw.: 5,70 km/h
Schritte: 45293

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