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»Du verrückter Hund!«

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13.08.2020

Bayern hat Ferien! Es ist nicht mal sieben Uhr in der Früh! Welches Rotzbalg steht in dieser Zeit so früh auf?! Noch dazu: Rennt draußen rum? Immer wieder in einem Zeitabschnitt von gut zwei Sekunden in immer der gleichen Tonlage: Hallo! – Hallo! – Hallo! Ich spüre, wie mein innerer Serienkiller in mir aufsteigt. Was ein Nervgör! Als ich dezent aus der Haut fahre, ist endlich Ruhe. An Schlaf ist jetzt aber nicht mehr zu denken. Der Adrenalinspiegel. Dann stehe ich eben auf. Jetzt, wo ich am Ufer des Kanals stehe und auf die spiegelglatte Wasseroberfläche schaue, beruhigen sich die Wutwogen blitzartig. Ich krame meinen Campingstuhl hervor und genieße den Moment. Ich habe doch noch Brot? Eine Laugenstange? Frühstücke. Heute werde ich das Ziel erreichen. Um zum frühen Nachmittag. Zur Kaffeezeit. Oder erst abends. Das spielt überhaupt keine Rolle.

Während ich nun also da sitze, schiebt sich die Sonne langsam über die Baumwipfel. Ob Fische beißen würden, hätte ich eine Angel dabei? Das kann man nur auf eine Art herausfinden. Ich werfe einige Brotstücke aufs Wasser und beobachte. Es vergehen nur Sekunden, bis junge Rotfedern sich darüber hermachen. Dabei bleibt es dann, bis ich das Hundefutter hinzuziehe. Lotte bekommt natürlich auch etwas ab. Was auf dem Wasser aber losgeht, als die ersten Futterbrocken an der Oberfläche treiben. Schon verrückt. Jetzt kommen die großen Karpfen dazu. So verstreichen die Minuten.

Schließlich bestimmt der innere Tatendrang, dass ich weiterziehen soll. Also den Wagen wieder über die schmale Brücke gezerrt und auf, auf. Die letzten Kilometer wollen erlaufen werden. Vorbei am Tiefenbach-Durchlass am Distellochdamm und weiter Richtung Berg. Unterwegs dorthin komme ich wieder einmal mit einem Radler ins Gespräch. Er möchte bis Beilngries. Dort würden Familienmitglieder auf ihn warten. Wir gehen noch einige Meter gemeinsam, ehe ich kurz darauf wieder alleine gelassen werde. Schritt für Schritt. Vorbei am Treidelschiff »Elfriede«. Vorbei an den Skulpturen des Projektes »Kunst am Kanal«. Jetzt, wo ich hier so langsam durch tingel, fallen mir die vielen kleinen Holzrahmen mit Hinweisschildern auf. Welche Vögel hier am Gewässer umher paddeln. Welche Fische, sowieso. Welche Pflanzenwelt hier dominant ist. Was einem sogar auf dem Fahrrad schnell verloren geht, bekomme ich jetzt mit. Ich laufe gerade wieder eine der langgezogenen Kurven, als »sie« dann in der Ferne auftaucht. Hoch auf einem Berg thront sie. Die Burgruine »Wolfstein«. Ich bin am Ziel! Also, fast. Es kribbelt mir am ganzen Körper.

Von rechts her schiebt sich eine dunkle Wolkenwand über das Himmelszelt. Donnergroll kann ich in der Ferne hören. Ich muss mich beeilen. Oder setze ich mich in ein Wirtshaus und warte ab, bis es vorbei ist? Noch regnet es nicht. Lauf! Lauf, solange es die Umstände noch zulassen. Das Örtchen Berg hinter mir, passiere ich das Ortsschild von Richtheim. Hier prasselt es dann von oben herab. Fast eine ganze Stunde verbringe ich in dem Bushäuschen und betrachte die Tropfen, die auf den Boden treffen und verplatzen. Die dabei ein trichterähnliches Gebilde erzeugen. Fünf Wochen bestes Wetter. Manchmal sogar zu gut. Und jetzt, keine fünf Kilometer mehr vorm Ziel, fängt Petrus das Heulen an. Sentimentaler Bock!

Unter der Autobahnbrücke stehe ich keinen Kilometer später wieder fast eine Stunde. Es prasselt und gießt. Gießt und prasselt. Soll ich einfach weitergehen? Ob ich jetzt nass werde oder »Peng«. Ich kann später duschen. Kann mich aufwärmen. Wobei, halt. Kann ich nicht. Ich habe kein Zimmer. Darum habe ich mich nicht gekümmert. Warum nicht? Weil ich im Vorwege nicht genau sagen konnte, wann ich ankomme. So warte ich den Schauer ab und mache mich dann weiter. Der Asphalt ist so aufgeheizt, dass in Bodennähe sanfte Nebelschwaden aufsteigen. Der Duft vom nassen Grün steigt mir in die Nase.

Vor Kadenzhofen einmal rechts abbiegen und den letzten Anstieg hinter mir lassen. Es kribbelt und krabbelt in mir. Tag neunundzwanzig von anfänglich Geplanten dreißig. Wesentlich mehr Kilometer gelaufen, als anfänglich gedacht. Und doch einen Tag dabei herausgeholt. Eine letzte langgezogene Linkskurve. Ich bin in Pilsach. Lotte in den Wagen gesetzt und Bilder gemacht. Jubel! Trubel! Heiterkeit! Dann geht es hinunter in den Ortskern. Vorbei an der Kirche und ohne Umwege zum Daniel mit seiner Nadja. Dort werde ich mich um einen Platz in einer Pension kümmern. Die warten schon auf den Stufen ihres Hauses. »Du verrückter Hund!«

Laufstrecke: 20,21 km
Höhenmeter: 110 m
Zeit: 4:05 h
D.-geschw.: 4,95 km/h
Schritte: 29254

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